Rechenzentren spielen wichtige Rolle

Digitalisierung ist kein Selbstläufer

Fehlen genügend leistungsfähige Rechenzentren, dann wird die Digitalisierung wohl kaum ein Selbstläufer. Denn die steigenden Datenmengen müssen vorgehalten, verarbeitet und ohne Verzögerung bereitgestellt werden können. Neben den Übertragungswegen spielen hier traditionell auch Rechenzentren eine wichtige Rolle.

Die Digitalisierung wird kein Selbstläufer, wenn leistungsfähige Rechenzentren fehlen.

Die Digitalisierung wird kein Selbstläufer, wenn leistungsfähige Rechenzentren fehlen.

Ohne Rechenzentren keine Digitalisierung: Dies ist alles andere als eine überspitzte Formulierung. Denn deren Bedeutung für die erfolgreiche digitale Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft sollte man nicht unterschätzen. So stellen laut Jens Prautzsch, Geschäftsführer bei Interxion Deutschland, Rechenzentren die Basisinfrastruktur für die Digitalisierung dar. Denn die riesigen Datenmengen, die etwa durch Internet-of-Things-Systeme erhoben und ausgewertet werden müssen, brauchen Orte, an denen sie bearbeitet und ausgetauscht werden. Florian Sippel, Executive Vice President bei Noris Network, ergänzt dazu: „Moderne Rechenzentren mit ihren IT-Ressourcen sind der Treibstoff, ohne den eine digitalisierte Wirtschaft nicht laufen kann. Mit Servern, Speichern und Anbindungen stellen Rechenzentren die für die Digitalisierung von Kommunikation und Produktionsprozessen erforderliche Infrastruktur.“

Im Zuge des mit der Digitalisierung einhergehenden Datenwachstums werden sich die Rechenzentren als Hüter kritischer und sensibler Informationen beweisen müssen. So sagen verschiedene Studien für das Jahr 2025 ein weltweites Datenvolumen von 163 Zettabyte voraus. Das ist eine unvorstellbar große Zahl mit 21 Nullen und in etwa das Zehnfache des heutigen Volumens aller elektronisch vorhandenen Daten. „Für Analyse und Austausch dieser Informationen sind entsprechende Kapazitäten nötig, die nur Datacenter bieten können. Ohne Rechenzentren kann die Digitalisierung in großem Stil nicht stattfinden. Von daher treibt die Digitalisierung den Bedarf an Rechenzentrumskapazitäten massiv voran“, führt Jens Prautzsch weiter aus. Eine Einschätzung, die auch Stefan Maier, Geschäftsführer der Prior1 GmbH, teilt. Seiner Ansicht nach sind Rechenzentren „die Getriebenen der Digitalisierung“.

Neben den entsprechenden Kapazitäten stellt die Digitalisierung auch dramatisch wachsende Anforderungen an die IT-Sicherheit und das Rechtemanagement. „Denn künftig liegen in den Datenbanken ja nicht nur ein paar aggregierte Wirtschaftsdaten, sondern die digitalen Zwillinge von Produkten und Prozessen – und diese unternehmenskritischen Daten sind über das Internet vernetzt“, gibt Florian Sippel zu bedenken. Dabei nehme nicht nur der Schutz von personengebundenen Daten zu, sondern darüber hinaus auch der Bedarf, die Unternehmen vor Wirtschaftsspionage zu schützen.

Reichen heutige RZ-Ressourcen aus?


Doch was bedeutet diese Entwicklungen für die Zukunft der deutschen Rechenzentrumsbranche? Laut Stefan Maier ist dies derzeit noch nicht absehbar. Denn auf der einen Seite gibt es riesige Datacenter-Flächen, die noch viel Platz und damit Kapazitäten zur Verfügung stellen. „Auf der anderen Seite erleben wir jedoch im Zuge der Digitalisierung solche Sprünge und exponentielles Wachstum, dass niemand weiß, wie die Anforderungen der Zukunft aussehen werden. Vor allem die Entwicklungen rund um die Echtzeitkommunikation wie autonomes Fahren sind nicht vorhersehbar“, betont Stefan Maier weiter.

Betrachtet man die derzeit in Deutschland verfügbaren RZ-Ressourcen gibt es sicher noch Luft nach oben. Zwar existieren mehrere „Hotspots“, etwa in Frankfurt am Main oder München, eine flächendeckende Verbreitung von Rechenzentren ist jedoch Fehlanzeige. Generell müssten dabei nicht überall große Datacenter aus dem Boden sprießen, vielmehr reicht es im Rahmen von Edge Computing aus, kleinere Installationen an strategisch wichtigen Versorgungspunkten zu etablieren.

Eine ähnliche Entwicklung macht Dr. Jens J. Gerber, Mitglied der Maincubes-Geschäftsleitung aus. Zwar könnten die genauen Auswirkungen und Änderungen in der RZ-Landschaft heute noch nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden, allerdings sei jetzt schon klar: „Es wird künftig eine deutlich verteiltere Struktur von Rechenzentren geben, die von sehr zentralen Ressourcen über abgesetzte Zwischenlösungen bis hin zu (kleinen) Rechenzentren in der Nähe von Devices reicht“, glaubt Gerber. „Fahrzeuge werden künftig eine Menge IT an Bord haben, eigentlich sind es kleine Rechenzentren mit Motor und Rädern. Bei Flugzeugen und Schiffen sieht das nicht anders aus“, blickt er in die Zukunft. Vor diesem Hintergrund sei die sichere Kommunikation aller Rechenzentren genauso wichtig wie die Sicherstellung von Latenz und Bandbreite. „Kritische Devices in der ‚Edge’ müssen zuverlässig versorgt werden, fordert er, und weiter: „Im Zuge dessen wird sich auch das Aufgabenfeld von Rechenzentrumsbetreiber verlagern, da sie früh genug verteilte RZ-Standorte aufsetzen und anbinden sollten.“

Datenschutz als Standortvorteil


Hinsichtlich der Verfügbarkeit von RZ-Ressourcen schätzt Florian Sippel die Situation nicht allzu dramatisch ein: „In Deutschland herrscht kein Überfluss an IT-Flächen, aber insgesamt sehen wir eine gesunde Struktur und ausreichend Kapazitäten, auch weil hier alle großen internationalen Anbieter und einige lokale Spezialisten Rechenzentrumsflächen auf hohem Niveau anbieten.“ Wichtig ist in seinen Augen folgender Umstand: Die Sensibilität in Deutschland in puncto Qualität und Datenschutz werde sich langfristig als Standortvorteil erweisen, wenn immer mehr kritische Prozess- und Produktdaten ins Netz wandern. „Denn hierzulande wird vielfach schon gelebt, was in anderen Ländern erst noch etabliert werden muss“, so Sippel.

Dass sie die Hände nicht untätig in den Schoß legen dürfen, dessen sind sich die hiesigen Rechenzentrumsbetreiber durchaus bewusst. Von daher geht Donald Badoux, Managing Director bei Equinix Deutschland, davon aus, dass der Markt für Rechenzentren in Deutschland wachsen wird und auch die Investitionen steigen werden. Aktuell hinke man im internationalen Vergleich – zum Beispiel mit Skandinavien, den USA oder Asien – allerdings etwas hinterher.

Ob man den Vorsprung hinsichtlich der Verfügbarkeit von RZ-Ressourcen im Norden Europas oder in den USA wettmachen kann, ist noch unklar. Nach Ansicht von Jens J. Gerber wird die hiesige Datacenter-Branche dafür jedoch nicht nur wachsen, sondern auch transformieren müssen: „Der klassische RZ-Markt wird eine Disruption erfahren, insbesondere auch in den derzeit etablierten Geschäftsmodellen wie beispielsweise Colocation.“ Dabei lautet die Frage, ob Deutschland und Europa eine maßgebliche Rolle im globalen Zusammenhang spielen können oder allein Nutzer bzw. Konsumenten amerikanischer oder chinesischer Geschäftsmodelle sein werden, gibt Gerber zu bedenken. Er glaubt, dass die Kombination von Internet of Things, deutscher Ingenieurskunst und mittelständischem Erfindergeist jedoch sicherlich gute Marktchancen biete.

Kaum Engpässe in der Energieversorgung

Warum Mega-Rechenzentren eher in anderen Teilen der Welt entstehen liegt unter anderem an den alles andere als günstigen Energiekosten in Deutschland. In diesem Zusammenhang fordert Donald Badoux: „Hier muss die deutsche Politik Impulse setzen und den Fortschritt fördern. Die hohe EEG-Umlage beispielsweise schränkt im internationalen Vergleich unsere Wettbewerbsfähigkeit ein.“ Zudem müsse der Ausbau der Energienetze die anstehende Digitalisierung berücksichtigen. „So konkurriert der öffentlich geförderte Trend zur Elektromobilität beim Strombedarf aktuell mit der Digitalisierung“, bemerkt Jens Prautzsch. Laut dem Interxion-Geschäftsführer gilt es, insbesondere zwei Herausforderungen zu meistern: „Erstens, wie ressourcenschonend und nachhaltig kann Energie erzeugt werden, und zweitens, wie kann diese Energie dorthin gelangen, wo sie benötigt wird?“ In den Innenstädten gebe es beispielsweise nicht genügend Fläche, um Solarenergie oder Windkraft für den immensen Energieverbrauch zu nutzen. „Das bedeutet, dass der Netzausbau eine hohe Priorität haben muss, parallel zur Energieerzeugung. Dies gilt im Fern- wie im Nahbereich, also auf bundesweiter wie auf kommunaler Ebene“, ergänzt Jens Prautzsch.

Neben der Politik sind jedoch auch die RZ-Betreiber selbst gefordert, möglichst energieeffiziente Rechenzentren zu bauen und zu betreiben. „Langfristig muss es das Ziel aller Rechenzentrumsbetreiber sein, auf saubere und erneuerbare Energien zurückzugreifen – sowohl vor dem Hintergrund der Energieversorgung als auch dem des Umweltschutzes“, fordert Badoux.

Alles in allem seien Engpässe hinsichtlich der Stromversorgung der Rechenzentren derzeit wohl nicht zu befürchten. „Denn anders als viele Laien glauben, sind Rechenzentren recht angenehme Verbraucher und der Energieverbrauch in modernen Rechenzentren ist grundsätzlich recht stabil“, erläutert Florian Sippel. Kurzfristig könnten Rechenzentren überdies positive oder negative Regelenergie erzeugen. So können laut Sippel beispielsweise kurze Lastspitzen im Stromnetz über den Batterie- oder Notstromdieselbetrieb gepuffert werden oder überschüssiger Strom kann über eine verstärkte Abkühlung der IT-Fläche abgeführt werden. „Das ließe sich in Kooperation mit den Energieversorgern auch ausbauen. Zudem ließen sich Preisanreize setzen, um IT-Ressourcen verstärkt zu Zeiten mit hohem Stromangebot zu nutzen, da sich viele IT-Prozesse ja zeitlich gut verteilen lassen“, macht Florian Sippel Vorschläge für einen effizientere Energieverbrauch.

Bildquelle: Thinkstock/Purestock

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