Kompetenz per Weiterbildung ausbauen

Digitalisierung: Kluge Köpfe sind gefragt

Neben den technologischen Grundvoraussetzungen kommt es bei erfolgreichen Digitalprojekten vor allem auf die Kompetenz der involvierten Mitarbeiter an, die sich mittels Weiterbildung oder in firmeneigenen Digital­laboren ausbauen lässt.

Kluge Köpfe sind gefragt

Für Digitalprojekte braucht es kluge Köpfe.

In Zeiten zunehmender Digitalisierung gilt einmal mehr, dass kaum ein Unternehmen vor dem Wandel gefeit ist. So ist gemäß einer Erhebung der Boston Consulting Group die durchschnittliche Lebensdauer eines Großunternehmens in den letzten 50 Jahren um 75 Prozent gesunken – von durchschnittlich 60 Jahren auf nur noch 15 Jahre. „Globalisierung, der rasche technologische Fortschritt und die ständig wechselnden Anforderungen der Endkunden sprechen eine deutliche Sprache: mitspielen in der digitalen Welt oder untergehen“, betont Doris Niederwieser, Customer Sales Director DACH bei Sum Total, in diesem Zusammenhang.

Gefragt sind Führungskräfte und Mitarbeiter, die sich für Digitalthemen begeistern können. Diese müssen jedoch keine bedingungslosen Digitalenthusiasten sein, die blindlings allen hippen Trends folgen. Denn der eine oder andere postulierte „Hype“ kann sich schnell als heiße Luft erweisen. Vielmehr gilt es, auf Basis von erprobten Infrastruktur- und Software-Technologien das Beste für das eigene Unternehmen herauszuholen.

Eine wichtige Grundlage für erfolgreiche Digitalprojekte ist demnach die Weitsicht von Führungskräften und Mitarbeitern. Unter Beweis stellen können sie diese jedoch nur, wenn auch die entsprechenden Kompetenzen vorhanden sind. Deshalb sollten die Unternehmen zum einen die Aus- und Weiterbildung fördern sowie zum anderen passende talentierte Fachkräfte einstellen.

Über die Art, wie man Digital-Know-how in den Unternehmen vermittelt, gibt es unterschiedliche Ansichten. Eine Befragung von Sopra Steria Consulting unter 354 Führungskräften kam kürzlich zu folgenden Ergebnissen: Mehr als die Hälfte der Entscheidungsträger (53 Prozent) halten es für notwendig, dass sich Mitarbeiter auch in der Freizeit zu Digitalthemen informieren und weiterbilden. Demgegenüber erwägen 44 Prozent eine Entlastung im Tagesgeschäft, damit Mitarbeiter Neues erlernen.

„Viele Unternehmen haben in der Vergangenheit vor allem in die Verbesserung ihrer IT-Ausstattung und in neue Technologien investiert. Das war auch kein Fehler“, betont Simon Oberle, Leiter Future Management Consulting von Sopra Steria Next. „Allerdings entwickeln Automatisierungslösungen und Datenanalyse-Tools allein keine digitalen Geschäftsmodelle, dafür braucht es geschulte Spezialisten“, fordert Oberle weiter.

Digitalisierung kennt keine Stechuhr

Dies haben in deutschen Firmen mittlerweile viele Verantwortliche erkannt: Mehr als jeder dritte Betrieb (37 Prozent) fördert beispielsweise gezielt das unternehmerische Engagement seiner Mitarbeiter, so lautet ein weiteres Ergebnis der Studie. Hierarchien werden abgebaut, Führungskräfte treten Entscheidungsmacht an ihre Teammitglieder ab. Ziel sei es, schneller zu Ergebnissen zu kommen als in starren Organisationen. Mit diesem Wandel in der Firmenkultur und den schnelleren Reaktionszeiten bei Veränderungen verknüpfen die Arbeitgeber jedoch auch die Erwartung, dass die Mitarbeiter mehr Verantwortung beim Aneignen notwendiger Fähigkeiten übernehmen.

Dazu zählt beispielsweise die Bereitschaft, sich über das vom Arbeitgeber angebotene Trainingsangebot hinaus fortzubilden – dosiert und je nach Jobprofil auch in der Freizeit. Das Lesen von Blogs, Newslettern und Online-Medien auf dem Weg zur oder von der Arbeit ist gemäß der Umfrage vielfach bereits Standard. Zudem treffen sich Arbeitnehmer nach Feierabend beruflich, weil sie sich ein Karrierenetzwerk aufbauen, und sie suchen sich für ihre persönlichen Ziele passende Online-Kurse heraus, die der Arbeitgeber nicht abdeckt.

„Zentral organisierte Schulungsprogramme können das enorme Veränderungstempo nicht mitgehen und den heute erforderlichen Blick über den Tellerrand nicht immer ermöglichen. Deswegen wird es sich nicht vermeiden lassen, dass intrinsisch motivierte Arbeitnehmer Wissenslücken auch außerhalb der Arbeitszeit schließen. Treffen mit relevanten Digitalköpfen lassen sich beispielsweise nicht zwingend in einen Acht-Stunden-Arbeitstag pressen“, sagt Simon Oberle. Unternehmen empfiehlt er, Angebote für Kernkompetenzen zu schaffen sowie Freiräume, Erlerntes in der Praxis zu testen. „Weiterbildung ohne praktische Anwendung ist eine vertane Investition“, so Oberle.

So sehen Erfolgsrezepte aus

Neben der klassischen Weiterbildung – sei diese von den Arbeitgebern gefördert oder den Mitarbeitern in Eigenregie übernommen – treiben in Deutschland viele Großunternehmen und Konzerne die Digitale Transformation mit eigens etablierten Innovations-Labs voran. Diese wurden kürzlich von der Strategieberatung Infront Consulting genauer unter die Lupe genommen, wobei der Fokus auf folgenden drei Entwicklungsphasen lag:

Innovation Discovery: Wo und wie entstehen die besten Ideen und Konzepte?
Innovation Development: Wie werden diese zu Prototypen entwickelt?
Innovation Scaling: Wie werden Innovationen zu wirtschaftlichen Erfolgen?

Unter den erfolgreichsten Innovations-Teams sind laut Analyse diejenigen, die sich bewusst auf wenige, strategisch ausgewählte Felder für digitale Innovationen konzentrieren. Desweiteren gehen die Innovations-Labs bei der Ideenauswahl mittlerweile konservativer vor: Ideen sollen nicht nur für sich genommen attraktiv und in sich stimmig sein, sie müssen auch die Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen des Unternehmens berücksichtigen. Das heißt: Nicht nur die richtigen Themen sind für den Erfolg entscheidend, sondern vor allem auch die richtigen Teams und Köpfe hinter den Innovationen.

Geht es um die Entwicklung zunächst von Prototypen und anschließend um konkrete Produkte verspricht das „Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip“ den größten Erfolg: Die besten Digital Labs haben mit einer kompromisslosen Geradlinigkeit überzeugt, auch bei der Personalbesetzung. Denn ein gutes Team ist essentiell für jedes Innovationsvorhaben. Dabei entwickeln erfolgreiche Teams wöchentlich neue – physische wie digitale – Prototypen, um schnell Kundenfeedback einholen zu können. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Bei den untersuchten Labs ist der Weg bis zu ersten zahlenden Kunden in der Umsetzung meist länger, zäher und anstrengender als zuvor angenommen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Als beste „Digital Labs 2019“ wurden die Audi Denkwerkstatt, EnBW Innovation, Qiagen Digital Accelerator, ProSiebenSat.1 Accelerator, SAP Innovation Center Network und Viessmann Wattx gekürt. Mit etwa 230 „Digital Innovations Units“ in Deutschlands etablierten Unternehmen ist die Zahl im Vergleich zu 2018 um ein Drittel gewachsen, so die Analyse. Dabei beschäftige sich ein Großteil der Teams mit bekannten Themen wie Advanced Analytics, Künstliche Intelligenz, Internet of Things oder Plattformökonomie. Ein neues Trendthema stellt Nachhaltigkeit dar, was vor dem Hintergrund der zunehmenden Natur- und Umweltbelastungen ein wünschenswerter Aspekt ist.

 

Hier wird Digitalisierung vorangetrieben ...

In Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen läuft die Digitalpolitik rund, wie der Digitale Länderkompass des Eco-Verbands der Internetwirtschaft aufzeigt. Digitalpolitik ist längst nicht nur Sache der Bundesregierung. Auch die Länder brauchen Strategien für eine digitale Standortpolitik, die die Chancen der Digitalisierung für Kommunen und Städte optimal nutzt. Wie aber gehen die einzelnen Bundesländer mit dieser Herausforderung um? Wie stellen sie sich institutionell zum Thema Digitalisierung auf? Diese Fragen will die Untersuchung beantworten.

Das „Digitale Hessen“ führt den Länderkompass an. Das liegt vor allem daran, dass Hessen die umfassendste Digitalisierungsstrategie entwickelt und bereits viele konkrete Förderprojekte erarbeitet hat. Das unmittelbar dem Ministerpräsidenten zugeordnete und in der Staatskanzlei angesiedelte Ressort für Digitale Strategie und Entwicklung wurde im Januar 2019 gegründet und befasst sich vorrangig mit Fragen der Künstlichen Intelligenz, den Bedürfnissen hessischer Firmen in Fragen der Digitalisierung und gesellschaftlicher Akzeptanz. Auch die im Ranking folgenden Länder Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben sehr gute und breit aufgestellte Digitalisierungsstrategien entwickelt und konnten insbesondere bei der Start-up-Förderung und bei der Digitalisierungsoptimierung bestehender kleiner- und mittelständischer Unternehmen punkten.


Bildquelle: Getty Images / DigitalVision

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