Unüberlegter Aktionismus führt zu unkontrolliertem Chaos

Digitalisierung: Zu viele leere Phrasen?

Geht es um die Zukunft von Technologien, fällt derzeit wohl kaum ein anderer Begriff so häufig wie „Digitalisierung“. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass sich hinter diesem Schlagwort viele leere Phrasen verbergen.

Zu viele leere Phrasen?

Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass sich hinter dem Schlagwort „Digitalisierung“ viele leere Phrasen verbergen.

Würde man die meistgenannten Fachbegriffe im Jahr 2018 in Medien recherchieren, fällt die inflationäre Nutzung von „Digitalisierung“ und „Digitale Transformation“ sofort ins Auge. Dabei können sich hinter diesen Begriffen sowohl das große Ganze als auch jedes noch so kleinteilige IT-Projekt verbergen. Denn geht es um Digitalisierung, dann geht es um Software-Implementierungen egal welcher Couleur, aber auch um richtungsweisende Infrastrukturprojekte wie Breitbandausbau, die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G oder Cybersicherheit. Nicht wenige sehen in der digitalen Transformation gar den grundlegenden Wandel vorhandener Geschäftsmodelle durch sogenannte „disruptive“ Technologien.

Doch wie sollen sich die Firmenverantwortlichen bei dieser allgemeinen, mit viel heißer Luft gestrickten Themenlage noch orientieren? Wie können sie den von verschiedenen Seiten geforderten digitalen Wandel anstoßen und vorantreiben? Fragen, die sicherlich in jedem Unternehmen einzeln beantwortet werden müssen. Allerdings sollten sich die Verantwortlichen dabei weder von Digitaljüngern noch von digitalen Darwinisten blenden lassen. Denn unüberlegter Aktionismus führt meist nicht zum Erfolg, sondern eher zu unkontrolliertem Chaos.

Wer profitiert von der Plattformökonomie?


Als Beispiel mag die in den letzten Jahren hochgelobte Plattformökonomie dienen. Von Experten wird sie als „das“ Paradebeispiel für Digitalisierung angesehen. Seltsamerweise führen die Auguren dabei seit Jahren immer wieder dieselben üblichen Verdächtigen an, nämlich Amazon, Airbnb, Uber oder Vergleichsportale wie Check24. Müssten, wenn das Modell tatsächlich so erfolgversprechend wäre, dann nicht Jahr für Jahr neue Firmen mit neuen Plattformen durchstarten und sämtliche Märkte disruptieren? Von daher lässt sich eine allgemeingültige Durchschlagskraft dieses Geschäftsmodells wohl durchaus in Abrede stellen. Nicht nur deshalb sollte man Plattformökonomen nicht unreflektiert nacheifern. Denn hier gilt wie oft im (Geschäfts-)Lebens: Wer immer nur abkupfert, wird nicht mehr sein als ein billiger Abklatsch des Originals.

In diesem Zusammenhang beleuchten zuletzt immer mehr Stimmen auch die Schattenseiten der Plattformökonomie. So zweifelt etwa Buchautor Tim Cole in seinem jüngsten Werk „Wild Wild Web“ an der dauerhaften Durchschlagskraft großer Internetkonzerne. Denn die Lehren der Geschichte zeigten „sonnenklar, dass Monopole langfristig keine Chance haben“. Von daher seien Anbieter wie Apple und Amazon trotz aktueller Börsenwerte von rund einer Billion bzw. 800 Mrd. US-Dollar und ihrer damit verbundenen „schieren Größe“ nicht für alle Zeiten unantastbar.

Alexandra Borchardt, Journalistin und Autorin des Buchs „Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt“, verweist daneben auf das mit der digitalen Transformation einhergehende „Diktat der Effizienz“: „Zuweilen entsteht der Eindruck, dass es den Internetriesen allein darum geht, den (Turbo-)Kapitalismus am Laufen zu halten mit immer mehr Dienstleistungen und Produkten, wobei die Kunden erst lernen müssen, dass sie solche auch benötigen. Dieser Eindruck versteht sich überhaupt nicht mit einer Menge weichgespülter Slogans, die von Nachhaltigkeit künden, dem Besitz abschwören und das Teilen als neue Philosophie anpreisen. In Wirklichkeit geht es der Wirtschaftswelt vor allem darum, die Effizienz zu steigern und auf diese Weise jedem Produkt noch ein bisschen mehr Profit abzupressen. Das ist kein Spiel, bei dem alle gewinnen. Einiges und einige müssen dabei auf der Strecke bleiben. Und andere wenige machen in dem knallharten Verdrängungswettbewerb den großen Reibach.“

Nicht zuletzt haben wahrscheinlich die meisten von uns die unschönen Folgen der Plattformökonomie bereits am eigenen Leib erfahren. Denn reist man heute in Städte wie Amsterdam, Lissabon oder London, fallen einem immer wieder die verwaisten Innenstädte auf. Denn Kurzzeitvermietungen von Wohnungen über Airbnb sind für die Eigentümer deutlich lukrativer als langfristige Mietverhältnisse mit den eigenen Landsleuten.

Der Reiz der Bequemlichkeit


Trotz der beschriebenen Nachteile scheinen hierzulande allerdings immer noch viele zu glauben, dass Plattformökonomie das einzig erfolgreiche Geschäftsmodell der Zukunft sei. Dies lässt zumindest das Ergebnis einer Mitte Januar vom Branchenverband Bitkom veröffentlichten Umfrage schließen. Demnach brächten Plattformen verschiedene Anbieter, Partner und Kunden aus unterschiedlichsten Märkten zusammen, wodurch weltweit Milliardenumsätze erzielt und ganze Branchen grundlegend verändert würden. Nach Ansicht der großen Mehrheit der befragten Bundesbürger würden davon alle Beteiligten profitieren: Plattformbetreiber ebenso wie die Anbieter von Produkten und Dienstleistungen auf den Plattformen sowie ihre Kunden.

Gemäß der erwähnten Bitkom-Erhebung sagen drei von fünf der Befragten (60 Prozent), dass die Kunden profitierten. In der Altersgruppe zwischen 16 und 49 Jahre beträgt der Anteil sogar 70 Prozent. Dass die Anbieter von den Plattformen profitieren, glauben mehr als drei Viertel (77 Prozent) aller Befragten und sogar 82 Prozent unter 50 Jahren. Und 95 Prozent aller Befragten sehen Vorteile für die Plattformbetreiber.

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger (57 Prozent) gibt an, selbst aktiv digitale Plattformen zu nutzen. Dabei kaufen drei von fünf Befragten (57 Prozent) auf Plattformen ein oder buchen Dienstleistungen. Jeder Vierte (27 Prozent) verkauft selbst Produkte über Plattformen oder bietet Dienstleistungen an. Dabei nutzen jüngere Menschen die Plattformen deutlich häufiger. So sagen unter den 16- bis 29-Jährigen 78 Prozent, dass sie Plattformen als Kunden nutzen, 39 Prozent sind dort als Anbieter unterwegs. Unter den 30- bis 49-Jährigen liegen die Anteile mit 76 Prozent Kunden und 36 Prozent Anbietern nur leicht darunter. Unter den 50- bis 64-Jährigen nutzt dagegen nur eine Minderheit von 43 Prozent Plattformen, unter denjenigen ab 65 Jahre sind es mit 30 Prozent nochmals deutlich weniger.

Doch woran könnte diese, wohl doch eher überzogene Wertschätzung der Plattformen liegen? – Zum einen bieten sie praktische Vergleichsmöglichkeiten für die Kunden. Zum anderen vermitteln sie ein angeblich neutrales Ranking auf einen Blick, was der zunehmenden Bequemlichkeit vieler Endnutzer entspricht. Man muss nicht selbst umfangreiche Recherchen starten, sondern bekommt per Klick vermeintliche Schnäppchen geliefert. An dieser Stelle wäre es interessant zu wissen, inwieweit Plattformbetreiber solche Aufzählungen bereits im eigenen Sinne manipulieren – etwa nach den Produkten von auf der Plattform schaltenden Werbekunden. Zudem scheint die Frage legitim, inwieweit die Kunden überhaupt mit den günstigsten oder qualitativ hochwertigsten Angeboten versorgt werden oder ob sie einfach nur hinters Licht geführt werden.

Die Digitalpolitik der Bundesregierung


Hinsichtlich Digitalisierung und digitaler Transformation nur Bange machen zu wollen, würde jedoch deutlich zu kurz greifen. Denn aktuell werden in technologischer Hinsicht vielfach die Weichen für die Zukunft gestellt, man denke nur an die aufkommende Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI), Robotik oder virtueller Realität. Von daher gilt es, zuversichtlich nach vorn zu schauen und kontinuierlich weiterzuarbeiten. Denn anders, als viele Stimmen behaupten, können deutsche bzw. europäische Unternehmen noch viel aus eigener Kraft tun, um sich technologisch weder von China noch von den USA abhängen zu lassen.

Dass Digitalisierung zunehmend nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die gesamte Gesellschaft betreffen wird, hat inzwischen auch die Politik erkannt. Dabei hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr so aktiv wie nie verschiedene ITK-Themen vorangetrieben. Zunächst wurde mit Dorothee Bär eine eigene Staatsministerin für Digitales etabliert. Zudem klappte es zwar nicht mit dem von vielen Seiten geforderten dedizierten Digitalministerium, allerdings sollen Digitalkabinett und Digitalrat für das entsprechende Vorantreiben der Technologien in Deutschland sorgen.

Neben neu geschaffenen Kommissionen und Ämtern hat sich die Bundesregierung zudem neue strategische Ziele gesetzt. So will man mit dem „Digitalpakt Schule“ das Bildungswesen auf den neuesten Stand der Technik hieven. Paradoxerweise bremste der Bundesrat die Pläne jedoch noch im Dezember 2018 vorzeitig aus, um den Gesetzesentwurf nochmals zu überarbeiten. Denn Bildungspolitik ist im Föderalismus Ländersache und bereitwillig gibt keiner seine Pfründe auf. Trotz der vielen seitens der Bundesregierung initiierten Aktionen gibt es jedoch auch Kritik, die der Internetverband Eco wie folgt auf den Punkt bringt: „Es fehlt nach wie vor ein digitalpolitisches Narrativ und vor allem eine konsequente Synchronisation und Zusammenführung all dieser losen Enden“, heißt es in einer Pressemeldung vom Dezember 2018.

Hinsichtlich der erwähnten Strategien sind besonders die Bemühungen der Bundesregierung hinsichtlich Künstlicher Intelligenz (KI) hervorzuheben. „Sowohl die KI-Strategie als auch die Umsetzungsstrategie der Bundesregierung werfen bereits durchaus richtige Schlaglichter auf aktuelle Herausforderungen im Kontext der digitalen Transformation. Aber letztlich enthalten beide Papiere zunächst nur eine Sammlung nicht miteinander verbundener Initiativen und Einzelmaßnahmen“, sagt Eco-Vorstandsvorsitzender Oliver Süme. „Leider fehlt es seitens der Politik auch nach wie vor an einem ganzheitlichen Verständnis der entscheidenden Faktoren und Zusammenhänge des Ökosystems Digitalisierung“, so Süme weiter.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dies zeige sich beim Thema digitale Infrastrukturen: „Digitale Infrastrukturen sind mehr als schnelle Netze und 5G. Künstliche Intelligenz basiert im Wesentlichen auf großen Datenmengen, die in Echtzeit verfügbar sein müssen und über bandbreitenintensive Anwendungen verarbeitet werden. Dies geschieht idealerweise in hoch effizienten, leistungsstarken und sicheren Rechenzentren, diese werden allerdings in der Umsetzungs- und KI-Strategie der Bundesregierung nicht mal erwähnt.“

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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