Rechenzentrumsinfrastruktur

Direkter Draht in die Public Cloud

Holger Nicolay, Business Development Manager bei Interxion, erläutert im Interview, wie sich die aktuelle Krise auf den Markt für IT-Infrastrukturen auswirkt und welche Veränderungen in Zukunft zu erwarten sind.

Holger Nicolay von Interxion

Holger Nicolay von Interxion sieht eine stark wachsende Nachfrage für Infrastrukturleistungen.

ITD: Herr Nicolay, welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit auf dem Rechenzentrumsmarkt? In welchen Bereichen sehen Sie derzeit eine besondere Nachfrage?
Holger Nicolay: Der Bedarf an Rechenzentren sowie an High-Speed-Netzen für den Austausch von Daten wächst rasant. Prognosen schätzen die jährliche Datenmenge im Jahr 2025 auf 175 Zettabyte weltweit – das ist eine Zahl mit 21 Nullen. Gerade dieser Tage wird uns dieses Wachstum durch die aktuelle Corona-Pandemie mehr als deutlich vor Augen geführt: Mitarbeiter im Home Office, Online-Gaming und Streaming als Ersatz für die ansonsten außer Haus stattfindenden Freizeitbeschäftigungen – all das steigert die Auslastung der Netze und fordert die üblicherweise in Colocation-Rechenzentren betriebenen Plattformen. Generell beobachten wir ein starkes Wachstum in allen Feldern, also Cloud-, Hosting-, Rechenzentrums- und Netzwerk-Dienstleistungen. Zudem verschwinden die Grenzen zwischen klassischem Hosting und (Private-)Cloud-Angeboten. Denn viele Anbieter – ganz gleich, ob Systemhaus, System-Integrator, Hosting-Anbieter oder Cloud-Provider – positionieren sich mit hybriden Formen am Markt.

ITD: Welche Veränderungen gibt es durch diese Entwicklungen bei Rechenzentrumsanbietern? Welche Rolle spielt dabei die Anbindung an Public-Cloud-Provider?
Nicolay:
Tatsächlich nutzen immer mehr Unternehmen große Public-Cloud-Provider wie Amazon Web Services, Microsoft Azure oder Google Cloud. Das hat den Markt verändert: Colocation- wie auch Hosting-Provider müssen neben Rechenzentrumsinfrastruktur und Anbindung an das Internet auch direkte Vernetzungen zu den Public-Cloud-Providern anbieten. Die Integration der Public-Cloud-Services in traditionellere Angebote eröffnet aber auch viele neue Geschäftschancen, zum Beispiel bieten vormalige Hosting-Unternehmen nun auch Kunden- oder branchenspezifische Adaptionen von Standardservices der Public-Cloud-Hyperscaler. Andere setzen auf deren Infrastruktur eigene Plattform- oder Software-Services auf, statt den gesamten Infrastruktur-Stack selbst zu betreiben. Anbieter, die ihre Angebote konsequent am Bedarf des Marktes ausrichten, werden von dieser Entwicklung sicher profitieren.

ITD: Und was heißt das konkret für Unternehmen, die ihre eigenen Rechenzentren oftmals noch vor Ort betreiben?

Nicolay: Führende Analystenhäuser wie Gartner sind sich sicher, dass das eigene On-Premises-Rechenzentrum keine Zukunft hat, weil Public-Cloud-Services und Colocation für die restliche, nicht „cloudifizierbare“ IT den Markt dominieren werden. Gleichzeitig sehen wir gegenläufige Trends, weil Unternehmen mit ungenügender Vorbereitung oder falschen Erwartungen in die Cloud migriert sind.

Ich rate hier zu differenzierter Sichtweise: Wie und wo Services betrieben werden, ist vom einzelnen Use-Case abhängig und daher eine Entscheidung pro oder contra Public Cloud nie pauschal zu treffen. Sich und seine IT-Strategie zu hinterfragen ist nicht nur ein technologischer Aspekt, sondern vor allem eine Frage von Security, Compliance und Netzwerk. Vor dieser Entscheidung stehen Unternehmen sowohl bei der Evaluierung von Public-Cloud-Services als auch bei der Frage nach moderner Rechenzentrumsinfrastruktur.

ITD: RZ-Betreiber bieten heutzutage neben klassischen Dienstleistungen wie Colocation viele ergänzende Services und Produkte rund um Cloud, PaaS/SaaS oder Sicherheit an. Welche Rolle spielen diese Angebote bei der strategischen Ausrichtung?
Nicolay: Neben den Themen Standort und Qualität spielt die Netzwerkanbindung eine immer bedeutendere Rolle. Kaum ein Kunde sucht mehr ein Rechenzentrum ausschließlich für ruhende Daten – die Verbindung mit Partnern des eigenen Ökosystems, die globale Netzwerkanbindung und die Vielfalt an Providern sind vielmehr ausschlaggebende Merkmale geworden. Strom und Kühlung waren gestern, zukunftssichere Netzwerkverfügbarkeit an Internet, WAN-Provider und der direkte Zugang zu den Public-Cloud-Hyperscalern sind heute das entscheidende Kriterium.

Zudem wächst die Bedeutung von Verschlüsselung aller in der Cloud verwalteten Daten. In Zukunft erwarten wir daher eine erhöhte Nachfrage nach Services, welche die Aufbewahrung der zugehörigen Schlüssel in der Nähe, aber getrennt von der verschlüsselten Public-Cloud-Umgebung erlauben. Hier gibt es dedizierte Hardware-Lösungen für das kundeneigene Rechenzentrum, aber auch HSM-as-a-Service-Angebote, also Hardware-Security-Module wie Interxions „Key Guardian“-Service.
 
ITD: Welche Zusatzleistungen sind bei den RZ-Kunden besonders gefragt?
Nicolay: Eigentlich ein branchenüblicher Standard – aber durch die Corona-Pandemie zu Renaissance gelangt – sind „Hands & Eyes“ beziehungsweise „Remote Hands“-Services. Kunden, die nicht mehr on-site kommen wollen oder durch eigene Reiserestriktionen nicht mehr dürfen, bedienen sich nun verstärkt ihrer Provider. Hier ist von strategischer Bedeutung, dass der gewählte Colocation-Anbieter das UP KRITIS-Listing für den Betrieb kritischer Infrastrukturen erhalten hat – nur so können diese erforderlichen Services auch im Falle strikter Ausgangssperren aufrecht erhalten werden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05-06/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Ein Blick in die Glaskugel: Wie sieht die Rechenzentrumslandschaft in Deutschland in fünf Jahren aus?
Nicolay: Im Hosting- und Private-Cloud-Umfeld werden Automatisierung und Kundenportale die Antwort auf steigende Kundenanforderungen, ganz gleich ob durch Dritte beim Provider oder durch Anwender innerhalb des eigenen Unternehmens, sein. Standards kundenfreundlich und ad-hoc bereitzustellen wird mehr denn je von den Anwendern gefordert sein. Ganz gleich, ob durch die interne IT-Abteilung erbracht oder vom Provider bezogen: (dedizierte) Hosting- und (geteilte) Cloud-Services werden sich in der Benutzerfreundlichkeit einander annähern. Es ist daher zu erwarten, dass der Unterschied zwischen den heute schon unscharf gebrauchten Hosting- und Cloud-Begriffen mehr und mehr verschwimmt und letztendlich verschwindet.

Alles in allem wird die IT-Welt noch hybrider werden, um der Flut an Daten – seien sie vom Anwender produziert oder von der Maschine generiert – Herr zu werden. Cloud, Colocation oder Rechenzentrum vor Ort wird keine „Entweder-oder“-Frage sein, sondern eine „Sowohl-als-auch“-Entscheidung. Beim Thema Edge Computing stehen wir erst ganz am Anfang – wobei Edge nicht gleichbedeutend sein wird mit „On-Premises weiter wie gehabt“. Hier erwarte ich die Dominanz voll containerisierter Lösungen mit Spezialhardware und Cloud-ähnlicher Automatisierung.

Bildquelle: Interxion

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