Tradierte Mechanismen verlassen

„Eine gesunde Fehlerkultur ist wichtig“

Im Rahmen der IT- und Strategieberatung hält Robert Gögele, Geschäftsführer bei Avanade, „eine gesunde Fehlerkultur“ für wichtig: schnell dazulernen, schnell umsetzen und andauernd nachjustieren.

Robert Gögele, Geschäftsführer bei Avanade

„Wenn ich in Workshops mit unseren Kunden bin und man nicht merkt, wer Kunde und wer Dienstleister ist, sind wir bei der Beratung auf Augenhöhe“, so Robert Gögele, Chef von Avanade.

ITD: Herr Gögele, in welchen Bereichen bzw. bei welchen Themen haben Großunternehmen bzw. Konzerne derzeit den größten Beratungsbedarf?
Robert Gögele:
Pauschalaussagen sind mit Vorsicht zu genießen, denn grundsätzlich geht es ja momentan um die Etablierung digitaler Geschäftsmodelle und die unterstützende sowie meist neue IT-Architektur – da muss jedes Unternehmen sehr individuell beleuchtet werden. Bei einem Blick auf Technologien ist der Fokus bedeutend: Im „War for Talent“ ist der moderne digitale Arbeitsplatz sehr wichtig. Wenn es um die Steigerung der Produktivität geht, erachten wir die Erneuerung der Enterprise-Resource-Planning-Systeme (ERP) und die intelligente Automatisierung in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz (KI) als Dauerbrenner, und zwar auf allen Ebenen. Das reicht von der Fabrik bis in das IT-Service-Management. Wenn es um das Thema „Kundenbindung“ geht, spielt die „Digital Customer Journey“ eine sehr starke Rolle. Bei dem Thema „Innovation“ steht das Internet of Things (IoT) ganz oben auf der Liste.

ITD: Worauf sollten die Anwender bei der Auswahl ihres IT- und Strategieberaters besonders achten?
Gögele:
Meine Empfehlung ist, immer einen guten Mix aus Kernkompetenz und Branchenerfahrung sowie tatsächlicher Umsetzungskompetenz als Auswahlkriterien heranzuziehen. Heute gibt kaum noch jemand viel Geld für abgehobene Strategiepapiere aus. Wer das beherzigt, hat schon viel richtig gemacht.

ITD: Wie gestaltet sich der Beginn einer erfolgreichen IT- und Strategieberatung? Was sind die ersten Schritte, wenn sich Anwender und Berater „gefunden“ haben?
Gögele:
Auch in Zeiten von Künstlicher Intelligenz steht zu Beginn natürlich erst einmal die Analyse, gefolgt von einer Zieldefinition. Was schon anders geworden ist: das Hochfahren. Mit agilen und fluiden Methoden geht es schneller zu Ergebnissen. Unternehmen wollen heute schon nach ein paar Tagen einen funktionierenden „Proof of Concept“, also eine vorzeigbare Lösung, auf deren Basis entschieden werden kann. Hier ist entsprechend auch Mut gefragt, tradierte Mechanismen zu verlassen. Eine gesunde Fehlerkultur ist wichtig – schnell dazulernen sowie schnell umsetzen und andauernd nachjustieren.

ITD: Wie viele und vor allem welche Personen sollten sinnvollerweise in die Beratung involviert sein?
Gögele:
Die Größe von Projektteams hängt ganz von der jeweiligen Anforderung ab. Wichtig ist, auch Stakeholder im Unternehmen jeweils der Fachabteilung zu involvieren. Wer etwa in Sachen „Workplace Experience“ aktiv wird, sollte IT, Personal sowie natürlich Geschäftsleitung und eben die fachlichen Ansprechpartner miteinbeziehen. Change Management hat enorm an Bedeutung gewonnen, dazu zählt wiederum auch die Kommunikation der Veränderungen usw. In allen Bereichen sind die Neuerungen oft sehr grundlegend. Da kommt man nicht zu Ergebnissen, wenn man die operativen Mitarbeiter nicht begeistert.

ITD: Welche innovativen Techniken und Tools kommen bei Beratungen oftmals zum Einsatz?
Gögele:
Design-Thinking-Ansätze haben sich wirklich gut bewährt und sind inzwischen ein gefragter und etablierter Standard. In Kombination mit Scrum für Projekt- und Produktmanagement lassen sich so schnell gute Ergebnisse realisieren. Agilität ist weit mehr als eine Phrase, das ist gelebte Wirklichkeit. Moderne Lösungen werden heute fast ausschließlich in der Cloud entwickelt, weil weder Software noch Hardware gekauft und installiert werden muss, sondern nur das bezahlt wird, was man braucht und nutzt. Außerdem können die wesentlichen Bausteine wie etwa IoT-Services einfach genutzt werden und müssen nicht erst neu entwickelt werden.

ITD: Was sind häufige Herausforderungen bzw. Stolpersteine in den Beratungsphasen?
Gögele:
Wir sehen aus der Erfahrung vieler Projekte auf Konzernebene, dass die Einbindung aller relevanten Bereiche die größte Aufgabe ist. Die Technologie ist da relativ einfach zu beherrschen. Der Faktor „Mensch“ hingegen ist ja nicht so leicht „programmierbar“. Darum ist es so wichtig, die Teams strukturell, technologisch und eben im wahrsten Sinne menschlich einzubinden. Gerade in Deutschland haben wir eine ausgeprägte Ingenieurskultur, die uns gerne dazu verleitet, alles auf der Software-Seite selbst entwickeln zu wollen. Da müssen wir uns viel stärker öffnen und auf dem aufbauen, was es z.B. in der Cloud als fertige, bewährte Bausteine gibt. Sonst verlieren wir stark an Geschwindigkeit und auf der Kostenseite an Wettbewerbsfähigkeit.

ITD: Wie werden die IT- und Strategieberatungskosten in der Regel abgerechnet? Per Stundensatz, Beratungspaket...?
Gögele:
Die Abrechnungsmodelle hängen vom jeweiligen Projekt ab. Es ist aber zunehmend eine Mischung aus Abrechnung nach Aufwand und Abrechnung nach Meilenstein bzw. Sprint. In agilen Projekten werden Leistungspakete ja kaum noch so starr spezifiziert, dass große Festpreisprojekte zu Stande kommen. Hier hilft uns die versuchte „Gleichmacherei“ in vielen Einkaufsprozessen übrigens nicht wirklich weiter. Ich kenne viele wirklich kreative Firmen, die bei einigen Konzernen gar nicht mehr anbieten, weil die Konditionen eher auf „Standardware“ bzw. auf extrem niedrigen Tagessätzen aufsetzen.

ITD: Was heißt für Sie letztlich „Beratung auf Augenhöhe“?
Gögele:
Für mich ist das recht einfach zu definieren: Wenn ich in Workshops mit unseren Kunden bin und man nicht merkt, wer Kunde und wer Dienstleister ist, sind wir bei der Beratung auf Augenhöhe.

Bildquelle: Avanade

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok