Apple nun wieder

Eine soziale Plastik aus Cupertino

Wann kommt das Patent auf das Reden mit dem Smartphone? Apple patentiert doch ohnehin alles, was irgendwie in Zusammenhang mit Apple-Produkten gebracht werden kann.

Trolle schauen dich an.

"Schuhproduzent X. lässt sich das Schnüren von Senkeln patentieren." Eine solche Nachricht würde wohl nur am 1. April veröffentlicht. Doch in der IT-Branche gelten derlei surrealistische Meldungen als normal. So erzeugt die Nachricht "Opens external link in new windowApple lässt sich das Scrollen auf Touchscreens patentieren" beim kundigen IT-Newsjunkie nur gelangweiltes Gähnen: "Klar. Geschenkt. Und sonst so?"

Dieser Standardreaktion auf die Versuche, noch ein paar hundert Patentprozesse in die Wege zu leiten, entgeht jedoch die Tatsache, dass Apple das Patentieren inzwischen zur Kunstform erhoben hat. Bereits seit Jahren arbeitet man in Cupertino an der vermutlich größten sozialen Skulptur aller Zeiten. Ein Unternehmen, dessen Ästhetik der geneigte Kunstfreund nur ermessen kann, wenn er es auf Alltagsmaße verkleinert.

Noch einmal: "X. patentiert das Schnüren von Senkeln." Warum sollte ein Unternehmen das tun? Weil man Schnürschuhe nicht ohne Schnüren der Senkel benutzen kann. Das ist der Punkt: Ein Patent für eine basale Angelegenheit ist eine Allzweckwaffe im Kampf mit dem Gegner.

Beim Scrollen ist es genau so: Wer einen Touchscreen nutzen will, muss Scrollen. Ein Smartphone mit nicht scrollbarem Touchscreen ist nicht nutzbar. Apple kann nun Konkurrenzprodukte auf dem Rechtsweg vom Markt fegen. Oder wahlweise ein paar Fantastilliarden Lizenzgebühren einstreichen.

Das erzeugt ein erstaunliches Kunstprodukt, ein Netz aus unsichtbaren Schutzrechten, in dem sich Unternehmen leicht verfangen können. Denn offensichtlich lässt sich mit geschickter Argumentation alles und jedes patentieren. Und offensichtlich gibt es auch immer irgendein Gericht auf der Welt, das ein halbseidenes Patent mit einem Verbot adelt.

Mit dieser Strategie ist Apple nicht allein. Eine ganze Reihe von Unternehmen haben den Kauf von Patenten und die Durchsetzung entsprechender Klagen als alleiniges Geschäftsmodell - die oft so gescholtenen Patenttrolle. Deren Klagen führen bei den betroffenen Unternehmen zu hohen Kosten.

In der Folge wirkt sich dies auf Forschung und Entwicklung aus, da die Unternehmen häufig in genau diesem Bereich die Ausgaben senken. Insgesamt ist 2011 ein unmittelbarer Schaden von 29 Milliarden Dollar für die betroffenen Unternehmen entstanden, wie eine Opens external link in new windowStudie der Boston University ergab.

Der mittelbare Schaden dürfte viel größer sein, auch der für die Kunden. Sie bekommen möglicherweise Produkte, die künstlich eingeschränkt sind, um Patentklagen aus dem Weg zu gehen. Wenn die Gesetzgeber nicht einschreiten, wird die soziale Skulptur aus Patenten und Rechtshändeln wohl weiterwachsen.

Bildquelle: Georg Schemainsky / Opens external link in new windowpixelio.de

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