Von Bielefeld bis Bangladesch

Einstieg in die vernetzte Industrie

Das Wertschöpfungspotential bei Anwendungen im ­Bereich Industrie 4.0 ist Studien zufolge enorm. Doch erst wenige Unternehmen hierzulande haben den Einstieg in die vernetzte Industrie bereits gewagt. Der Näh­maschinenhersteller Dürkopp Adler aus Bielefeld ist ­bereits einen Schritt weiter.

Nähmaschinen

Die Nähmaschinen der Ostwestfalen kommen u.a. in der ­Bekleidungs-, Automobil- und Polster­industrie zum ­Einsatz.

Die Industrienähmaschinen von Dürkopp Adler sind in der ganzen Welt verteilt. Zum Einsatz kommen sie etwa bei einem Kunden in Bangladesch, deutlich mehr als zehn Flugstunden vom Sitz des Bielefelder Unternehmens entfernt. Kundenservice vor Ort? Nur schwer realisierbar oder mit enormem Aufwand verbunden. Der Nähmaschinenspezialist ist das Problem angegangen. „Wir wollten eine Lösung, mit der wir im Störfall schnell auf unsere Maschinen zugreifen können und die unseren Service vor Ort gewährleistet“, erklärt Michael Kilian, Director Engineering & Service bei Dürkopp Adler.

Inzwischen haben die Ostwestfalen eine Lösung gefunden: Vernetzte Maschinen sollen die Entfernung von Bielefeld nach Bangladesch künftig innerhalb von Sekunden überbrücken. Die Proto­typenphase ist bereits abgeschlossen, nun startet das Unternehmen mit der Vorserie. „Unsere Techniker müssen damit nicht mehr wegen Fehleinstellungen oder Fehlprogrammierungen um die ganze Welt ­reisen“, berichtet Kilian. In Kooperation mit der Telekom hat man bereits die ersten Nähmaschinen an die Zentrale in Bielefeld angebunden. Von hier aus überwacht das Unternehmen den Status der Maschinen und kann bei Problemen direkt aus der Ferne die Konfiguration anpassen – vorausgesetzt der Kunde hat dem Hersteller die entsprechenden Rechte eingeräumt. ­„Ohne Erlaubnis der Kunden haben wir keinen Zugriff auf die ­Maschinen“, erklärt Kilian, sodass sie Kunden die vollständige Hoheit über die Maschinendaten behalten.

Der Nähmaschinenspezialist demonstriert damit, wie sich die digitale Transformation und das „Internet der Dinge“ in der unternehmerischen Praxis umsetzen lassen – und ist damit anderen Firmen einen Schritt voraus. Denn die Digitalisierung in Deutschland verläuft schleppend, vor allem der Mittelstand hinkt hinterher. Mehr als die Hälfte der Betriebe besitzt noch keine umfassende Digitalstrategie, wie die Studie „Digital Business Readiness“ der IT-Beratungsfirma Crisp Research zeigt. Demnach gaben zwei Drittel der befragten Unternehmen an, sich eher als Getriebene der digitalen Transformation zu fühlen. Dabei scheinen die Aussichten vielversprechend: So erwartet der Hightech-Verband Bitkom durch Industrie-4.0-Technologien allein für die sechs Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Automobilbau, chemische Industrie, Landwirtschaft und Informations- und Kommunikationstechnologie bis 2025 ein zusätzliches Wertschöpfungspotential von 78 Mrd. Euro.

Um die vernetzten Nähmaschinen zu kontrollieren, nutzt Dürkopp Adler die „Cloud der Dinge“ – eine cloud-basierte Plattform zur Verwaltung und Steuerung von vernetzten Geräten sowie zur Datenauswertung. Passend dazu bietet der Bonner IT-Anbieter verschiedene zertifizierte Harware-Komponenten und SIM-Karten mit Datentarif an. Im Fall von Dürkopp Adler ist das SIM-Modul nicht direkt in der Steuerung der Nähmaschinen integriert, sondern in einem Modem. „Dieses Modem ist mit unserer Steuerung verbunden. Es empfängt die Daten von den Maschinen und sendet diese dann via Mobilfunk in die Cloud“, erklärt Michael Kilian. Das Modem kann entweder direkt an der Maschine verbaut oder zentral angebracht werden, um die Daten mehrerer Maschinen über ein lokales Netzwerk einzusammeln.

Sobald die vernetzten Nähmaschinen in Serie gehen, erhalten die Kunden nicht nur eine rasche Störungsbehebung aus der Ferne, sondern auch eine vorausschauende Wartung. „Viele Kunden würden gerne wissen, wann die Maschine eine bestimmte Laufzeit erreicht hat. Dann planen sie die Wartung zu einem Zeitpunkt ein, an dem sie die Maschine nicht brauchen“, sagt Kilian. Verschleißteile können somit ausgetauscht werden, ohne dass die Produktion beeinträchtigt wird oder Ausfallzeiten entstehen. Die Bielefelder haben die Digitalisierung mit einem Pilotprojekt in Angriff genommen. Ein Mittel, mit dem der Einstieg in die vernetzte Industrie gelingen kann. Denn auf dem Markt tummelt sich inzwischen eine Vielzahl von Anbietern für klar umrissene Anwendungsbereiche – etwa Telematikanwendungen für transparente Transportprozesse oder Telemetrielösungen zur Fernwartung. Durch Fortschritte in der Sensortechnik, sinkende Modulpreise und günstige mobile Datenverbindungen sind sie in den vergangenen Jahren erschwinglicher geworden. Die Kosten der Lösungen orientieren sich dabei größtenteils an der Anzahl der vernetzten Geräte.

Desweiteren lassen sich auch bestehende Geräte nachrüsten. Die zu überwachenden Geräte werden dazu mit einer Hardware-Box verbunden, die im Web-Portal der „Cloud der Dinge“ registriert wird. Die Box ist daraufhin in der Lage, Betriebsparameter der Maschine via Mobilfunk an die Cloud der Dinge zu senden und Kontrollbefehle zu empfangen. Eine verschlüsselte Datenübertragung sichert den Schutz der Daten. Über das Portal können Nutzer die angebundenen Maschinen überwachen, verfolgen und steuern.


Dürkopp Adler ...
... wurde 1860 in Bielefeld gegründet und operiert heute mit rund 1.260 Mitarbeitern weltweit. Das börsennotierte Unternehmen zählt zu den größten Herstellern für industrielle Nähtechnik. Es entwickelt, produziert und vertreibt Industrienähmaschinen für die Bekleidungs-, Automobil- und Polsterindus­trie. Die Säulen des Konzerns bilden neben der Produktion die Bereiche Service und Vertrieb mit elf Tochtergesellschaften, zwei Joint Ventures und über 80 Vertragshändlern.


Bildquelle: Dürkopp Adler

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