Cloud-Riesen

Endspurt im Elefantenrennen

Während die Cloud-Anteile in den Heimatmärkten der großen Anbieter fest verteilt sind, wird hierzulande noch hart um die Gunst der Unternehmen gekämpft. Für wen welche Lösung am besten geeignet ist, hängt von der jeweiligen Strategie ab.

LKWs liefern sich Rennen

Die Cloud-Riesen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die hiesigen Marktanteile.

Nachdem sich zunächst viele europäische Unternehmen mit der Cloud schwertaten und lieber in eigene Rechenzentren investierten, erkennen vor allem immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen die enormen Potenziale der Speicher- und Rechendienstleistungen aus der Wolke. Laut Experten wie Max Hille von Crisp Research, ein auf Beratung und Forschung spezialisiertes Unternehmen der Cloudflight.io-Gruppe, nutzt erst rund ein Viertel der deutschen Unternehmen Cloud-Dienste als strategische Infrastrukturplattform. Die verbleibenden 75 Prozent haben, wenn überhaupt, meist nur zu Testzwecken oder innerhalb einzelner Abteilungen Anwendungen und Plattformen als Cloud-Service im Betrieb.

Allerdings findet bei diesen Unternehmen vielerorts ein Umdenken statt, denn bei genauer Betrachtung kann ein normales Rechenzen-trum nicht so wirtschaftlich arbeiten wie Amazon Web Services (AWS), Azure oder Google Cloud. Abgerechnet wird bei Cloud-Anbietern schließlich nur die tatsächlich erbrachte Leistung, sprich: die Rechenleistung, der Datenverkehr und der Speicher, nicht aber der Overhead an Service und die Wartung. Hinzu kommt der Aspekt „Sicherheit“.

IT-Sicherheit braucht Experten und die sind rar. Stephen Schmidt, Chief Information Security Officer beim Marktführer AWS, bezweifelt, dass sich ein kleines Rechenzentrum oder ein kleiner Cloud-Anbieter die notwendigen Sicherheitsteams leisten kann, die man heutzutage benötigt. Die IT-Sicherheit ist zwar keine Aufgabe einzelner Mitarbeiter mehr, sondern längst ein kollektives Bestreben des gesamten Unternehmens, insbesondere der Führungskräfte. Aber das Know-how und die Rahmenbedingungen können nur echte Experten weiter- bzw. vorgeben. Und hieran fehlt es in vielen Unternehmen. Die IT-Sicherheit und Einhaltung der Datenschutzrichtlinien zählen mittlerweile zu den Hauptargumenten für einen Wechsel in die Cloud der großen Anbieter. Zahlreiche Unternehmen wie RWE, Voda­fone, Siemens oder auch die Bundespolizei vertrauen ihre sensiblen Daten einem entsprechenden Dienstleister an.

Wie wichtig das Thema „Sicherheit“ mittlerweile für Unternehmen geworden ist, zeigt sich auch an der Ankündigung von AWS, eine eigene Sicherheitskonferenz im Sommer zu veranstalten. Am 30. Juni und 1. Juli wird die Re:inforce in Houston, Texas, stattfinden, die das Thema „Sicherheit“ von der großen Re:invent-Veranstaltung emanzipiert.

Schlüsseltechnologien befeuern die Nachfrage

Gerade in Deutschland, dem Land der Maschinenbauer und der hoch spezialisierten Industrie, sind neue Technologien wie selbstlernende Maschinen (ML) und Künstliche Intelligenz (KI) extrem gefragt. Es wird immer selbstverständlicher, dass Maschinen mitdenken und sich rechtzeitig mit einem Wartungswunsch melden, bevor es zu einer Störung kommt. Weitergedacht sollen Maschinen aus ihren Fehlern lernen und sich weiterbilden. Die Vernetzung dieser selbstlernenden Maschinen und das Know-how, um sie zu programmieren, sind ohne die großen Anbieter AWS, Microsoft und Google für Unternehmen nur schwer zu verwirklichen. Selbst große Konzerne zögern künftig, eigene ML- oder KI-Projekte zu verwirklichen.

Jeder der drei großen Anbieter verfolgt eine eigene Strategie, um die deutschen Unternehmen für ihre Dienste zu gewinnen. Traditionell begeistern sich vor allem die Entwickler für AWS, da der Anbieter die größte Auswahl an Entwickler-Tools bietet. Auf diesem Gebiet tun sich die anderen Anbieter schwer und AWS hält mit immer neuen Diensten und Technologien in den Bereichen „Künstliche Intelligenz“ und „Machine Learning“ die Konkurrenz auch weiter auf Abstand. Allerdings hat Google hier mittlerweile ebenfalls einiges zu bieten, vor allem im ML-Bereich. Klassische IT-Administratoren, die seit Jahrzehnten in einer Windows-Umgebung arbeiten, können sich schnell mit dem Angebot von Microsoft anfreunden. Für diese Zielgruppe ändert sich auf den ersten Blick nicht viel, denn ihre Software läuft dann statt im eigenen Rechenzentrum in der ­Azure-Cloud. Die aktuelle Nummer drei, die Google Cloud, hat sich ein aggressives Wachstum vorgenommen und möchte vor allem mit innovativen Diensten in den Bereichen „Künstliche Intelligenz“ und „Machine Learning“ punkten. Allerdings kämpft Google mit dem Image, eine Datenkrake zu sein, und dem Vorwurf, beim Datenschutz nicht immer den deutschen Standards gerecht zu werden.

„Im Großen und Ganzen bietet AWS den Unternehmen das größte Angebot an Cloud-Diensten“, sagt Max Hille. „Allerdings haben Microsoft und Google früher ein Hybridangebot gestartet, das für Unternehmen, die erst jüngst in ein eigenes Rechenzentrum investiert hatten, eine Möglichkeit bietet, den Anschluss in die Cloud nicht zu verpassen.“ Mittlerweile bietet der Cloud-Riese mit den AWS Outposts und zahlreichen verwandten Services ebenfalls die Möglichkeit, die Dienste auch in das lokale Rechenzentrum zu bringen. Vor allem von dieser Hybridlösung verspricht sich der Anbieter in Europa viele Freunde.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

„Gerade in Deutschland ist es wichtig, dass sich die Cloud-Anbieter mit einem regional fokussierten Vertriebs- und Account-Management-Team aufstellen“, erklärt Max Hille. „Denn persönliche Kontakte sind Gold wert und der Anbieter mit dem besten Vertriebsteam kann sich hier Vorteile verschaffen. Gerade weil die Wahl des Cloud-Anbieters langfristig gefällt wird, spielen die Faktoren „Vertrauen“ und persönlicher Kontakt eine entscheidende Rolle“, so Hille über die Situation in Deutschland.

Im Gegensatz zu den USA und China ist der Cloud-Kuchen in Europa noch nicht verteilt. Das heißt, die Mehrheit an Unternehmen ist noch nicht fest mit einem Anbieter als strategischem Partner gestartet. Die Wahl des Anbieters will jedoch gut überlegt sein. Der Weg in die Cloud dauert je nach Unternehmen einige Monate bis Jahre. Und obwohl sich viele Dienste ähneln, sind sie noch lange nicht kompatibel. Der Wechsel von einem Cloud-Anbieter zu einem anderen kann mitunter sehr schwierig werden, insbesondere wenn wichtige Geschäftsprozesse betroffen sind. Daher prüfen viele Unternehmen immer erfolgreicher den Einsatz mehrerer Plattformen für den besten Mix.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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