Integration nahezu aller Firmenfunktionen

„ERP-Systeme müssen portierbar sein“

ERP-Systeme leisten die Integration nahezu aller Firmenfunktionen. Doch wie muss sich das ERP verändern, um auch in Zeiten des Internet of Things (IoT) noch seiner Rolle gerecht zu werden? Antworten darauf findet Otto Schell, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG), zuständig für IoT/Business Transformation.

Otto Schell, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG)

Otto Schell, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG)

IT-DIRECTOR: Herr Schell, welche Rolle spielen ERP-Systeme im Rahmen von Internet-of-Things-Projekten?
O. Schell:
Auch im IoT bleiben ERP-Systeme das Rückgrat vieler Unternehmensprozesse und damit klassischer Projektarbeit. Allerdings müssen sie künftig in die neue Welt portierbar sein. Generell sollte man bei IoT-Projekten überlegen, wie sich die On-Premise- mit Cloud-Welten verbinden und schnellere, agilere Prozesse untereinander verknüpfen lassen. Die Frage, die sich viele Anwender derzeit stellen: Warum müssen sie alte Systeme in S/4 Hana heben? Der Wechsel auf S/4 Hana ist hier keine reine Funktionalitätenfrage, sondern vielmehr ein Schritt, um alte Systeme IoT-fähig zu machen und damit auch u.a. für Machine Learning auszulegen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit gibt es Standards für die Integration von ERP-Systemen mit IoT-Geräten und IoT-Sensoren?
O. Schell:
Standards existieren schon immer. Im Automotive-Umfeld wird das besonders deutlich. Hier werden Daten über Electronic Data Interchange (EDI) ausgetauscht und es gibt zahlreiche Standards für Sensorik. Die eigentliche Frage ist, wie sich diese Standards in die neue Welt transportieren lassen, wo wiederum neue entstehen. Sowohl in den USA mit dem Indus­trial Internet Consortium (IIC) als auch in Deutschland mit der Plattform Industrie 4.0 gibt es Gremien, die sich mit solchen Standards beschäftigen, diese erweitern oder neue schaffen, um sich zwischen der alten und der neuen Welt auszutauschen.

IT-DIRECTOR: Inwiefern müssen die Anwender ihre vorhandenen ERP-Systeme an neue IoT-Anforderungen anpassen?
O. Schell:
Man muss sich überlegen, wie die Geschäftsmodelle und die prozessualen, transaktionalen Abläufe in der neuen Welt aussehen sollen und wie mit Daten umgegangen werden soll. Beim Einkaufsprozess z.B. steuern Firmen aus ihren Systemen heraus Einkäufe, die über Schnittstellen oder Portale mit Lieferanten abgeschlossen werden. Hier könnten sie auch direkte Netzwerklösungen wie Ariba nutzen – also den Prozess umstellen, etwa mit einer Backend-Integration ins ERP. Wer ein Asset Intelligence Network (AIN) einführen und sein ERP mit Asset Management behalten möchte, muss das entsprechend anpassen – z.B. über Cloud-Lösungen, um den „Digital Twin“ zu schaffen. Die virtuelle Realtime-Kopie einer physischen Anlage oder eines Prozesses, über die sich Geschäftsprozesse auch in Business-Netzwerken realisieren lassen. Mit solchen Szenarien werden sich künftig Marktpositionen verändern, wie es schon die Produkt-versus-Service-Diskussion zeigt.

IT-DIRECTOR: Welcher Fall tritt denn häufiger ein, dass ERP-Systeme angepasst oder neue Prozesse gedacht werden müssen?
O. Schell:
Zumeist müssen wir neue Prozesse denken, denn mit dem IoT werden zwei Dinge passieren: Daten werden anders und von anderen genutzt. Daher verschieben sich Daten- und Prozesshoheiten. Demnach muss man sich Gedanken machen, wohin die Reise geht und wie der Bestand mitgenommen werden kann oder ob er komplett angepasst werden muss. Wer robust in seinen Prozessen ist, kann auf die grüne Wiese gehen, statt die komplette bestehende Systemlandschaft umzumodeln.

IT-DIRECTOR: Welche Schwierigkeiten können auftreten?
O. Schell:
Eine Schwierigkeit könnte sein, zu sehr in der alten Welt zu denken und die internen Schnittstellen im Kopf zu haben. Das, was man über den Umgang mit Projekten gelernt hat, lässt sich nicht eins zu eins in die neue Welt übertragen. Zudem ist eine gereifte SAP-Anwendung mittlerweile in vielen Unternehmen als Legacy-System zu betrachten, bei dem teilweise die Mitarbeiter, die es aufgebaut haben und verstehen, das Unternehmen verlassen haben. Es fehlen also nicht nur die Fähigkeiten, um mit der neuen Art von Applikationen umzugehen, sondern zunehmend auch die derer, die vor fünf bis 15 Jahren die Geschäftsprozesse angepasst und Integrationen vorgenommen haben. Daher muss der Übergang in die neue Welt auch hinsichtlich der Weiterbildung vollzogen werden.

IT-DIRECTOR: Inwieweit kann die DSAG ihren Mitgliedern bei IoT-Projekten unter die Arme greifen?
O. Schell:
Entsprechend unserer Säulen „Netzwerk, Einflussnahme und Wissensvorsprung“ stellen wir unseren Mitgliedern Informationen zum neuen SAP-Portfolio bereit und nehmen gemeinsam mit ihnen Einfluss darauf, was in der alten Welt verbleibt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 10/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

IT-DIRECTOR: Abschließend ein Blick auf das Marktgeschehen: Inwieweit haben sich ERP-Anbieter das Thema „Internet of Things“ auf die Fahne geschrieben? Wie ausgereift sind die angebotenen Lösungen?
O. Schell:
Anbieter vermitteln das Gefühl, dass sich IoT „quick and dirty“ implementieren lässt. Das funktioniert jedoch nicht bei einer Backend-Integration oder in Netzwerkumgebungen. Die Lösungen an sich mögen schon ausgereift sein, doch bei der End-to-End-Abbildung hängt es von Architektur und Geschäftsmodell der Anwenderunternehmen ab. In erster Linie möchten Anbieter ihre Lösungen verkaufen – aber sie wissen auch, dass Nacharbeiten anstehen, die der Kunde dann ebenfalls bezahlen muss. Als DSAG können wir den Weg in die IoT-Welt gut vorbereiten und schon im Vorfeld beeinflussen, indem wir Standards und Anforderungen mit festlegen.

Bildquelle: DSAG

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