Deutsche IT-Branche: TCS will in die Top Ten

Erwartungen an IT-Dienstleister

Im Interview berichtet Sapthagiri Chapalapalli, Director Central Europe bei Tata Consultancy Services (TCS), über die hierzulande recht hohen Erwartungen an einen IT-Dienstleister. Doch der Full Service Provider, der etwa Mobility, Cloud Computing, künstliche Intelligenz und Big Data fokussiert, möchte in die Top Ten.

  • Sapthagiri Chapalapalli, TCS

    „Die deutschen Entscheidungsträger verfügen über ein sehr großes technisches Know-how“, meint Sapthagiri Chapalapalli von TCS.

  • Sapthagiri Chapalapalli, TCS

    „Wir haben in unserem Unternehmen ein internes soziales Netzwerk aufgebaut“, berichtet Sapthagiri Chapalapalli von TCS.

  • Sapthagiri Chapalapalli, TCS

    „Smart City ist ein Beispiel dafür, dass nicht einzelne Technologien für Veränderung sorgen“, so Sapthagiri Chapalapalli von TCS.

Weltweit zählt Tata Consultancy Services (TCS) schon zu den IT-Größen. Jetzt will das indische IT-Beratungs- und IT-Dienstleistungsunternehmen auch in Deutschland in die Top Ten aufsteigen. Dafür ist Sapthagiri Chapalapalli – genannt Saptha – zuständig, und zwar als Director für die Region Central Europe. Im Interview erklärt er die Firmenkultur des Anbieters, welche Besonderheiten die deutschen Anwenderunternehmen auszeichnen und welche derzeit die treibenden Entwicklungen innerhalb der IT-Branche sind.

IT-DIRECTOR: Herr Chapalapalli, TCS ist ein weltweiter Player und eine Großmacht im Geschäft mit IT-Services. In Deutschland ist man aber noch nicht allzu bekannt. Wie wollen Sie den hiesigen Markt erobern?
S. Chapalapalli:
Wenn man in Deutschland erfolgreich sein will, reicht es nicht, einfach nur ein paar Vertriebsleute anzuheuern. Man muss hier mit einer kompletten Niederlassung vor Ort sein, die den Kunden die Lösungen bereitstellt. Dafür muss man Mitarbeiter von hier einstellen, das Marketing auf den hiesigen Markt zuschneiden und sämtliche Prozesse auf die lokalen Gepflogenheiten ausrichten. Das gesamte Geschäft muss quasi auf einer lokalen Basis stehen. Diese haben wir in den vergangenen vier Jahren aufgebaut. Und der Erfolg gibt uns recht. Wir haben innerhalb dieser Zeitspanne 40 bis 45 neue Kunden hinzugewonnen und die Zahl der Dienstleistungen, die wir anbieten, deutlich ausgeweitet.

IT-DIRECTOR: Welches Ziel haben Sie sich gesteckt?
S. Chapalapalli:
Wir werden die Lokalisierung weiter vorantreiben. Ziel ist es, zu einem der führenden IT-Anbieter in Deutschland aufzusteigen. Im vergangenen Jahr waren wir in unserer Branche auf Rang 17. In den kommenden ein bis zwei Jahren wollen wir in die Top Ten.

IT-DIRECTOR: Wer sind Ihre Kunden?
S. Chapalapalli:
Wir adressieren vor allem Großunternehmen und Firmen aus dem gehobenen Mittelstand. Unser Branchenspektrum ist sehr groß: von Banken- und Versicherungen über die verarbeitende Industrie bis hin zu Pharmaunternehmen und Energieversorgern.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Services adressieren Sie den deutschen Markt?
S. Chapalapalli:
Wir sind ein Full Service Provider. Im Technologiebereich unterstützen wir Unternehmen zum einen dabei, ihre bestehenden IT-Landschaften zu modernisieren. Zum anderen helfen wir ihnen als Systemintegrator dabei, neue Technologien einzuführen. Bei diesen Projekten geht es unter anderem um die aktuellen Trendthemen Mobility, Big Data, Cloud Computing, Social Business und künstliche Intelligenz bzw. Robotik. Daneben übernehmen wir auch das Testen von IT-Lösungen. Gerade tun wir dies für eine europäische Bank, die eine große IT-Plattform einführt.

IT-DIRECTOR: Wie positionieren Sie sich im Infrastrukturbereich?
S. Chapalapalli:
Hier sind wir ebenfalls tätig, meist im Bereich Data Center Management. Wir bieten auch Private Clouds für kleine Nischenunternehmen. In Deutschland setzen wir Cloud-­Lösungen mit Partnern um, da wir hier kein eigenes Rechenzentrum betreiben.

IT-DIRECTOR: Daneben agiert TCS auch als Anbieter von Business Process Outsourcing (BPO) ...
S. Chapalapalli:
Richtig. Meistens lagern Unternehmen ihre Kernprozesse an uns aus. So betreiben wir zum Beispiel die Backoffice-Prozesse für Logistikfirmen. Außerdem übernehmen wir auch branchenspezifische Abläufe. Nicht ­zuletzt sind wir im Engineering-Bereich aktiv und helfen beim Design und beim Prototyping. In der Vergangenheit unterstützten wir z.B. ein deutsches Hightech-Unternehmen bei der Produktentwicklung.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Herausforderungen haben die Unternehmen in der Regel zu kämpfen, die Ihre Dienste in Anspruch nehmen?
S. Chapalapalli:
Viele Firmen haben über lange Zeit schrittweise in IT investiert. Das hat oftmals zu sehr komplexen IT-Landschaften geführt, sowohl auf Infrastruktur- als auch auf ­Applikationsebene. Beides möchten viele Unternehmen nun vereinfachen. Daneben geht es den Firmen ­da­rum, sich technologisch richtig aufzustellen. Jeder kennt die eben angesprochenen aktuellen Trendthemen. Die Unternehmen wissen, dass sie handeln müssen, wissen aber nicht, wie. Es geht darum, wo man anfängt und in welche Technologien man investiert? Dabei unterstützen wir sie.

IT-DIRECTOR: Gilt das für alle Firmen gleichermaßen?
S. Chapalapalli:
Gerade der gehobene Mittelstand erkennt, dass er sich verändern muss. Weil die Firmen verstärkt auf globaler Ebene agieren, überlegen die Verantwortlichen nun, wie sie sich dafür aufstellen müssen – auch aus technologischer Sicht. Das ist nicht einfach, aber es geht nicht ohne Veränderung. Daher spielt Change-Management eine große Rolle.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen die Technologien an, doch wie sieht es bei den Prozessen aus?
S. Chapalapalli:
Auch hier geht es vor ­allem um Vereinfachung. In vielen Unternehmen fragt man sich, wa-rum die Prozesse so komplex sein müssen. Das Ziel bei der Auslagerung der Abläufe an uns ist es daher, zu standardisieren und zu vereinfachen. Hinzu kommen die gestiegenen Compliance-Anforderungen. Besonders Banken und Versicherungen müssen eine Vielzahl an Richtlinien und Regularien ­erfüllen. Hier gibt es viel zu tun in Sachen Governance, Reporting etc. Das ist in diesen Branchen der Grund für viele IT-Investitionen.

IT-DIRECTOR: Gibt es Unterschiede ­zwischen Deutschland und anderen Märkten?
S. Chapalapalli:
Der deutsche Markt ist tatsächlich anders. Deutsche Unternehmen investieren schon seit langer Zeit in IT. Es gibt hier sehr ausgereifte Lösungen und die ­Firmen haben viel Erfahrung gesammelt. Die Entscheidungsträger verfügen daher über großes technisches Know-how. Gleichzeitig sind die Erwartungen an einen IT-Dienstleister sehr hoch. Um die Verantwortlichen zu überzeugen, muss man weitaus tiefer ins Detail gehen. Und man muss die Lösungen zeigen und Referenzen vorweisen können. Ein gutes Konzept allein reicht nicht. Wir gewinnen  Projekte nur dann, wenn wir fünf weitere Firmen als Referenzen vorweisen, die entweder aus der gleichen Branche stammen oder ähn­liche Prozesse aufweisen. Wir verhandeln auch weniger mit den IT-Leuten als vielmehr mit den Geschäftsverantwortlichen. Und die wissen genau, was sie wollen.

IT-DIRECTOR: Wie sieht es mit der ­Konkurrenz hierzulande aus?
S. Chapalapalli:
Der Wettbewerb ist in Deutschland sehr stark. Die globalen Player sind hier ebenso aktiv wie die deutschen und ­euro-
päischen Anbieter sowie die kleineren Spezialisten. Daher ist es für uns noch viel wichtiger, den Nutzen unserer Services aufzuzeigen.

IT-DIRECTOR: Gerade im Cloud-Geschäft dürfte es für einen IT-Dienstleister wie TCS, der nicht aus Deutschland kommt, besonders schwierig sein,  Vertrauen zu gewinnen. Wie gehen Sie mit den sehr wichtigen Themen  Datenschutz und ­-sicherheit um?
S. Chapalapalli:
Wir haben viel investiert und gemeinsam mit unseren Kunden an Lösungen gearbeitet. Von daher können wir nun Prozesse und Technologien bereitstellen, um den Schutz der Daten sicher­zustellen. Wir unterstützen außerdem alle industriespezifischen Standards. Es gibt aber Fälle, in denen den Unternehmen dieses Problem viel größer erscheint als es tatsächlich ist. Sicherheit und Datenschutz können zwar technologisch umgesetzt werden. Es geht dann aber vor allem darum, Überzeugungsarbeit zu leisten – vor ­allem in der Führungsetage.

IT-DIRECTOR: Wie würden Sie denn ­generell die Stärken Ihres Unter­nehmen beschreiben?
S. Chapalapalli:
Wir verfügen über ein tiefes Fachwissen in den jeweiligen Branchen und haben viel in neue Technologien investiert. Aufgrund unserer weltweiten Präsenz können wir unsere Services global durchgängig anbieten. Die CIOs in den Unternehmen stehen unter großem Druck. Die Technologie, die sie bereitstellen, muss einen Nutzen für das Business bringen. Mit diesem Anspruch sind wir bestens vertraut. Außerdem pflegen wir sehr langfristige Beziehungen zu unseren Kunden. In Deutschland gibt es Unternehmen, mit ­denen wir schon seit 15 oder 20 Jahren zusammenarbeiten.

IT-DIRECTOR: Welche Firmenkultur pflegen Sie und welche Rolle spielen Ihre Mitarbeiter innerhalb dieser Firmenkultur?
S. Chapalapalli:
Wir pflegen eine offene, sehr transparente Kultur mit ­flachen Hierarchien. Diese Offenheit praktizieren wir auch hier in Deutschland, was uns sehr interessant für neue Mitarbeiter macht. Wir sind ein sehr großes Unternehmen mit mittlerweile 318.000 Mitarbeitern. Unser ­Geschäft wird von Menschen ­gemacht. Daher ist die Personal­arbeit ein wichtiger Baustein für unseren Erfolg. In Deutschland sind wir organisch gewachsen. Wir haben hier ein Team komplett neu aufgebaut, was eine große Herausforderung war. Und durch die nahtlose Integration mit den Standorten weltweit gibt es viele Möglichkeiten für unsere Mitarbeiter, sich auszutauschen und sich weiterzuentwickeln.

IT-DIRECTOR: Die Belegschaft ist eher jung ...
S. Chapalapalli:
Das Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren. Auch jungen Mitarbeitern wird bei uns sehr schnell Verantwortung übertragen. Grundsätzlich ist dem Unternehmen daran gelegen, lang anhaltende Arbeitsverhältnisse aufzubauen. Die Verträge laufen unbefristet. Im Übrigen werden unsere Mitarbeiter weltweit gleich bezahlt – unabhängig vom Geschlecht. Ich war sehr verwundert, als ich gehört habe, dass dies sonst in Deutschland nicht immer der Fall ist. IT ist zwar noch ein Berufsfeld, in dem verhältnismäßig wenige Frauen tätig sind. Weltweit liegt der Frauenanteil in unserer Belegschaft aber trotzdem bei 33 Prozent. Hier sind wir noch nicht ganz bei dieser Marke, arbeiten aber daran.

IT-DIRECTOR: Setzen Sie für die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander spezielle Social Software ein?
S. Chapalapalli:
Wir haben ein internes soziales Netzwerk aufgebaut, in dem mittlerweile 270.000 Mitarbeiter einen Account besitzen. Dort können die User wie in Facebook miteinander in Kontakt treten oder Expertengruppen für bestimmte Themen aufbauen. Die Plattform ist aber nicht nur auf das Berufliche fokussiert. Die Nutzer können sie für alle möglichen Themen nutzen. Bei einer jungen Belegschaft ist der Einsatz solcher Tools quasi lebensnotwendig.

IT-DIRECTOR: Viele deutsche Unternehmen halten sich mit ­Investitionen in Trendthemen wie Big Data oder Cloud oft noch zurück. Warum?
S. Chapalapalli:
Es ist richtig, dass deutsche Firmen neue Technologien nicht so schnell ­annehmen wie anderswo. Aber die meisten agieren ­global und sollten über Grenzen hinwegdenken. In der Regel bringt aber nicht der Einsatz einzelner Technologien eine Veränderung, sondern die Konvergenz verschiedener Technologien.

IT-DIRECTOR: Bleibt die Nutzenfrage ...
S. Chapalapalli:
Um den Nutzen neuer Technologien aufzuzeigen, ­haben wir konkrete Anwendungsfälle entwickelt. Wir sagen den Geschäftsverantwortlichen: „Vergiss‘ die aktuellen IT-Systeme und stell‘ dir vor, wie sich dein Business mit diesen neuen Technologien führen ließe.“ Dann entstehen Visionen, wie sich das Geschäft verändern könnte.

IT-DIRECTOR: Sind die Firmen auf die vielen Veränderungen vorbereitet?
S. Chapalapalli:
Einige besser, andere weniger gut. Es hängt auch vom Umfeld ab. Wenn sie aus einer gesicherten Situation kommen, in der Veränderungen bisher eher selten waren, werden sie sicher Schwierigkeiten haben, sich zu wandeln. Aber deutsche Unternehmen sind immer in der Lage, sich geänderten Bedingungen anzupassen. Vor ein paar Jahren hätte ich es mir noch nicht vorstellen können, dass eine deutsche Firma ihre Applikationen als Cloud-Computing-Variante betreiben lässt. Mittlerweile gibt es schon einige Firmen, die dies sogar mit Kernanwendungen tun. Das war für mich eine große Überraschung.

Sapthagiri Chapalapalli
Beruflicher Werdegang: Saptha begann seine Karriere 1995 bei TCS in der Unternehmensberatung in Indien und war anschließend in verschiedenen Ländern u.a. für den Geschäftsbereich Telekommunikation tätig. Er verfügt über einen MBA mit den Schwerpunkten Finanzen, Personal und Marketing, den er am TA Pai Management Institute in Manipal, Indien, erwarb.
Derzeitige Position: Seit 2009 ist er verantwortlich für das Geschäft von TCS in Mitteleuropa. Er gehört zudem zum europäischen Führungsteam.

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