Blockchain-Technologie in der Praxis

„Es halten sich hartnäckig Mythen”

Viele Entscheider sind sich nicht sicher, ob Blockchain-Technologie wirklich einen Nutzen für das eigene Unternehmen bringen kann. Thierry Bücheler, Head of Innovation Strategy and Operations bei Oracle Next, klärt im Interview über Halbwahrheiten und Probleme bei entsprechenden Projekten auf.

Thierry Bücheler, Oracle Next

Laut Thierry Bücheler von Oracle Next scheitern Blockchain-Projekte oft am begrenzten Wissen der Entscheidungsträger.

ITD: Herr Bücheler, am Potenzial der Blockchain scheiden sich die Geister. Wieso polarisiert das Thema immer noch so?
Thierry Bücheler:
Es halten sich hartnäckig Mythen und Halbwahrheiten. So ist das Thema „Blockchain“ in der allgemeinen Wahrnehmung beispielsweise noch immer stark an Kryptowährungen gebunden, obwohl die Themen nur „zufällig“ verknüpft sind.

ITD: Welcher Mythos rund um die Blockchain sind besonders populär?
Bücheler:
Die genannte Wahrnehmung führt dazu, dass Laien und auch einige Fachleute mit Halbwissen die Blockchain implizit mit einigen Herausforderungen von Public Blockchains und aufwändigen Consensus-Mechanismen, also Proof of Work und Mining, in Verbindung bringen, die bei Währungen eingesetzt werden. Beispiele sind der sehr hohe Energieaufwand beim Mining und die möglichen Limitationen einiger Ansätze etwa bezüglich gleichzeitiger Transaktionen.

ITD: Viele Befürworter der Technologie suchen nach Szenarien, die über die bisherigen, eher speziellen Use Cases hinausgehen. Wann wird mit so einem breiten Anwendungsszenario zu rechnen sein und wie könnte dieses aussehen?
Bücheler:
Im Umfeld von Supply Chains gibt es solche breiteren Einsatzszenarien tatsächlich bereits. So benutzen beispielsweise globale Shipping- und Container-Handling-Firmen die Blockchain in einigen Ländern, um die gesamte Lieferkette zu verknüpfen. Dies geschieht sogar industrieübergreifend und in Zusammenarbeit mit Regierungsstellen. Ein Beispiel wäre da die Zollabfertigung. Ganz im Gegensatz dazu ist insbesondere im Finanzsektor zu beobachten, dass dieser deutlich langsamer bei diesem Thema vorangeht als angekündigt. Das ist deshalb überraschend, weil gerade diese Branche als eine der Pioniere für die Technologie gehandelt wurde.

ITD: Woran scheitern geschäftliche Blockchain-Projekte in der Praxis?
Bücheler:
In der Regel am begrenzten Wissen von Entscheidungsträgern, dem Respekt vor dem „Hype“ sowie dem Einbezug von verschiedenen Parteien in den logischen Ablauf bzw. den Business-Prozess rund um die Blockchain. Um beispielsweise Smart Contracts zu implementieren, ist eine detaillierte Abstimmung zwischen allen Parteien nötig, teils mit Eingeständnissen. Dies führt oft zu schwierigen Verhandlungen. Die Technologie an sich ist selten ein Problem – meiner Erfahrung nach stellte die technische Realisierung bislang sogar nie ein Hindernis dar.

ITD: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg entsprechender Projekte?
Bücheler:
Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Fähigkeit, Vertrauen zwischen den involvierten Parteien zu schaffen – sei es aus verschiedenen Organisationen oder innerhalb einer Organisation. Das Teilen von Daten und die Vereinbarung von Smart Contracts sind nicht selten ein neuralgischer Punkt. Ein weiterer Punkt ist, dass es auch Entscheidungsträgern braucht, die das entsprechende Selbstbewusstsein mitbringen, dem Test einer von außen oft als „Hype-Technologie“ betrachteten Innovation zuzustimmen. Die erste Implementierung ist in der Regel simpel und kann auf wenige Teilnehmer beschränkt werden.

ITD: Wie sieht der Markt für qualifizierte Fachkräfte auf dem Gebiet aus?
Bücheler:
Dazu kenne ich keine Statistiken. Blockchain ist technisch nicht sehr kompliziert. Ein Informatiker mit einer soliden Grundausbildung sollte sich schnell zurechtfinden. Schwieriger ist gegebenenfalls das Verständnis des jeweiligen Geschäftsprozesses, der durch die Blockchain abgebildet werden soll. Fachkräfte müssen also neben dem technischen Verständnis auch die Fähigkeit mitbringen, an den Schnittstellen mit anderen Industrieteilnehmern zu verhandeln.

ITD: Welche Rolle spielt „Blockchain as a Service” (BaaS) für die Zukunft und Akzeptanz der Technologie?
Bücheler:
Wie viele Cloud-Services macht BaaS es Anwendern und Interessenten einfacher, mit Blockchain-Technologie zu experimentieren. So könnte der Ansatz unter Umständen helfen, Dinge „einfach mal zu probieren“ und schnelle Prototypen zu bauen. So kann gleich geprüft werden, ob etwas funktioniert, anstatt ausgeklügelte langjährige und oftmals fiktive Business-Cases in der Theorie zu rechnen und damit zu versuchen, Schwierigkeiten zu antizipieren.

ITD: Welche Monetarisierungsmöglichkeiten bieten sich Betreibern von öffentlichen und privaten Blockchains?
Bücheler:
Neben dem Anbieten des eigentlichen Services als technische Basisdienstleistung kann insbesondere die Kontrolle über einen gesamten Geschäftsprozess und -kontext monetarisiert werden, wie etwa in der Logistik in einem 4PL/5PL-Ansatz. Das Zusammenschließen von gewissen Marktteilnehmern kann beispielsweise beeinflusst werden, um die eigenen Partner zu bevorzugen, die Auslastung besser zu verteilen und/oder die eigene Marge zu optimieren. Das versuchen einige Firmen bereits.

Bildquelle: Oracle Next

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