Künstliche Intelligenz

„Europa hat ein Ressourcenproblem“

Technologiefirmen wie Google, Facebook und Alibaba investieren seit Jahren viele Milliarden in die Erforschung und Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Jetzt will Europa nachziehen. Doch haben die europäischen Herausforderer überhaupt Chancen gegen die Platzhirsche aus Asien und dem Silicon Valley?

Roboter steht vor einer Tafel, auf der Algorithmen geschrieben stehen

In Sachen KI-Forschung will Europa künftig den Ton angeben.

Die Bundesregierung treibt das Thema „Künstliche Intelligenz“ seit kurzem voran. So erklärte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Rahmen des Digital-Gipfels im Dezember 2018 sogar stolz, bereits erste Gespräche mit anderen EU-Staaten geführt zu haben. Der Plan: die Gründung eines europäischen Unternehmens zur KI-Forschung nach dem Vorbild von Airbus. Bereits in wenigen Monaten könnte es laut Altmaier so weit sein – und es wird auch allerhöchste Zeit.

KI wird unser Leben grundlegend verändern – darüber sind sich Wissenschaft, Politik und Wirtschaft weitgehend einig. Momentan steht man allerdings noch am Anfang einer Entwicklung, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten erst richtig Fahrt aufnehmen wird. Aber eins ist sicher: Kaum ein Bereich wird von den Umwälzungen verschont bleiben, die dank intelligenter Roboter und Computer auf uns zukommen.

Künstliche Intelligenz in der Medizin

IBM testet den Supercomputer Watson aktuell in der Krebsforschung. Das System wurde mit der gesamten medizinischen Fachliteratur zu diesem Thema gefüttert: mehr als 2.300 Veröffentlichungen sowie sämtliche Beipackzettel von Medikamenten – die schier unendliche Menge an Informationen könnte ein Mensch wohl niemals aufnehmen. Dazu wertet Watson Röntgen- und Blutbilder sowie Computertomographien aus.

Doch damit nicht genug: Die KI von Watson verarbeitet darüber hinaus sämtliche personenbezogenen Informationen, die über den Patienten während bisheriger Untersuchungen erstellt wurden. Der Supercomputer ist daraufhin in der Lage, alle genannten Daten zu analysieren und im Kontext der Erkrankung zu betrachten. So kann die Technologie den behandelnden Arzt dabei unterstützen, eine maßgeschneiderte Therapie für den Patienten mit seinem individuellen Krankheitsbild zu suchen und zu finden.

Autonomes Fahren wird Realität

Im Straßenverkehr müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir in wenigen Jahren immer häufiger selbstfahrenden Autos begegnen. Zu Beginn sind es nur vereinzelte Fahrzeuge. Doch nach und nach wird die Dichte zunehmen, bis es für uns völlig normal ist, dass unbemannte Autos, Lkw und Busse mit uns die Straße teilen. 2017 gab es weltweit etwa eine Million Verkehrstote – mithilfe höherer Automatisierungsgrade, umfassender Vernetzung und Einsatz der KI lässt sich diese Zahl wahrscheinlich verringern. Aktuell gibt es allerdings noch einige Herausforderungen wie die Gewährleistung der Verlässlichkeit der KI zu bewältigen. Gelingt dies, ist das Potential aber gewaltig. Denn selbstfahrende Autos werden nicht müde, haben kein Glas Wein zu viel getrunken und werden auch nicht von ihren Beifahrern oder dem Smartphone abgelenkt.

Weit entfernt vom gesunden Menschenverstand

Damit KI-Systeme „intelligent“ werden, muss bisher vorrangig Fleißarbeit geleistet werden – von einem tatsächlichen eigenen Bewusstsein oder einem „gesunden Menschenverstand“ sind die Systeme noch meilenweit entfernt. Die Computer werden mit Unmengen an Daten gefüttert, bis sie in der Lage sind, beispielsweise einen Hund von einer Katze zu unterscheiden. Nach und nach wird ein dem menschlichen Gehirn nachempfundenes, computerbasiertes neuronales Netz angelernt – bis die Trefferquote stimmt.

Und das ist einer der Hauptgründe, warum Google in puncto KI-Forschung aktuell die Nase vorn zu haben scheint: Das Internet-Unternehmen verfügt nun mal über gigantische Datenmengen und über das Personal, um seine Systeme immer weiter zu verbessern. Dazu kommt, dass Technologieunternehmen wie Amazon, Apple, Facebook, Alibaba und eben Google scheinbar unbegrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten besitzen.

Es fehlt der KI-Nachwuchs

Und nun will auch Europa groß in die KI-Forschung einsteigen: Bis 2020 planen Politik und Wirtschaft Investitionen von rund 20 Milliarden Euro, um den Bereich „Künstliche Intelligenz“ auf dem alten Kontinent voranzutreiben. Die Bundesregierung hat mittlerweile erklärt, bis 2025 insgesamt drei Milliarden Euro zu investieren, um den Tech-Riesen wie Google oder Facebook die Stirn zu bieten.

Doch Geld ist nicht alles: Benötigt wird auch das Personal, das in dieser noch eher jungen Disziplin das nötige Know-how mitbringt. Insbesondere Deutschland hat aber im IT-Ressort ein generelles Ressourcenproblem. Unternehmen aller Couleur suchen momentan händeringend nach Informatikern – von Banken über die Industrie bis hin zum Gesundheitsbereich. An den hiesigen Universitäten sind jedoch aufgrund der teilweise überzogenen Anforderungen in den IT-Kernfächern Abbruchquoten von 50 Prozent pro Jahrgang keine Seltenheit.

Schaffen die Studierenden den Informatikabschluss, stehen sie oftmals vor der nächsten Hürde: Zu häufig passen die meist sehr theoretischen Studiengänge nicht mehr zu den immer wieder neu entstehenden Jobprofilen unserer Zeit. Auch durch Zuwanderung von Spezialisten lässt sich der Mangel an hierzulande ausgebildeten Fachkräften mittlerweile nicht mehr kompensieren.

Im Mittelpunkt sollte deshalb besonders der Nachwuchs stehen – und da kann man aktuell eher schwarzsehen. In der Politik, Wirtschaft und Forschung muss dringend ein Umdenken stattfinden: Bereits in der Schule müssen die Kinder an digitale Themen herangeführt werden. Doch dazu sind die Lehrkräfte aktuell gar nicht in der Lage, weil ihnen selbst die Kompetenz in diesem Bereich fehlt. Zudem sollte die Überforderung an den Universitäten einer praxisnahen Vorbereitung auf reale Problemstellungen weichen – und das im engen Austausch mit der Wirtschaft. Dies ist Grundvoraussetzung dafür, dass Deutschland und Europa in Zukunft zumindest die Chance haben, den Abstand zu den Technologieführern zu verringern.

* Der Autor Peter Liggesmeyer ist geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering in Kaiserslautern, Mitglied im rheinland-pfälzischen Landesrat für digitale Entwicklung und Kultur sowie ehemaliger Präsident der Gesellschaft für Informatik.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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