Greencard für IT-Spezialisten: Interview mit Dr. Markus Müller, Telekom

Fachkräftemangel in Deutschland

Im Interview geht Dr. Markus Müller, IT-Chef der Telekom, auf den IT-Fachkräftemangel in Deutschland ein, erklärt, warum er eine Greencard für IT-Spezialisten gutheißt, und wie man sich ein eigenes IT-Spezialistentum aufbauen kann.

Dr. Markus Müller, Telekom

Dr. Markus Müller, CIO der Telekom, befürwortet die Greencard für IT-Spezialisten.

IT-DIRECTOR: Herr Müller, wie schätzen Sie die Situation der IT-Fachkräfte hierzulande ein?
M. Müller:
Dies hängt davon ab, wie eine IT-Fachkraft im jeweiligen Unternehmen definiert wird. Da bei uns beispielsweise jedes Produkt auf Informationstechnologien basiert, stellt die IT eine Kernkompetenz dar, die rund 80 Prozent aller unserer Produktionsprozesse beherrscht. Von daher gilt: Was für die Fertigung das Fließband ist, ist für uns die Informationstechnologie.

Generell bemerken wir am Wirtschaftsstandort Deutschland einen gewissen Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, wobei jedoch nicht alle IT-Kompetenzen gleichermaßen davon betroffen sind.

IT-DIRECTOR: Welche Kompetenzen sind für Ihre IT-Abteilung besonders wichtig?
M. Müller:
Sämtliche Themen rund um das Customer Relationship Management (CRM), etwa wenn es um die Orchestrierung von Kundenbestellungen und -profilen geht. Im nächsten Schritt spielt das E-Business sowie dessen Frontend eine wichtige Rolle, ebenso wie E-Billing und die automatisierte Abrechnung unserer Services. Von daher stehen bei unserer Mitarbeitersuche eher die klassischen Themen ganz weit oben. Zudem wird natürlich der Bedarf an IT-Fachkräften für die Trendthemen Cloud Computing oder Big Data Analysen stetig größer.

IT-DIRECTOR: Warum ist das so?
M. Müller:
Customer Relationship Management und elektronische Rechnungsabwicklung betreffen unsere Kernprozesse. Allerdings sollten die gesuchten Spezialisten nicht nur Basiswissen über Siebel CRM oder anderen Oracle-Frontends aufweisen können, sondern gleichzeitig auch entsprechend fachliches Verständnis besitzen. Von daher suchen wir keine reinen Software-Entwickler, sondern Fachkräfte mit Prozess-Know-how.

IT-DIRECTOR: Weshalb legen Sie überdies so ein großes Augenmerk auf E-Billing?
M. Müller:
Fast alle unsere Produkte basieren auf einem bestimmten Tarif – z.B. für Festnetz-, Internet- oder Mobilfunkverbindungen. Darüber hinaus kann jedes Angebot wiederum mit einer Flatrate oder bestimmten Volumina, ab dem neue Tarifeinheiten gezählt werden, verknüpft sein. Die Komplexität aller Tarife spiegeln die jeweiligen Konfigurationen im CRM- bzw. Billing-System wider.

IT-DIRECTOR: Spielen Cloud- und Big-Data-Spezialisten denn tatsächlich noch keine große Rolle auf dem IT-Arbeitsmarkt?
M. Müller:
Beide Trends kommen immer mehr in der Unternehmens-IT und den primären Produktionsprozessen an. Betrachtet man die durchschnittliche IT-Landschaft eines Großunternehmens, so besteht noch viel Potenzial, Applikationen in der Cloud zu betreiben. Big-Data-Analysen werden aktuell von einem kleinen Kreis genutzt, erhalten aber mit Industrie 4.0 einen enormen Schub und werden künftig verstärkt in großen Unternehmen zu finden sein.

IT-DIRECTOR: Auf welche Weise wollen Sie künftig dem Fachkräftemangel ein Schnippchen schlagen?
M. Müller:
Unsere Experten entwickeln wir primär aus den eigenen Reihen durch interne Förderungsmaßnahmen, so dass sich bei uns stets zwischen 500 und 600 IT-Mitarbeiter in der Weiterbildung befinden. Mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiter in der Telekom IT werden entlang unserer strategischen Ausrichtung qualifiziert. Rekrutieren wir tatsächlich einmal Mitarbeiter mit spezieller Software-Expertise vom Jobmarkt so benötigen diese zusätzlich eine weitergehende Ausbildung, um optimal in sämtliche Telekom-spezifischen Prozesse eingebunden zu werden.

IT-DIRECTOR: Was denken Sie, wie viele Fachkräfte fehlen in den hiesigen IT-Abteilungen?
M. Müller:
Betrachtet man den Arbeitsmarkt, so gibt es in vielen Unternehmen freie Positionen für IT-Fachkräfte, vor allem für  bestimmte Technologien und mit Methodenwissen über agile Arbeitsweisen.

IT-DIRECTOR: Wie kommen die Verantwortlichen an das benötigte IT-Personal?
M. Müller:
Dies hängt ganz von der Philosophie eines Unternehmens ab. Es gibt verschiedene Wege, den Fachkräftemangel zu umgehen. Dazu gehört das Outsourcing der gesamten IT an spezialisierte Dienstleister wie T-Systems, das Nutzen von Near- bzw Offshoring-Kapazitäten oder das Vorantreiben der bereits angesprochenen Qualifizierung eigener Mitarbeiter. Inzwischen haben wir spezielle Qualifizierungsprogramme für unsere eigenen Mitarbeiter aufgesetzt, so dass wir in diesem Jahr von den 7.600 IT-Kollegen rund 3.800 Personen schulen, wofür wir rund acht Millionen Euro ausgeben. Insgesamt besitzt unsere IT-Abteilung ein Budget von fast zwei Milliarden Euro pro Jahr und damit eine Größenordnung, dank der wir bei potentiellen Bewerbern als äußerst attraktiv gelten.

IT-DIRECTOR: Ein Blick über den Tellerrand: Welche Aufgaben müssen Politik, Industrie, Fachverbände oder Hochschulen übernehmen, um den Fachkräftemangel zu beheben?
M. Müller:
Alle Parteien müssen an einem Strang ziehen und entsprechende Fördermittel und -projekte anstoßen. Als erfolgsversprechend haben sich beispielsweise Partnerschaften zwischen Industrie und Hochschulen erwiesen. Für solche Modelle schafft die Politik dann die Rahmenbedingungen, indem sie die benötigten finanziellen Mittel zur Verfügung stellt.

IT-DIRECTOR: Bei welchen Hochschulen engagieren Sie sich?
M. Müller:
Wir arbeiten mit ungefähr 100 Hochschulen, Fachhochschulen und Universitäten zusammen. Dazu gehört die TU Berlin, unsere T-Labs und die Fachhochschule Leipzig: Unser Innovationslabor T-Labs pflegt eine enge Zusammenarbeit mit der TU Berlin und fördert zahlreiche Studentenarbeiten. Dadurch binden wir junge Leute sehr früh an unser Unternehmen. Zudem fördern wir an der Fachhochschule Leipzig einen kompletten Lehrstuhl mit unseren Mitteln.

Generell betrachten wir duale Studiengänge als hervorragendes Werkzeug, um entsprechendes Personal auszubilden. Die Studenten bringen universitäres Gedankengut in die Projekte hinein und werden von uns gleichzeitig an praxisrelevante Aufgabenstellungen herangeführt.

IT-DIRECTOR: Wo findet man über den universitären Zirkel hinaus weitere Fachkräfte?
M. Müller:
In den letzten Jahren haben die meisten IT-Verantwortlichen in umfangreiche SAP-Konsolidierungsprojekte sowie in die Globalisierung ihrer ERP-Systeme investiert. Von daher sind die personellen Ressourcen hierfür hierzulande fasst komplett abgegrast. Anders gestaltet sich dies in Indien oder Osteuropa, weshalb wir beispielsweise ein eigenes SAP-Team in Polen aufbauen. Weitere Standorte betreiben wir in Ungarn, der Slowakei sowie in St. Petersburg. Near- und Offshore-Leistungen sind wichtiger Bestandteil unserer IT-Leistungen für den Gesamtkonzern geworden. Rund 30 Prozent aller IT-Mitarbeiter kommen mittlerweile nicht aus Deutschland.

IT-DIRECTOR: Würden Sie die Einführung einer Greencard für IT-Spezialisten gutheißen?
M. Müller:
Ja, denn in Deutschland sehen wir großen Handlungsbedarf: Hiesige Firmen können sich nur weiterentwickeln, wenn sie kontinuierlich die Umsetzung innovativer Themen vorantreiben, was heute ohne die entsprechende Informationstechnologie nicht mehr funktioniert.

Doch noch immer gestaltet sich die Beschäftigung ausländischer IT-Spezialisten – z.B. aus Russland oder Indien – äußerst komplex. Dies bemerken wir selbst, wenn wir solche ausländischen Kollegen mit einem hiesigen Arbeitsvertrag ausstatten wollen. Denn die Arbeitsplatzgenehmigung ist hierzulande noch immer mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Aufgrund dessen sind uns schon viele Nicht-EU-Mitarbeiter abgesprungen und zu internationalen Mitbewerbern gewechselt.

IT-DIRECTOR: Auch ins „gelobte“ Silicon Valley, zu angeblich so hippen Firmen wie Apple oder Google?
M. Müller:
Sicherlich beschäftigen wir viele kluge Köpfe, insbesondere in unserem Bereich „Produkte & Innovation“, die man im Silicon Valley mit Kusshand nehmen würde. Allerdings wandert kaum einer unserer Kollegen dorthin ab. Nicht zuletzt, weil wir als moderner Arbeitgeber viele Tätigkeitsfelder besitzen, in denen wir geeignete Mitarbeiter auf lange Sicht binden können, etwa bei der Entwicklung von E-Business-Themen, Multi-Kanal-Management oder der Nutzung von Videochat und sozialen Netzen.

IT-DIRECTOR: Wie schaffen Sie es hier auf der Höhe der Zeit zu bleiben?
M. Müller:
Wir besitzen ein eigenes „Telekom Social Network“, das mittlerweile die führende Kommunikationsplattform unseres Hauses ist und in dem zeitgleich stets mehrere tausend Mitarbeiter online sind. Es verzeichnet einen so regen Zulauf, dass wir künftig unser bisheriges Intranet darauf umstellen wollen. Nicht zuletzt besitzen dort einzelne Mitarbeiter und Führungskräfte spezifische Chat-Streams oder Diskussionsforen.

IT-DIRECTOR: Mit welchen Kommunikationsmitteln wollen Sie externe IT-Fachkräfte gewinnen?
M. Müller:
Auch hier greifen wir soziale Kommunikationskanäle auf, etwa Facebook, Xing, Twitter sowie unseren eigenen Karriere-Blog. Bei letzterem kann man über einem Onlinechat direkt mit unseren für die Rekrutierung zuständigen HR-Mitarbeitern kommunizieren. Damit öffnet man sich als Unternehmen auch vor allem jungen, studentischen Zielgruppen.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok