IT-Services aus dem Ausland

Fachkräftemangel verstärkt Offshoring

Warum der IT-Fachkräftemangel in Deutschland die Nachfrage nach ausländischen Dienstleistungen steigert und welche Auswirkungen das Near- und Offshoring auf die Wirtschaft haben, berichtet Ioannis Tsavlakidis, Partner und Head of IT Consulting bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG, im Interview.

Ioannis Tsavlakidis, Partner und Head of IT Consulting bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG

IT-DIRECTOR: Herr Tsavlakidis, inwiefern lässt sich IT-Off-/Nearshoring mit dem Fachkräftemangel in Deutschland erklären?
I. Tsavlakidis:
In den vergangenen Jahren haben weite Teile der deutschen Industrie Kostenoptimierungsmaßnahmen bei IT-Personal durch Off- und Nearshoring vollzogen. Auch die IT-Outsourcing-Branche war davon betroffen. Ein Image- und Attraktivitätsverlust bei nachfolgenden Generationen von Studenten dieser Berufe war dadurch bedingt. Der IT-Fachkräftemangel ist durchaus eine Auswirkung davon.

IT-DIRECTOR: Welche Dienstleistungen/Services werden von deutschen Großunternehmen häufig im Ausland angefragt?
I. Tsavlakidis:
Häufig werden Outsourcing-Leistungen, insbesondere sogenannte Business-Prozess-Outsourcing-Leistungen (BPO – z.B. Payroll), aber auch IT-Programmier- und Servicedienstleitungen von Near- und Offshore-Ländern bezogen.

IT-DIRECTOR: Welche Länder sind besonders beliebt? Gibt es Regionen, die auf bestimmte Fachbereiche spezialisiert sind?
I. Tsavlakidis:
In Asien sind beliebte Länder Indien und die Philippinen. Vietnam holt im IT-Bereich gerade stark auf. In Europa sind Nearshore-Länder gefragt wie Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien. Mittlerweile zählt auch Spanien zu dieser Kategorie.

IT-DIRECTOR: Wie lässt sich der Trend Nearshoring erklären? Spielen die EU-Zugehörigkeit und die geringe Zeitverschiebung dabei eine Rolle?
I. Tsavlakidis:
Positive Aspekte des Nearshoring bei IT-Projekten sind z.B. geringe bis leichte Reise- und Visabestimmungen für Bürger osteuropäischer Staaten. Die Türkei und Ungarn sind Länder mit einer hohen Anzahl an deutschsprechenden IT-Fachkräften. Zeitverschiebung spielt zwar eine Rolle, jedoch sind die geringen kulturellen Unterschiede ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

IT-DIRECTOR: Vor welchen Problemen stehen Unternehmen und ausländische Mitarbeiter in Bezug auf eine Aufenthaltsgenehmigung? (Stichwort Blue Card)
I. Tsavlakidis:
Die Bewerkstelligung des erhöhten bürokratischen Aufwandes sowie die persönliche und interkulturelle Integration aller Beteiligten bei der täglichen Arbeit sind wesentliche Aspekte einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

IT-DIRECTOR: Welchen Vorteil bieten in diesem Zusammenhang agile Projektmethoden?
I. Tsavlakidis:
Agile Projektmethoden können die Zusammenarbeit vereinfachen, da die Arbeitsvolumen in kleinere Pakete zerlegt werden. Die Definition der Arbeitspakte sollte sich ggf. auch an den verschiedenen Arbeitsweisen in international verteilten Teams orientieren. Zu fragen ist, welche Tätigkeiten von einem Teammitglied einzeln durchgeführt werden können und welche Arbeiten ggf. Interaktion mit anderen Teammitgliedern erfordern.

IT-DIRECTOR: Wie steht es um moralische Bedenken auf Unternehmensseite bezüglich politischer Unruhen (z.B. Arabischer Frühling), der Regierungsform oder sozialer Missstände (z.B. Kastensystem und Massenvergewaltigung in Indien)?
I. Tsavlakidis:
Unserer Beobachtung nach stellen sich die deutschen Großunternehmen nicht selten länderdiversifiziert diesbezüglich auf. IT-Offshoring in APAC und AMEC, z.B. in Mexiko, sind keine Seltenheit mehr. Positive Zeitzoneneffekte bei reduzierter Abhängigkeit zeigen sich auf, ohne dabei optimierte Personalkosten zu vernachlässigen. Die Abhängigkeit der o.g. Themen reduziert sich, gleichzeitig steigt aber die Komplexität im Management durch die Integration dieser globalisierten Leistungserbringung. 

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile ergeben sich durch IT-Offshoring aus Ihrer Sicht für Unternehmen und welche negativen Folgen resultieren daraus für die deutsche Wirtschaft?
I. Tsavlakidis:
Die angesprochenen Kostenvorteile sind ein andauernder Faktor des Offshorings. Dabei steigt jedoch der Management- und Steuerungsaufwand und bildet daher einen gegenläufigen Wertbeitrag. Die reduzierte Anzahl von IT-Fachkräften wird sich in Teilen der deutschen Wirtschaft ggf. negativ auf künftige Innovationen auswirken.

IT-DIRECTOR: Bitte geben Sie drei Tipps dazu, worauf Unternehmen bei der Wahl des ausländischen Dienstleisters achten sollten.
I. Tsavlakidis:
Internationaler Fit, kultureller Fit und die Flexibilität des Unternehmens z.B. neue Servicevorschläge umzusetzen und nachhaltig an Serviceverbesserungen zu arbeiten.




©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok