Factoring für Freiberufler

Fintech-Startups finanzieren Rechnungen vor

Der Markt für IT-Freelancer boomt und zieht inzwischen sogar Fintech-Startups an: Sie bieten die unkomplizierte und kostengünstige Vorfinanzierung von fälligen Rechnungen.

Mit dem Taschenrechner die Finanzierung ausrechnen

Factoring: Finanzierung durch Rechnungsverkauf

Die Nachfrage nach IT-Freelancern ist ungebrochen, sie sind für zahlreiche Unternehmen in Technologiebranchen und Digitalwirtschaft unverzichtbar. Im Sommer 2017 ergab eine Studie des Branchenverbands Bitkom, dass in fast 95 Prozent der befragten Unternehmen Freiberufler von großer oder sehr großer Bedeutung sind. Jedes zweite Unternehmen geht sogar davon aus, dass der Anteil an Projekten, in den Freiberuflern besonders intensiv mitarbeiten, noch steigen wird. In den meisten Unternehmen wird etwa ein Viertel des Projektvolumens von Freiberuflern bewältigt. Kurz: Freelancer stehen hoch im Kurs, ohne sie würde viel Arbeit liegen bleiben.

Das ist für die Selbstständigen erfreulich und lässt die Kasse klingeln - wenn die Unternehmen rasch bezahlen. Leider gibt es vor allem im Projektgeschäft Zahlungskonditionen, die Freiberufler in Schwierigkeiten bringen können. Ein typisches Beispiel: Rechnungsstellung ist spätestens Ende des Monats, Zahlung am Ende des Folgemonats. Da vergehen bei kurzfristigen Projekten oder am Anfang einer längeren Arbeitsphase dann schon mal fast zwei Monate, bis Geld auf dem Konto auftaucht. Wer jetzt nicht auf eine ausreichende Rücklage zugreifen kann, bekommt Liquiditätsprobleme. Meist lassen die sich zwar durch einen Dispositionskredit ausgleichen, doch solche „Zwischenfinanzierungen“ sind recht teuer.

Rechnungsverkauf als Alternative zum Kredit

Es gibt allerdings eine erprobte Alternative: Factoring, die Übertragung einer Forderung vor Fälligkeit an ein Kreditinstitut. Vereinfacht ausgedrückt, handelt es sich dabei um den Verkauf der Rechnung. Das beauftragte Unternehmen (der Factor) zahlt den Rechnungsbetrag meist innerhalb von ein bis zwei Tagen an den Auftraggeber, abzüglich einer Gebühr. Der Kunde des Freiberuflers erhält nun vom Factoring-Anbieter die Rechnung über das vereinbarte Honorar ausgestellt. Der Freiberufler muss bei diesem Vorgehen nicht darauf achten, ob der Betrag in voller Höhe bezahlt wurde - das übernimmt der Factor.

Typischerweise wird Factoring von mittelständischen Unternehmen eingesetzt, um die Liquidität und die Eigenkapitalquote zu verbessern. Dabei wird das sogenannte „echte Factoring“ genutzt, bei dem auch das Risiko des Forderungsausfalls etwa bei Nichtzahlung oder Insolvenz übertragen wird. Wie sich leicht denken lässt, sind hier die Voraussetzungen und Gebühren relativ hoch. So arbeiten zahlreiche Anbieter nur mit Unternehmen zusammen, die mindestens 250.000 Euro Jahresumsatz haben. Kostengünstiger ist das sogenannte unechte Factoring, bei dem der Forderungsausfall nicht übertragen wird. Beide Factoring-Varianten haben sich seit der Einführung dieser Finanzierung in den 1970er Jahren in Deutschland gut etabliert, die 10 größten Anbieter machten zwar 2015 etwa 156 Milliarden Euro Umsatz.

Factoring-Startups auf dem Vormarsch

Bei vielen Freiberuflern und kleineren Unternehmen ist Factoring allerdings Immer noch so gut wie unbekannt. Vor allem Selbständige und Unternehmer ohne kaufmännischen Hintergrund nutzen dieses Finanzierungsinstrument nicht oft. Doch seit wenigen Jahren gibt es einige Fintech-Startups wie Decimo, Finita (ehem. bezahlt.de) und Fundflow, die diese Situation ändern möchten und sich einem recht großen Markt widmen, der von den Anbietern bislang eher stiefmütterlich behandelt worden ist.

Decimo

https://www.decimo.de/

Das Startup gehört zu den Vorreitern und ist so erfolgreich, dass Kleinanleger im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne früher als geplant ausgezahlt werden konnten. Decimo bietet echtes Factoring zu unkomplizierten Konditionen an. So gibt es keine feste Vertragsbindung, der Auftraggeber kann einzelne, aber auch alle Rechnungen bei Decimo abwickeln. Die Factoring-Gebühr beginnt bei 0,5 Prozent des Rechnungsbetrages, wird aber individuell anhand diverser Parameter wie der Bonität von Rechnungssteller und -empfänger bestimmt. Das Geld ist innerhalb von 24 Stunden nach dem positiven Bescheid über die Zahlung auf dem Konto des Auftraggebers. Bei risikoreichen Rechnungen, etwa bekannten Zahlungsproblemen eines Empfängers, gibt es allerdings einen Sicherheitsvorbehalt: Die Rechnung wird nur teilweise sofort ausgezahlt, der Rest nach Erhalt der gesamten Summe.

Finiata

https://www.finiata.de/

Finiata, das Factoring-Startup des ehemaligen Kreditech-Mitgründers Sebastian Diemer startete im Herbst 2016 unter dem Markennamen bezahlt.de. Die Neugründung betreut inzwischen etwa 5000 Kunden und hat sich die europäische Expansion auf die Fahnen geschrieben. Eine ganze Reihe von Investoren unterstützen das Startup in einer Series-A-Runde mit 18 Millionen Euro. Finiata wirbt damit, auch bei Neukunden bis zu 80 Prozent der eingereichten Rechnung innerhalb von 24 Stunden auszuzahlen, den Rest bei Begleichung durch den Empfänger. Das Startup übernimmt allerdings weder Mahnwesen noch der Umgang mit dem Forderungsausfall, das bleibt dem Rechnungsaussteller überlassen. Die erste Rechnung ist kostenlos, dann werden mindestens 2,3 Prozent des Rechnungsbetrags fällig. Berechnet werden die Gebühren automatisch durch einen selbst lernenden Corning-Algorithmus, sodass die Genehmigung der Rechnung lediglich einige Sekunden dauert. Nach einiger Zeit der Zusammenarbeit zahlt Finiata den vollen Rechnungsbetrag sofort, übernimmt aber nicht das Ausfallrisiko, so dass der Betrag im Zweifel zurückgezahlt werden muss

Fundflow

https://www.fundflow.de/

Das 2016 gegründete Fintech-Startup erhielt eine Anschubfinanzierung des Hightech-Gründerfonds und bietet echtes Factoring, bei dem das Unternehmen sogar das Mahnwesen übernimmt. Dafür beginnt die anteilige Gebühr pro Rechnung auch bei 2,8 Prozent, mehr je nach Risikoeinschätzung. Rechnungen bis 5000 Euro werden recht unkompliziert ausgezahlt, bei größeren Rechnungen muss der Freiberufler zunächst eine Kopie der letzten Jahresabschlüsse sowie eine aktuelle betriebswirtschaftliche Auswertung (BWA) des Steuerberaters vorlegen.

Bildquelle: Thinkstock

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