Breitbandversorgung: Interview mit Jürgen Grützner, VATM

Flächendeckendes Highspeed-Internet

Interview mit Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e.V. (VATM), über den in Deutschland geplanten Ausbau mit Highspeed-Breitbandanschlüssen in der Fläche

Jürgen Grützner, Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten

Jürgen Grützner, Geschäftsführer des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e.V. (VATM)

IT-DIRECTOR: Herr Grützner, gemäß der Breitbandstrategie der Bundesregierung sollen flächendeckend allen Haushalten in Deutschland bis 2018 Bandbreiten von 50 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen. Wie ist der momentane Stand bei diesem bundesweiten Breitbandausbau?
J. Grützner:
Die Ziele der Bundesregierung sind sehr ambitioniert. Vor allem in den entlegenen Gebieten stehen den hohen Ausbaukosten relativ wenige potentielle Kunden gegenüber. Das macht gute regulatorische und politische Rahmenbedingungen erforderlich, um einen schnellen Ausbau mit möglichst geringem Fördermitteleinsatz möglich zu machen. Rund 20 Mrd. Euro werden die Wettbewerber der Telekom laut WIK bis 2018 insgesamt in den Breitbandausbau investieren. Gerade im ländlichen Bereich investieren die Wettbewerber deutlich mehr als die Telekom. Ganz ohne Fördermittel wird ein Glasfaserausbau jedoch auf dem Land, wo hohe Wirtschaftlichkeitslücken bestehen, nicht funktionieren.

Positiv zu bewerten ist die jüngste Entscheidung der Bundesnetzagentur zur Abschaffung der alten 1-Mbit/s-Grenze zum 1. September dieses Jahres. Sie stellt den alternativen Netzbetreibern nun verbesserte regulatorische Rahmenbedingungen zur Verfügung. Er wird in Deutschland den Ausbau mit Highspeed-Breitbandanschlüssen in der Fläche ankurbeln.

IT-DIRECTOR: Wie schätzen Sie aktuell die Rolle der Politik – sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene – hinsichtlich des Breitbandausbaus ein? An welchen Stellen läuft es gut? Wo besteht dringender Handlungsbedarf?
J. Grützner:
Das aktuell von der Koalition geplante Breitbandinfrastrukturausbaugesetz geht nach Ansicht des VATM in die richtige Richtung, weil es darauf ausgerichtet ist, alle Investitionsmöglichkeiten zu aktivieren, Kosten und Bürokratieaufwand zu senken, ohne aber einseitig ein einzelnes Unternehmen zu bevorzugen. Als verbesserungsfähig sehen wir etwa die Kooperation zwischen den verschiedenen Ebenen an. So wurden etwa Länder und Kommunen bei der Netzallianz von Bundesminister Alexander Dobrindt nicht miteinbezogen, obwohl auch eine intensive Abstimmung mit Ländern und Kommunen zwingend erforderlich ist, um die komplexen Probleme rund um den Breitbandausbau besser und schneller lösen zu können als in der Vergangenheit.

IT-DIRECTOR: Welchen Stellenwert nehmen im Rahmen des Netzausbaus moderne mobilfunkt-Technologien LTE sowie Voice over LTE ein?
J. Grützner:
Moderne Mobilfunktechnologien sind eine wichtige Säule, um die Breitbandversorgung in der Fläche zügig zu sichern. Auch auf längere Sicht stellen sie eine wertvolle Ergänzung zu stationären Breitbandanbindungen dar. Dies setzt allerdings umfangreiche Investitionen der Netzbetreiber in den Aufbau leistungsfähiger Netze voraus, weshalb dem Markt nicht unnötig Finanzmittel entzogen werden dürfen, etwa durch eine kostspielige Frequenzversteigerung  im Rahmen der Digitalen Dividende II.

IT-DIRECTOR: Aufgrund der aktuellen Trends hin zur mobilen Arbeitsweise, zum Internet of Things oder zur Industrie 4.0 werden Privathaushalte wie auch Unternehmen immer leistungsfähigere Netze benötigen, um die Daten schnell von A nach B zu senden. Inwieweit trägt die derzeitige Breitbandstrategie diesen Entwicklungen bereits Rechnung?
J. Grützner:
Es ist natürlich richtig, dass das Datenvolumen zukünftig sowohl im privaten als auch im wirtschaftlichen Sektor steigen wird und somit die Netze stärker belastet werden. Wirtschaftlichen Notwendigkeiten folgend muss den immensen Kosten eines flächendenkenden Highspeed-Netzes allerdings eine – sich auch in konkreter Zahlungsbereitschaft manifestierende – entsprechende Nachfrage gegenüberstehen, was zurzeit noch nicht gewährleistet ist. Ein schrittweiser und bedarfsgerecht erweiterbarer Glasfaserausbau unter Einbeziehung  der Brückentechnologie Vectoring und alternativen Lösungen ist aus unserer Sicht daher ökonomisch und technisch sinnvoll, was auch aktuelle Studien (beispielsweise des WIK) belegen. Das Thema Industrie 4.0 spielt unter anderem beim IT-Gipfelprozess eine wichtige Rolle und ist in seiner Bedeutung erkannt.

IT-DIRECTOR: Wie lautet Ihre Einschätzung: Kann der geplante Netzausbau diese zukünftig exorbitante Datenlast locker stemmen? Oder werden die Infrastrukturen über kurz oder lang darunter zusammenbrechen?
J. Grützner:
Wenn der Ausbau zukunftsfähig und effizient erweiterbar erfolgt, werden die Infrastrukturen auch bei steigender Datenlast zukünftig nicht zusammenbrechen. Der Zwischenschritt des Glasfaserausbaus zum Kabelverzweiger (FTTC) bedient die Anforderungen von heute sowie die der nächsten Jahre und stellt gleichzeitig die Weichen für einen zukünftigen Ausbau bis zum Endkunden. Nicht vergessen werden sollte auch, dass nicht nur das Datenvolumen wächst, sondern auch die technischen Möglichkeiten: Wenn heute z.B. bereits ganze Gemeinden kostengünstig und mit stetig steigenden Mbit/s-Raten über Satellitenlösungen versorgt werden können, zeigt dies deutlich, wie sich etablierte Technologien weiterentwickeln. Immer wieder gibt es – auch beim mobilen Breitband – Meldungen über neu erreichte Übertragungsraten.

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