Nachgefragt bei Jochen Günther, Ulrich Schnabel, Fraunhofer IAO

Flexible Arbeitsmodelle gefordert

Interview mit Jochen Günther, Projektmanager und Senior Consultant für Enterprise 2.0 beim Fraunhofer-Institut Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, und Ulrich Schnabel, Projektmanager und Senior Consultant für Performance Management beim IAO

  • Fraunhofer IAO

    Jochen Günther, Projektmanager und Senior Consultant für Enterprise 2.0 beim Fraunhofer IAO

  • Ulrich Schnabel, Projektmanager und Senior Consultant für Performance Management beim Fraunhofer IAO

IT-DIRECTOR: Herr Günther, wie wird in Großunternehmen künftig ein moderner Arbeitsplatz für sogenannte „Wissensarbeiter“ aussehen?
J. Günther:
Wissensarbeit umfasst Tätigkeiten die von hoher Autonomie der Arbeitsperson, schwer planbaren Arbeitsabläufen bei hohen Ansprüchen an die Problemlösungskompetenz des Mitarbeiters gekennzeichnet ist. Damit stellt Wissensarbeit besondere Anforderungen an die Arbeitsprozessorganisation, die Gestaltung der Arbeitsplätze sowie die Führung und Motivation von Mitarbeitern.
Ein moderner Arbeitsplatz muss den Anforderungen an Mobilität, Flexibilität und wechselnden Arbeits- und Kommunikationsanforderungen eines Wissensarbeiters gerecht werden können. Dies umfasst dabei sowohl die räumlich-/technische Arbeitsplatzumgebung als auch die Ausgestaltung des Unternehmensumfelds. Dabei können organisatorische Rahmenbedingungen (z.B. Arbeitszeitgestaltung, Gesundheitsmanagement) von großer Bedeutung sein.

IT-DIRECTOR: Mit der Konzeption eines modernen, ortsunabhängigen Arbeitsplatzes geht oftmals die ständige Erreichbarkeit der Mitarbeiter einher. Welche organisatorischen Risiken sind damit in der Regel verbunden?
J. Günther:
Flexibilität, und damit verbunden Mobilität und Erreichbarkeit, ist einerseits ein Grunderfordernis von produktiver Wissensarbeit. Andererseits geht damit eine zunehmende zeitliche Inanspruchnahme und gegebenenfalls kontinuierliche Arbeitsbelastung des Wissensarbeiters einher.

IT-DIRECTOR: Herr Schnabel, inwieweit kann sich das „Always on“ negativ auf die Gesundheit, Motivation oder Zusammenarbeit der Mitarbeiter auswirken?
U. Schnabel:
„Always on“ bedeutet, dass zwischen Beruf- und Privatleben eine Entgrenzung stattfindet. Für viele Mitarbeiter kann dies ein Problem darstellen und Di-Stress verursachen. Kurz nach dem Abendessen am Esstisch E-Mails checken und beantworten oder am Sonntagmorgen kurz ein Angebot für einen Service fertigmachen und verschicken. Der Wissensunternehmer lebt sein Leben für seine Firma und weiß, dass der Nutzen aus „Always on“ für ihn Gewinnchancen bedeuten. Angestellte Mitarbeiter ohne das Bedürfnis nach Wachstum und Selbstverwirklichung in ihrem Beruf tun sich damit schwerer. Inhaber kleinerer oder mittlerer Unternehmen und der Wissensunternehmer mit „Garagenfirma“ haben eine hohe leistungsorientierte Motivation, leben für ihre unternehmerische Vision und Idee. Für sie ist „Always on“ eine Chance und kein Problem, dass man mit dem Betriebsrat besprechen muss.

IT-DIRECTOR: Worauf sollten die Verantwortlichen beim Erstellen einer Unternehmensrichtlinie für moderne, mobile und vernetzte Arbeitsplätze vor allem achten?
J. Günther:
Es gibt eine große Bandbreite möglicher Maßnahmen, die Unternehmen ergreifen können: Neben Regelungen zur Erreichbarkeit und Gebrauch mobiler Arbeitsgeräte können Firmen dabei auch auf die Ausgestaltung von betrieblichen Arbeitszeiten mit Kontenmodellen, Regelungen zur Wochenendarbeit und Pausenmodellen als Ansatzpunkt nutzen. Die flexible Regelung von Erholungsphasen ist gerade in der Wissensarbeit mit ihrer oft widersprüchlichen Anforderungen hinsichtlich eigener Autonomie und Entscheidungsfreiheit einerseits und Vorgaben von Kunden und Führungskräften und dabei inhärent unvorhersehbarer Arbeitsabläufe andererseits von großer Bedeutung.

IT-DIRECTOR: Wie ist das heutige Arbeitsrecht mit den Konzepten moderner Arbeitsplätze vereinbar? Muss es spezielle Anpassungen geben? Wenn ja, welche?
U. Schnabel:
Die derzeitige Wirtschaftsordnung besteht aus einer sehr hohen Regulierungsdichte. Die Gesetze und Regularien formulieren sehr umfangreich, wie lange in welchem Zeitabschnitt wer wo arbeiten darf, und was dabei auf alle Fälle zu berücksichtigen ist.

Um weiter strategische Wettbewerbsvorteile im internationalen Wettbewerb zu schaffen, benötigen wir noch mehr und stärker flexible Rahmenbedingungen für Wissensarbeiter als Wissensunternehmer. Hierzu gehört die Eigenverantwortung, Arbeitsprozesse mit Kunden und Kollegen entsprechend ihren Anforderungen selbst bestimmen zu können. Aufwendige Kontrollmechanismen müssen abgebaut werden. Wenn Wissensarbeiter als Wissensunternehmer für wissensintensive Dienstleister hohe Eigenverantwortung übernehmen, müssen flexible materielle und immaterielle Gewinnbeteiligungsmodelle umgesetzt werden. „Always on“ und Leistung muss sich entsprechend dem Engagement signifikant lohnen, sodass es nicht zu Gratifikationskrisen kommt.

IT-DIRECTOR: Wie sind deutsche Großunternehmen im europäischen Vergleich hinsichtlich der Modernisierung Ihrer Arbeitsplätze aufgestellt?
U. Schnabel:
Das Bild ist sehr heterogen. Internationale professionelle Dienstleistungsunternehmen haben sicher eine führende Rolle. Manche Industrieunternehmen laufen bei der Modernisierung des Arbeitsplatzes hinterher.

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