Karrierechancen von IT-Expertinnen

„Forderung nach Gehaltstransparenz“

Im Interview wirft Jakob Kobabe, Manager Computer Futures Nordics bei Computer Futures, einem Geschäftszweig von SThree, einen Blick auf die Karrierechancen von IT-Expertinnen anno 2020 in Deutschland.

Jakob Kobabe von SThree

Laut Jakob Kobabe von SThree sind Frauen in der IT trotz Förderungsprogrammen und Stipendien immer noch unterrepräsentiert.

ITD: Herr Kobabe, inwieweit ist in der IT-Branche ein Bewusstsein für Gleichberechtigung vorhanden? Oder anders gefragt: Inwieweit werden Frauen in der IT-Branche diskriminiert?
Jakob Kobabe:
In Sachen „Gleichberechtigung“ klafft in der IT-Branche eine große Lücke zwischen Anspruch und Realität. Das zeigt die aktuelle „So arbeitet Deutschland“-Studie: 90 Prozent der befragten IT-Expertinnen und -Experten sind der Meinung, dass Frauen und Männer im Job gleichbehandelt werden sollen. Doch das scheint im Arbeitsalltag nicht anzukommen. 66 Prozent der Frauen in der IT-Branche bekamen diese Benachteiligung bereits auf verschiedene Arten zu spüren. Ganze 17 Prozent geben sogar zu, einen Kollegen oder eine Kollegin aufgrund ihres Geschlechts schon einmal anders behandelt zu haben.

Für Frauen in der IT-Branche hat das verheerende Auswirkungen, denn wie die Studienergebnisse deutlich machen, bekommen sie diese Diskriminierungen vor allem bei Aspekten wie dem Gehalt oder den Aufstiegschancen zu spüren. Um diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schließen, sollte in einem ersten Schritt erst einmal das Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass eine gleiche Behandlung aller im Job Stand heute bei Weitem noch nicht überall gelebt wird – und um das zu ändern, bedarf es eines kulturellen Wandels, der konsequent von oben vorgelebt wird, wie Führungskräften, die auch entsprechende Impulse setzen. Längst ist bekannt, dass am Ende alle von „bunten“ Teams profitieren, in denen unterschiedliche Herangehens- und Denkweisen für spürbar bessere Ergebnisse sorgen.

ITD: Wie sehen die Karrierechancen von IT-Expertinnen in Deutschland anno 2020 demnach aus?
Kobabe:
Trotz Förderungsprogrammen und Stipendien – Frauen sind in der IT immer noch unterrepräsentiert. Dabei handelt es sich definitiv um eine zukunftsorientierte Branche, die viele Karrierechancen bietet. Daher mein Tipp: Frauen sollten sich von diesem männerdominierten Bereich auf keinen Fall abschrecken lassen, sondern selbstbewusst ihre berufliche Laufbahn im IT-Umfeld starten. Grundsätzlich wird hier Leistung großgeschrieben und wer Karriere machen will, muss mit fachlichem Know-how, Soft Skills sowie Kommunikationsstärke und Einsatzbereitschaft überzeugen – alles Kriterien, die letztlich unabhängig vom Geschlecht der Kandidaten sind. Mein wichtigster Ratschlag bezieht sich jedoch auf die aktive Pflege eines beruflichen Netzwerks. In der Regel sorgen diese Kontakte für den entscheidenden Karriereschritt. Von der Präsenz auf Business-Social-Media-Kanälen bis zum Besuch (virtueller) Fachveranstaltungen – der Austausch mit fachlich Gleichgesinnten sollte niemals zu kurz kommen.

ITD: Welche Maßnahmen könnten in der bisher noch stark männerdominierten IT-Branche für (mehr) Gleichberechtigung sorgen?
Kobabe:
Die Förderung von Gleichberechtigung darf nicht erst im Arbeitsleben beginnen, sondern muss schon viel früher beginnen. Genderneutrale Erziehung, die derzeit vielfach diskutiert wird, zielt genau auf dieses Thema ab. Denn Mädchen sollten – ebenso wie Jungen – bereits von klein auf für technische Themen begeistert und spielerisch an diese Bereiche herangeführt werden. Denn nur wenn sich mehr Frauen für eine Ausbildung oder ein Studium im IT-Bereich entscheiden, stehen sie anschließend auch auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Und noch weitergedacht: Je mehr weibliche IT-Fach- und Führungskräfte vorhanden sind, umso mehr konkrete Vorbilder gibt es letztlich auch, an denen sich junge Frauen orientieren können und sich (eher) für einen technischen Beruf entscheiden. Weiterhin sind auch die Unternehmen selbst gefragt und hier vor allem das Management – das bestätigen auch die Ergebnisse der erwähnten Studie: 71 Prozent der Befragten aus der IT-Branche finden, dass Impulse für mehr Gleichberechtigung im Job von der Führungsebene kommen müssen. Grundlage hierfür ist eine entsprechende Unternehmenskultur, die von Respekt, Offenheit und Aufrichtigkeit geprägt ist.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dem Gender Pay Gap kann Gehaltstransparenz entgegenwirken – die Forderung danach wird, laut Studie, von 49 Prozent der befragten Frauen gestellt. Der klare Vorteil einer transparenten Gehaltsstruktur: Die Bezahlung richtet sich rein nach den Kompetenzen des Einzelnen – das Geschlecht eines Mitarbeiters spielt dabei keine Rolle. Meiner Erfahrung nach steigert ein transparentes Gehaltsmodell auch die Attraktivität von Arbeitgebern, denn Bewerber und Mitarbeiter wissen gelebte Fairness im Joballtag zu schätzen. Ein weiterer entscheidender Aspekt für mehr Gleichberechtigung ist Flexibilität. Durch entsprechende Strukturen, die eine freie Einteilung der Arbeitszeit und Arbeiten aus dem Home Office ermöglichen, lassen sich Privat- und Berufsleben besser vereinbaren. Aufgrund der Corona-Pandemie waren viele Unternehmen von heute auf morgen gezwungen, auf Remote-Arbeit umstellen, zeitgleich mussten Kinder neben dem Job zu Hause betreut werden – diese Entwicklung hat meiner Meinung nach das Verständnis für eine notwendige Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und zwar sowohl für Väter als auch Mütter – gestärkt.

ITD: Welchen Einfluss übt die derzeitige Corona-Pandemie auf den Einstellungsprozess neuer Mitarbeiter aus?
Kobabe:
Zu Beginn der Corona-Pandemie wurden weniger Stellen besetzt als noch zu Beginn des Jahres. Wir sehen durchaus, dass Unternehmen angesichts der Situation konservativer kalkuliert haben, und das hat sich auch auf das Recruiting ausgewirkt. So gab es Anfang April einen spürbaren Rückgang offener IT-Stellen in der DACH-Region, doch schon seit Ende April ist wieder ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar. Denn klar ist auch: Die Corona-Pandemie hat den Fachkräftemangel natürlich nicht behoben – vielmehr wird die Krise ihn langfristig sogar verstärken. Im Zuge der letzten Monate haben gerade in Deutschland viele Unternehmen die Bedeutung von Digitalisierung erkannt. Sie mussten am eigenen Leib erfahren, welche Risiken es birgt, wenn man sich Digitalisierungsprozessen verschließt – dieser „erzwungene“ rasche digitale Wandel wird dazu beitragen, dass IT-Fachkräfte in Zukunft mehr denn je gefragt sein werden.

Und was den Bewerbungsprozess an sich betrifft: Weltweit greifen Unternehmen verstärkt auf Videokonferenzplattformen zurück, um Vorstellungsgespräche digital zu führen. Das verringert nicht nur in Zeiten von Corona die Ansteckungsgefahr, sondern sorgt auch für Kosten- und Zeitersparnis – sowohl für den Bewerber als auch den Arbeitgeber.

ITD: Inwieweit greifen Unternehmen bereits auf virtuelles Onboarding zurück?
Kobabe:
Während Bewerbungsgespräche via Zoom, Slack, Skype und Co. schon verbreitet sind, hat ein rein digitales Onboarding viele Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Zugleich haben Arbeitgeber, die ohnehin viel mit Remote-Freiberuflern zusammenarbeiten, profitiert. Für den Großteil der Unternehmen in Deutschland war ein digitales Einarbeiten allerdings Neuland. Um ein gelungenes digitales Onboarding zu garantieren, müssen nicht nur die technischen Voraussetzungen gegeben sein. Ebenso gilt es, ein Augenmerk auf die Integration des neuen Mitarbeiters in das Team zu legen – schließlich sieht man sich nicht täglich im Büro. Das „Ankommen“ wird durch Videokonferenzen erleichtert. Die Wochen nach der Pandemie werden zeigen, inwieweit sich das digitale Onboarding langfristig als fester Bestandteil in interne Unternehmensprozesse eingliedert.

Bildquelle: SThree

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