Gründerkultur

„German Angst“ vor Unternehmensgründung

Die Angst vor dem Scheitern ist eines der größten Hemmnisse bei Unternehmensgründungen. Die Industrie- und Handelskammern warnen: Seit Jahren sinke die Gründungsbereitschaft.

„Denk‘ ich an Gründung in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“, lautet das heimliche Motto der Deutschen: Angst vor Unsicherheit, zu hoher Verantwortung und dem Absturz in die Insolvenz sind hierzulande die größten Hemmnisse für Unternehmensgründungen. Dies ist eines der Ergebnisse der neuen AXA-Gründerstudie, die auch nach dem gesellschaftlichen Ansehen von Firmengründern und dem Zutrauen in die eigene Gründungskompetenz gefragt hat.

Bei dieser Art der Formulierung zeigt sich, dass die oft herbeigeredete Anti-Gründer-Stimmung in Deutschland nicht stark ausgeprägt ist. So ordnet jeder zweite Befragte den Firmengründern ein höheres gesellschaftliches Ansehen als Angestellte zu und immerhin 44% der Erwachsenen in Deutschland trauen sich zu, ein Unternehmen zu gründen.

Allerdings sehen die Ergebnisse in Teilen anders aus, wenn nicht der soziale Status von Gründern eingeschätzt werden soll, sondern die eigene Einstellung zur Selbständigkeit abgefragt wird. Der Amway Global Entrepreneurship Report 2014 ergab für Deutschland eine deutlich positive (56%) Einstellung zur Selbständigkeit, aber nur 22% der Befragten konnten sich vorstellen, sich selbständig zu machen.

Hemmnisse für Unternehmensgründer

Das deutsche Gründungspotential bleibt hinter dem EU-Durchschnitt (38%) zurück. Lediglich jüngere Befragte der „Generation Y“ ziehen eine mögliche Gründung als berufliche Option stärker in Betracht (32%).

Interessant ist vor allen Dingen einen Ländervergleich, zum Beispiel mit den USA. Hier zeigt sich, dass Gründer in Deutschland sogar eine höhere Anerkennung bekommen. Zwar ist die positive Einstellung (62%) und die eigene Gründungsbereitschaft (38%) in den USA deutlich größer als in Deutschland, doch nur ungefähr ein Drittel der US-Bürger glaubt, dass der soziale Status von Unternehmern höher als der von Angestellten ist.

Dieser Unterschied in der Einschätzung der Meinung von anderen und der eigenen Meinung weist darauf hin, dass Unternehmertum in Deutschland ausreichend soziale Anerkennung genießt und die geringe Gründungsbereitschaft andere Gründe hat. Mit ihnen beschäftigt sich die AXA-Studie ebenfalls, unter der Überschrift „Hemmnisse für Unternehmensgründer“.

Als größtes Problem wird in Deutschland „Bürokratischer Aufwand“ fast gleichauf mit „Fehlendem Kapital“ an vorderster Stelle genannt (70% bzw. 72%). Zum Vergleich: In den USA wird die Bürokratie dagegen nicht einmal von jedem zweiten Befragten als Gründungshemmnis wahrgenommen (45%).

Dabei zeigt sich, dass deutsche ängstlicher sind als US-Amerikaner. „Fehlende Sicherheiten / Absicherung“ werden in Deutschland dreimal stärker als in den USA als Hemmnis für Unternehmensgründungen genannt (52% zu 17%). Doppelt so häufig wie US-Bürger sehen Deutsche eine „zu große Verantwortung als Firmengründer“ als Gründungshemmnis (20% zu 9%). 54% der Deutschen sehen die „Angst zu Scheitern“ als Gründungshemmnis, in den USA sind es ein Viertel weniger (40%).

Gründungspotenzial stärker ausschöpfen

Angesichts der hier aufscheinenden Hemmnisse ist die niedrige Gründungsbereitschaft in Deutschland relativ leicht zu erklären: Wer lädt sich schon gerne freiwillig einen Haufen Probleme auf, wenn er doch als Angestellter (scheinbar) davon abgeschirmt ist. Die Zurückhaltung beim Gründen zeigt sich auch in den Zahlen, die der „Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK)“ in seinem aktuellen Gründerreport veröffentlicht hat.

Nach seiner Prognose wird die Anzahl der Selbstständigen bis 2050 um rund eine Million gegenüber 2013 zurückgehen. Eines der größten Hindernisse für eine Selbstständigkeit: 79% der für den Gründerreport befragten Deutschen sagen, dass sie Angst vor dem Scheitern einer Existenzgründung hätten.

Dies habe bedenkliche Folgen, warnt DIHK-Präsident Eric Schweitzer: „Dem Mittelstand in Deutschland geht der Nachwuchs aus, das Gründungsinteresse ist auf einen neuen historischen Tiefstand gesunken.“ So sei die Zahl der Gründungsberatungen binnen Jahresfrist um 7% gesunken.

Der DIHK-Präsident fordert: Deutschland muss das Gründungspotenzial stärker ausschöpfen. Dazu hat der Verband Ausmaß der Erfahrungen aus jährlich mehr als 230.000 Gründergesprächen Vorschläge für die Politik erarbeitet.

Die Empfehlungen reichen von der Aktivierung zusätzlichen Wagniskapitals über die Vereinfachung des Betriebsübergangs oder die Erhöhung der steuerlichen Kleinunternehmergrenze bis hin zur Abschaffung des Formulars „Einnahme-Überschussrechnung“. Außerdem fordert der Verband eine stärkere Förderung von Gründern durch Mentoring- und Coaching-Programmen sowie eine verbesserte Infrastruktur durch Gründerzentren, Inkubatoren und Technologieparks.

Bildquelle: Getty Images / Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok