Hoffnungsträger Industrie 4.0?

Globaler Wettbewerb der IT-Industrie

Die deutsche IT-Industrie ist international abgeschlagen. Vor allem US-Unternehmen dominieren den hiesigen Markt. Woran liegt es, dass Deutschland und Europa im IT-Bereich den Anschluss verpasst haben?

Flagge, Bildquelle: Thinkstock/iStock

Deutsche IT-Industrie vs. US-IT-Giganten: Wer hat die Nase vorn?

Im globalen Wettbewerb spielt die deutsche IT-Industrie eine eher untergeordnete Rolle. Allenfalls einige wenige Firmen wie der Software-Anbieter SAP können in Sachen Marktpräsenz international mithalten. Ansonsten dominieren US-amerikanische und asiatische Hersteller, was nicht nur standortökonomisch, sondern auch datenschutzrechtlich für hiesige Anwender problematisch ist.

Welche Rolle die IT-Industrie im weltweiten Wirtschaftsgefüge mittlerweile spielt, zeigt sich nur zu deutlich in einer Rangliste der Boston Consulting Group (BCG), in der die innovativsten Unternehmen 2014 gelistet sind. Über allen thront Apple, gefolgt von Google, Samsung, Microsoft, IBM und Amazon. Betrachtet man Samsungs dritten Platz ein wenig gesondert, weil alle Geschäftsbereiche des riesigen Mischkonzerns in die Platzierung eingerechnet wurden, fällt auf, dass alle anderen vornehmlich mit Software- oder Online-Angeboten im Consumer-Markt großwurden – und sie alle aus den USA stammen.

Innovativstes deutsches Unternehmen ist BCG zufolge Siemens auf Platz 15, gefolgt von BMW auf Rang 18 und Volkswagen auf 21. Ein deutsches IT-Unternehmen sucht man unter den ersten 50 übrigens vergebens, selbst SAP ist dort nicht zu finden. Dieses Ergebnis, das sich in weiten Bereichen mit anderen, ähnlichen Erhebungen deckt, ist ein klares Indiz dafür, dass die deutschen IT-Anbieter Gefahr laufen, abgehängt zu werden – oder bereits abgehängt worden sind. Zumindest in den Bereichen Consumer- und Basissoftware, also bei Office-Programmen, Betriebssystemen und Suchmaschinen, sowie beim immer wieder propagierten Cloud Computing halten viele Marktbeobachter die hiesige IT-Industrie im Vergleich zu ihrem US-amerikanischen Pendant für weit abgeschlagen.

Regulierter Binnenmarkt

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Sinnbildlich kann die ITK-‚Strategie’ der Siemens AG herhalten, die, wir erinnern uns, von Boston Consulting als innovativstes deutsches Unternehmen eingestuft wird: Die einzige Computerproduktion Europas, Fujitsu-Siemens, wurde abgestoßen und die Handy-sparte BenQ eingestellt – und das kurz vor dem Smartphone-Boom. Der Halbleiterproduzent Infineon wurde ausgegliedert, während dessen Memory-Spin-off Qimondo insolvent ging. Es mag plausible Erklärungen für das Zustandekommen der einzelnen Entscheidungen und Ereignisse bei Siemens geben. Dennoch zeigt das Beispiel, dass Zukunftstechnologien scheinbar mehrfach nicht als solche erkannt wurden und Deutschland zur Weiterentwicklung dieser Technologien im globalen Rahmen nun nicht mehr viel beitragen kann. Denn wer, wenn nicht ein Konzern wie Siemens, hätte den Namen und die Marktmacht, Forschung und Entwicklung eigenständig voranzutreiben? Natürlich gibt es auch in Deutschland und Europa innovative IT-Anbieter mit hochprofessionellen IT-Lösungen, die den funktionellen Vergleich mit US-Produkten in keiner Weise fürchten müssen. Im Gegenteil. Doch gleich mehrere Faktoren behindern eine internationale Marktrelevanz.

Dazu zählen regulatorische Hemmnisse und mangelnde Wachstumsmöglichkeiten in einem zu kleinen Binnenmarkt, wie Oliver Grün vom Bundesverband IT-Mittelstand feststellt. Dies bewertet Peter Resch-Edermayr vom Düsseldorfer IT-Service-Management-Anbieter Synetics ähnlich. Er sieht den einheitlichen Rechtsrahmen und die schiere Marktgröße in den USA und China als klare Vorteile für dortige Unternehmen, mit ihren Produkten und Services schnell große Nutzerzahlen zu erreichen. „Wer einmal soweit ist, kann strategisch denken, kann seine Services auf Masse auslegen und kann ein Community- und Ökosystem aufbauen, das sich tief in die privaten Prozesse und Geschäftsabläufe integriert.“ Europa hingegen ist viel kleinteiliger. Das Schaffen eines europäischen Ökosystems mit sofortiger Weiterverwendung der Community-Daten scheitert schon an den Rahmenbedingungen. Gleichzeitig schaffen es die Europäer nicht, hiesige Datenschutzbestimmungen auf US-Anbieter zu übertragen, was einerseits zum wirtschaftlichen Nachteil hiesiger Unternehmen gereicht und andererseits bei den Anwendern zu großer Verunsicherung führt.

Digitale Souveränität unter Beschuss

Anstatt zuzuschauen, wie der Abstand zu den IT-Monopolisten aus Übersee immer weiter anwächst, sollten in Europa schnellstmöglich alle Kräfte gebündelt werden, um wenigstens mittelfristig wieder Produktalternativen bieten zu können. Doch während Deutschlands (und Europas) digitale und technologische Souveränität unter Beschuss steht, wie Oliver Grün es formuliert, macht die Politik eben genau dies: zuschauen. Die „Digitale Agenda“ ist ein nettes Papier voller Absichtserklärungen, die keinem wehtun und Aktionismus vortäuschen. Sollte man es aber ernstmeinen und die Probleme der Machtmonopolisierung infolge der digitalen Transformation tatsächlich angehen wollen, sollte die öffentliche Hand auch einmal auf hiesige IT-Unternehmen, beispielsweise kleinere Netzwerkausrüster, zurückgreifen. „Stattdessen fokussiert sich die Politik auf große IT-Unternehmen, die dann wiederum verstärkt auf ausländische Produkte (z.B. Router ‚Made in China’) setzen, die den deutschen Markt überfluten. Für die IT- und Datensicherheit ist das Gift, sie bleibt auf der Strecke“, so Grün.

Gerade der Punkt der Datensicherheit ist ein ganz neuralgischer, sowohl im privaten als auch im geschäftlichen Umfeld. EU-einheitliche rechtliche Rahmenbedingungen werden denn auch mit Vehemenz gefordert. Ungewöhnlich drastisch prangert Helmut Fallmann, Mitglied des Vorstands der Fabasoft AG, den Status quo an: „Es ist nicht alleine die innovativ-industrielle Marktmacht der US-IT-Giganten, die unsere Datenschutzvorstellungen und die Sicherheit von Geschäftsdaten tangieren. Wie die Welt spätestens seit den Snowden-Enthüllungen im vergangenen Jahr weiß, ist es vor allem die undurchsichtige Verschränkung des amerikanischen Sicherheits- und Militärkomplexes. Dieser stand unter dem Deckmantel des ‚Kampfes gegen den Terror’ und war getarnt durch Sondergesetze – praktisch ein Freibrief zum universellen Abfischen aller Netzdaten. Die USA haben nationale Sicherheit immer mit dem Anspruch auf industrielle Vorherrschaft verknüpft.“

Ebenso schwer wiegt für Fallmann, dass die USA beim Kampf um unsere Daten – das „neue Gold des 21. Jahrhunderts“ wie er es nennt – weltweit „Rechtsimperialismus“ an den Tag legten. Er begrüßt ausdrücklich die Initiative des Grünen Europaabgeordneten Jan-Philipp Albrecht, der die unverzügliche Umsetzung eines neuen, vorbildlichen Datenschutzregimes als letzte Chance im Kampf um die Freiheit in Europa sieht. Nur damit könne Europa erfolgreich einen Gegenentwurf zu US-amerikanischen Rechtsvorstellungen aufbauen, weil US-Anbieter dann auf dem EU-Markt ebenfalls den qualitativ höherwertigen Datenschutzbestimmungen unterlägen.

Überwachung als Geschäftsmodell

„Kampf um Freiheit“ klingt vielleicht ein wenig pathetisch, wird aber von Yvonne Hofstetter bestätigt. Die Buchautorin kritisiert scharf, dass Deutschland und Europa keine eigene Internetinfrastruktur aufgebaut haben. „Also müssen wir nehmen, was wir kriegen können – und das sind Geräte aus den USA oder Asien. Dazu erhalten wir die passenden Geschäftsmodelle gleich mit. Konkret: Überwachung ist das Geschäftsmodell der digitalen Revolution.“ Die Geräte seien deshalb mit voller Absicht derart konstruiert, dass sie Überwachung ermöglichen, Daten absaugen und bei den Anbietern riesige Kapitalakkumulationen – Umsätze und Gewinne – ermöglichen. Und letztlich ihre Marktposition noch weiter stärken.

Weil die Hersteller dieser Geräte keine Rücksicht auf andere Rechtssysteme oder Verfassungen nehmen (müssen), verstoßen sie zwangsläufig gegen europäisches und deutsches Recht. Insbesondere gegen das Verfassungsrecht mit seinen Garantien, die in der Menschenwürde wurzeln. Danach, so Hofstetter, ist der Mensch kein Objekt der Wirtschaft, sondern Rechtssubjekt mit Rechten auf Privatsphäre, mit Kontrollrechten über seine persönlichen Daten sowie mit Herrschaftsrechten in Bezug auf seine Zukunftsgestaltung. Folglich kommt es in ihren Augen zwangsläufig zu einem kulturellen Konflikt.

Dieser Konflikt besitzt natürlich auch eine wirtschaftliche Dimension: Peter Resch-Edelmayr spricht gar davon, dass „wir uns ausliefern“. Solange der Ausspruch gelte, dass noch kein Manager gefeuert wurde, weil er bekannte US-Massenware kaufte, „solange spielen wir langfristig gegen unsere eigenen Interessen.“ Denn dadurch werde nicht nur Datenmissbrauch und informelle Abhängigkeit geschürt, sondern indirekt gegen die eigene Wertschöpfung gearbeitet. „Letztlich vernichten wir heimische Arbeitsplätze und haben eventuell auch noch die Situation, dass der Freund mithört.“ Um dem entgegenzuwirken, fordert auch Resch-Edermayr einen EU-einheitlichen rechtlichen Rahmen zum Schutz von Verbrauchern und Unternehmen, die Transparenz bei den Herstellern erzwingen. Damit, so seine These, werden sich kleine, flexible, europäische Anbieter leichter tun als US-amerikanische.

Die Perfektionierung des kapitalistischen Geschäftsmodells anglo-amerikanischer Prägung, und eben nicht der sozialen Marktwirtschaft, beobachtet Yvonne Hofstetter. Das Grundrecht auf Datenschutz, das dabei ständig verletzt wird, könne eben nur dann garantiert werden, wenn Europa/Deutschland eine eigene, grundrechtssichere Infrastruktur aufbauen würde. Dazu ­wäre in ihren Augen zumindest der deutsche Staat grundgesetzlich verpflichtet: „Digitale Infrastruktur ist inzwischen systemrelevant wie die Wasser- und Stromversorgung oder das Schienennetz. Die Grundrechtssicherheit des Internets wäre eigentlich durch den Staat zu gewährleisten – was aber praktisch unmöglich ist, weil sie nicht seiner Kontrolle unterliegt.“

Was bewirkt die Snowden-Debatte?

Leider ist an dieser Stelle eher eine komplett gegenteilige Entwicklung zu beobachten. Es geht in immer mehr (Lebens-)Bereichen um Privatisierung, selbst solch grundlegende Dinge wie die Wasserversorgung soll nicht mehr unbedingt den Kommunen obliegen müssen. Wohin das führt, zeigt sich an der katastrophalen Situation der Wasserversorgung in London. Und mit dem klandestin und intransparent gemauschelten Freihandelsabkommen TTIP wird es definitiv nicht besser werden. Internationale Konzerne werden noch mehr Macht erlangen und Kommunen, Länder und Bund sogar verklagen können. Aber das scheint den Politikern egal zu sein.

Dabei hätte die Datenschutzdebatte, die wir seit ­Edward Snowdens Enthüllungen führen, die heimische ITK-Branche doch eigentlich befeuern müssen, sollte man meinen. Dies ist allerdings nur bedingt passiert, so dass weiterhin die Frage im Raum steht, ob es für Anwenderunternehmen hierzulande überhaupt möglich ist, sich durch gezielte Anbieterauswahl gegen staatlich legitimierte Wirtschaftsspionage zur Wehr zu setzen? – Auch hier: Bedingt. Anbieter wie Bintec, dessen Router unter einem eigenentwickelten Unix-System laufen, oder das Hamburger Unternehmen Protonet, das seine Cloudserver ebenfalls mit eigenem Betriebssystem ausstattet, sind gute Beispiele. Der Preisvorteil der gängigen Produkte egalisiert sich nämlich spätestens dann, wenn man den Mehraufwand einrechnet, den das „Sichermachen“ der Massenware erfordert. Wobei dann immer noch nicht klar ist, ob alle Backdoors geschlossen werden können. Außerdem: Verschlüsselung mag ein probates Mittel sein, die Sicherheit ist jedoch spätestens dann nicht mehr zu gewährleisten, sobald man mit Externen kommuniziert, die solche Sicherheitsmaßnahmen nicht ergreifen.

Dass Deutschland und Europa im IT-Bereich den Anschluss verpasst haben, hat eine weitere Ursache: Es wird zu wenig investiert, es gibt keine Risikokapitalkultur. Glaubt man die kolportierten Zahlen, dann investiert Google jährlich ca. acht Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, in Deutschland diskutiert die Politik über Investitionen in IT-Sicherheit in Höhe von 100 Millionen Euro – verteilt auf fünf Jahre. Das ist – wenn überhaupt – nicht mehr als der berühmte  Tropfen auf den heißen Stein.

In den USA hingegen wird erstens in größeren Dimensionen gedacht und zusätzlich mehr Geld in die Hand genommen. Stichwort Venture Capital. „Europa besitzt blendende Ingenieurskapazitäten in der Elek­tronik und entwickelt damit in den wissenschaftlichen und unternehmerischen Labors immer wieder einzigartige Zukunftstechnik. Doch dann gibt es zwei Hauptprobleme“, beschreibt Hellmut Fallmann die Situation: „Zum einen verhindert eine zu geringe Verlinkung der Industrie mit dem Markt eine rasche Kommerzialisierung und Kapitalisierung von Technologie. Und zweitens haben wir in Europa fast überhaupt keine Kultur für Risikokapital, mit dem mutige und professionell agierende Startups mit der notwendigen Kapitaldecke ausgestattet werden könnten.“

In beiden Punkten ist eine neue, europäische Indus-triepolitik gefragt, die auch für die vorherrschende mittelständische Unternehmenslandschaft das passende Umfeld schafft. Darüber hinaus fordert Fallmann eine noch stärkere Vernetzung der europäischen Spitzenforschung, die technologische Errungenschaften für die hiesige Netzgesellschaft hervorbringen und befeuern kann.

USA schaffen Fakten

Einen weiteren Unterschied zwischen Europa und den USA vermutet Ali Jelveh, Gründer und Geschäftsführer des Hamburger Startups Protonet, in der Mentalität. Er glaubt, dass vor allem Deutsche nicht zu laut schreien und nicht zu bunt sein möchten. Die Amerikaner hingegen haben diese Einstellung in seinen Augen in dieser Form nicht. Im Gegenteil: „Die haben für sich beschlossen, was die Welt braucht und was nicht. Und sie nehmen sich heraus, für die Welt Entscheidungen zu treffen. Sprich: Eine Meinung für die Welt zu haben, und zu behaupten, dass dies die richtige Meinung sei. Dies ist ein US-amerikanisches Phänomen.“

Warum sich gute Ideen von Silicon Valley aus viel schneller verbreiten und deutlich erfolgreicher sind (auch wenn sie geklaut sind), hängt wohl damit zusammen, wie man mit seinen eigenen Ideen umgeht. „In Deutschland entstehen technologisch überragende und innovative Produkte und Lösungen, die aber häufig zu sehr aus der reinen Ingenieursperspektive betrachtet werden. Die Kreativität für den Alltagseinsatz geht dabei oftmals verloren“, moniert Dirk Treue, Marketing-Direktor bei Bintec Elmeg. Das Herausarbeiten eines wirklichen Kundennutzens komme leider häufig zu kurz – mit Sicherheit auch ein kulturelles Problem, das die US-Amerikaner deutlich „spielerischer“ lösten. Was natürlich leichter fällt, wenn das Problem der Erst­finanzierung geklärt ist, woran junge deutsche Start­ups ja früh scheitern – denn das Geld wird mit Sicherheit nicht erst benötigt, wenn die ersten Großaufträge in den Büchern stehen. Aber das Thema hatten wir bereits, da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Oliver Grün glaubt zudem, dass die Verpackung von IT-Angeboten häufig die Kaufentscheidung beeinflusst. „Es hat Geräte wie den iPod und ein passendes digitales Vertriebsmodell wie iTunes bedurft, um digitale Musikdateien geschäftsfähig zu machen. Die deutsche Musikindustrie hat diesen Wandel verschlafen, weil sie lieber CDs verkaufen wollte. Das darf uns bei den anstehenden Themen wie Industrie 4.0 (siehe Kasten Seite 40) nicht passieren, denn hier geht es um unsere Wohlstandsbringer-Branchen.“

Ein wenig mehr Mut zur eigenen Courage könnte in der Tat hilfreich sein. Sonst werden auch andere Industriezweige Schwierigkeiten bekommen. Beispiel Automobilindustrie: Zwar gibt es auch hierzulande Bestrebungen hinsichtlich E-Mobilität, doch ist es größtenteils bei halbherzigen Bestrebungen geblieben. Wie man die Sache auch angehen kann, zeigt Tesla aus – Achtung! – Silicon Valley. 2003 wurde das Unternehmen gegründet und steht in der oben erwähnten Studie von Boston Consulting bereits an Platz sieben der innovativsten Unternehmen. Auch hier scheint das amerikanische Selbstverständnis, in größeren Dimensionen zu denken und beträchtliche (Marketing-)Investitionen zu tätigen, dazu zu führen, sich in der Wahrnehmung des Marktes als Innovationstreiber zu präsentieren. Dabei lassen sich die anderen einfach nur die Butter vom Brot nehmen …

 

Was zählt bei „Made in Germany“?

Zwei Drittel der IT-Verantwortlichen in deutschen Unternehmen planen infolge der anhaltenden Sicherheitsskandale im Umfeld der NSA-Abhöraffäre, verstärkt IT-Lösungen „Made in Germany“ zu nutzen. Dies zumindest suggeriert eine Studie namens „IT Made in Germany – Was wollen deutsche Unternehmen?“, die das Marktanalyse- und Beratungsunternehmen ­Pierre Audoin Consultants im Auftrag des deutschen Netzwerkherstellers Lancom Systems und des Telefonanlagenanbieters Nfon AG im Sommer 2014 durchführte.

Neben der Einhaltung der Datenschutzrichtlinien (99 %) und Verträgen nach deutschem Recht (96 %) stehen die Standorte der Anbieter im Fokus: Für 97 % der Befragten ist es wichtig, dass sich die Rechenzentren in Deutschland befinden und 94 % legen Wert darauf, dass der Hauptsitz des Unternehmens in Deutschland liegt und es kein Near- oder Offshoring betreibt.

 

Datenfestung Europa als Parallelwelt?

Im Nachgang der Snowden-Enthüllungen kam von verschiedener Stelle immer einmal wieder die Forderung nach einem deutschen oder europäischen Internet auf, um Daten im Netz sicherer zu machen. Dieses Vorhaben halten die meisten Experten für unsinnig. Technologisch hält Fabasoft-Vorstand Helmut Fallmann ein europäisches Routing zwar durchaus für machbar, es käme aber einem totalen Umbau der heutigen technologischen Internetstruktur gleich. Mit einem europäischen Internet würden zudem einige neue neuralgische Switches entstehen, welche eine besondere Disposition und Anfälligkeit für Datenangriffe hochgerüsteter Geheimdienste und organisierter Cyberkrimineller aufweisen würden.

Außerdem sei die europäische Marktphilosophie gerade in einem Zukunftsmarkt wie der Querschnittstechnologie ITK nicht auf Abschottung ausgelegt. Denn hinlänglich bekannt sei, dass mit einer „Datenfestung Europa“ die internationale Vernetzung starken Einschränkungen unterläge. „Europa muss sich daher auf die Stärkung der IT-Sicherheit in Forschung und industrieller Entwicklung konzentrieren, und sich gleichzeitig seine Marktoffenheit bewahren, um selbst auf den Weltmärkten erfolgreich sein zu können“, mahnt Fallmann an.

Widerspruch zur Grundlogik des Internets
Ähnlich argumentiert Oliver Grün vom Bundesverband IT-Mittelstand. „Ein Schengenrouting oder ein Schlandnet helfen nicht viel, wenn die deutschen Netzknotenpunkte angezapft werden. So ein priorisiertes Routing greift aus unserer Sicht auch in die Entscheidungsfreiheit der Nutzer ein, sich über die Anbieter und Netzwerke routen zu lassen, die sie selbst einsetzen wollen.“ Am Ende, so Grüns Befürchtung, profitierten hiervon erneut nur wenige große IT-Konzerne. Zusätzlich widerspreche es der Grundlogik des Internets, Datenströme einzufangen. Er empfiehlt stattdessen den Einsatz von guter Verschlüsselungstechnik. Überhaupt nichts hält Peter Resch-Edermayr von netzseparatistischen Überlegungen. Solange z.B. die deutsche Gesetzgebung amerikanischen Behörden entsprechende Zugriffs- und Zugangsrechte einräume, sei eine „physische Abschottung“ sinnlos. Parallelwelten hätten also keine Chance. Im Gegenteil: Sie würden alles komplizierter machen. Zensur, Protektionismus und Marktregulierung hält auch Dirk Treue, Marketing-Direktor bei Bintec, für kein probates Mittel.

 

Wie lange würde der Aufbau eigener IT-Strukturen dauern?

Der Aufbau neuer IT-Infrastrukturen aus eigener, europäischer Produktion ist ein schwieriges Unterfangen, die Oliver Grün entgegen anderer Meinungen für möglich hält. Wichtig ist für ihn, dass die Akteure nicht als Einzelkämpfer gegen die großen US-Konzerne ins Feld ziehen. Er propagiert Vernetzung anstelle der Nachahmung von Monolithen nach dem Vorbild Silicon Valley.

Pessimistischer äußert sich Peter Resch-Edermayr: „Selbst wenn wir den unbedingten Willen aller Beteiligten unterstellen, ist ein solches Vorhaben eher in Dekaden als in Jahren zu beziffern. Darüber hinaus liegt ein Großteil der Schlüsseltechnologien und Patentrechte heute in US-amerikanischen Händen.“ Dies führe zumindest zu deutlich höheren Kosten für entsprechende Produkte und ließe dann auch keine wirkliche Unabhängigkeit zu. Um hier also wettbewerbsfähig zu werden, müssten protektionistische Maßnahmen getroffen werden, was er aber angesichts der zunehmenden Globalisierung für eine fragwürdige Strategie hält.

Gerade vor dem Hintergrund der leider nicht öffentlichen Diskussion um das sogenannte Transatlantische Freihandelsabkommen (Transatlantic Trade and Investment Partnership) wird es schwierig. Denn das bedeutet im Grunde, dass sich noch mehr amerikanische Erfindungen und Lebensstile in Europa etablieren werden. „Ich halte es für unrealistisch, dass wir uns von der US-IT abkoppeln können. Wir werden auch nicht von heute auf morgen Smartphone-Betriebssysteme in Qualität von Android und iOS bauen können. Was wir allerdings machen können, ist, einen neuen Gedanken in die Welt zu tragen. Und zwar, dass kleine, lokale Märkte in sich kraftvoll sein können und die Industrie nicht von Google oder Facebook kontrolliert werden muss“, beschwört Ali Jelveh von Protonet einen neuen Geist. Man müsse überlegen, wie eine Zukunft ohne Massenspionage, ohne absolute technologische Abhängigkeit von den USA befreit und ohne Abhängigkeit von den chaotischen Weltmarktgeschehnissen aussehen könne

Gänzliche Abkoppelung unrealistisch, aber...
Es gibt gewisse Kernbereiche der IT-Wirtschaft, mit denen Europa mit den Amerikanern erst gar nicht in den Ring zu steigen braucht, weil deren Vorherrschaft zementiert ist. Dazu zählen Computer-Hardware, proprietäre Betriebssysteme und Komponenten der Netzwerktechnik. Hier würde es einfach zu lange dauern, eine konkurrenzfähige eigene Indus-trie aufzubauen. Eine Option allerdings gibt es vielleicht doch: Den Umstieg auf Open Source, wie ihn die Stadt München realisiert hat.

Und auch bei neueren Technologien wie Cloud Computing sieht Fallmann durchaus Chancen auf mehr Eigenständigkeit: „Europa hat jetzt die einmalige Option, den wegen der Schnüffelaffäre der Amerikaner negativen Boomerang-Effekt zu nutzen. Wir sind mit der eingeschlagenen Cloud-Strategie auf dem besten Wege, die Weichenstellungen für eine zukünftige Unabhängigkeit von US-amerikanischen Cloud-Services vorzunehmen. In der europäischen Cloud-Industrie passiert bei technologischen Standards, bei vertragsrechtlichen Bestimmungen und bei der Positionierung der öffentlichen Hand als Early Adopter von Cloud-Lösungen derzeit gerade eine Harmonisierung und damit die Etablierung eines Cloud-Binnenmarktes.“ Wenn es denn stimmt, gibt diese Einschätzung Anlass zur Hoffnung.


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