Auf dem Weg in die Digitalisierung

„Glücksökonomie“ als Schlüssel zum Wandel

Wenn auf dem Weg in die Digitalisierung ein bisschen Glück fehlt, können Ansätze aus der sogenannten „Glücksökonomie“ die erforderlichen Veränderungsprozesse im Unternehmen unterstützen.

Glückliche Mitarbeiter sollen durchschnittlich eine 31 Prozent höhere Produktivität aufweisen.

Glückliche Mitarbeiter sollen durchschnittlich eine 31 Prozent höhere Produktivität aufweisen.

Fragt man Dorothee Bär, die neue Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, wie es in Deutschland mit der Digitalisierung weitergehen soll, formuliert sie ihre Erwartungshaltung sportlich. Vom Einzug in die „digitale Champions League” ist die Rede, flächendeckendes Highspeed-Internet, E-Government-Initiativen, Digitalgymnasien, digitalisierte Wirtschaft: Im Kanzleramt, so wird sie zitiert, stünden die Türen für Ideen in jedem Lebensbereich offen. „Und ich will keinen hören, der sagt, dass es nicht geht.“

In der Praxis ist „Geht nicht!” jedoch oft zu hören – und zwar von Mitarbeitern, die sich mit grundlegenden Veränderungen ihrer Arbeit durch digitalisierte Prozesse konfrontiert sehen. Denn die Digitalisierung verändert nicht nur einzelne Prozesse, sondern ganze Geschäftsmodelle mit Folgen für alle Ebenen in Unternehmen. Die Unsicherheit darüber, wie man selbst diesen Wandel mittragen kann, ohne die eigene Komfortzone verlassen zu müssen oder Privilegien zu verlieren, drückt sich schnell in Widerstand aus. Hier sind Führungskräfte mit Change-Management-Qualitäten gefragt, die zwischen rationalem, emotionalem und politischem Widerstand zu unterscheiden wissen und darauf differenziert eingehen können. Und obwohl ein solches Transformationsmanagement in vielen Unternehmen schon gelebt wird, greift es zu kurz, wenn es nicht besonderes Augenmerk auf die Verhaltensänderung legt.

Die Herausforderung ist, Mitarbeiter auf die neue Art der Arbeit einzuschwören und dabei nicht nur die fachliche Weiterentwicklung voranzutreiben, sondern auch die Einstellung zur Arbeit so zu wandeln, dass die Produktivität zunimmt. Die Alternative, auf neue Kräfte zu setzen, statt die alte Belegschaft auf Kurs zu bringen, ist keine: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag befragte für seinen jüngsten Arbeitsmarktreport knapp 24.000 Betriebe und errechnete auf dieser Basis, dass mittlerweile rund 1,6 Millionen Stellen längerfristig nicht besetzt werden können. Was also tun?

Glück steigert die Produktivität


Eine mögliche Antwort lautet: Mach deine Mitarbeiter glücklich – und baue darauf die nächsten Schritte auf. Was nach Smoothies, Kickertisch und Sitzsack klingt, ist faktisch eine wissenschaftlich belegte Vorgehensweise der Glücksökonomie, einer Spielart der Wirtschaftswissenschaft. Sie liefert Erkenntnisse darüber, was Menschen zufrieden macht und wie sie ihr eigenes Glücksempfinden beeinflussen können. Auf dieser Basis entstehen neue Strategien, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter, Kunden und Geschäftspartner begeistern können und sie dadurch erfolgreicher werden. Auch das ist belegt: In einer Meta-Analyse von 225 akademischen Studien entdeckten die Glücksforscher Sonja Lyubomirsky, Laura King und Ed Diener, dass glückliche Mitarbeiter durchschnittlich eine 31 Prozent höhere Produktivität aufweisen und ihre Kreativität war dreimal so hoch.

Aus Sicht der Führungskräfte gilt es also, jene Faktoren zu betrachten, die das individuelle Glücksempfinden von Mitarbeitern bestimmen: Im Kern geht es dabei um die Aspekte Gesundheit, Liebe und Partnerschaft, Familie und Freunde, Finanzen, Arbeit und Karriere sowie Sinn und Ziele. Sie alle definieren, wie glücklich ein Mensch insgesamt ist. Eine Messung ermöglicht beispielsweise die Happiness-Scorecard des Happiness Management Instituts. Sie basiert auf dem Oxford-Glücksfragebogen, einem erstmals von Peter Hills und Michael Argyle 2002 erarbeiteten Fragenkatalog. Er berücksichtigt 29 verschiedene Gefühlszustände, hat sich zu einer der umfassendsten und anerkanntesten Methode der Glücksmessung entwickelt und ordnet die Ergebnisse in die oben genannten ­Happiness-Kategorien ein. Die Happiness-Scorecard ergänzt diesen Fragebogen um neuere Erkenntnisse der Positiven Psychologie, der Neurowissenschaften und Glücksökonomie.

Anpassung des Führungsstils


Menschen öffnen sich Veränderungen, wenn sie sich in die Gestaltung des Wandels einbringen dürfen. Gleichzeitig muss allen klar sein, wie mit fehlenden Fähigkeiten umgegangen wird. Laut einer Umfrage des Gallup-Instituts sind Menschen sechs Mal engagierter in ihrer Arbeit, wenn sie sich jeden Tag auf ihre Stärken fokussieren können. Gleichzeitig sei die Wahrscheinlichkeit dreimal höher, dass sie im Allgemeinen mit ihrem Leben zufrieden sind.

Fokussieren sich Führungskräfte auf die Schwächen ihrer Mitarbeiter, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 22 Prozent, einen innerlichen Rückzug des Mitarbeiters von seiner Arbeit auszulösen. Führungskräfte sollten deshalb darauf abzielen, die Stärken ihrer Mitarbeiter herauszufinden, diese bewusst zu nutzen und bei der Arbeit einzusetzen. Erst dann heißt es, sich um die fachlichen Lücken zu kümmern, die durch die veränderten Anforderungen der Digitalisierung entstehen. Für die allgemeine Zufriedenheit der Mitarbeiter spielt dabei Wertschätzung eine zentrale Rolle.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 05/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Nach dem „Rosenthal-Effekt” setzt sich hier eine Entwicklung in Gang, die das, worauf Personen ihre Aufmerksamkeit richten, verstärkt: Wer nach Fehlern sucht, wird Fehler finden und provozieren, während die Suche nach positiven Aspekten im Verhalten dieses fördert. Ein weiterer Faktor auf dem Weg in die Digitalisierung ist die Veränderung der Unternehmenskultur. Forscher sprechen in diesem Zusammenhang häufig von Problemen durch die hohe Sachorientierung der deutschen Arbeitswelt. Das heißt, das Ergebnis einer Aufgabe ist oft wichtiger als die Gestaltung der Beziehung mit jenen Menschen, mit denen die Aufgabe ausgeführt wird.

Deutschland nicht an der Spitze


So ist es hierzulande wichtig, schnell ein qualitativ gutes Ergebnis zu erzielen, auch wenn dafür eine direkte Konfrontation in Kauf genommen werden muss. Das trägt dazu bei, dass Deutschland wirtschaftlich weit oben, in Sachen Glück jedoch nicht an der Spitze steht. Dort, wo eine informellere und sozial betontere Kultur Einzug hält, steigt das persönliche Wohlempfinden. Jedes Unternehmen hat also selbst Einfluss darauf, wie ein soziales Miteinander gestaltet werden kann. Von dort ist es zu einer Kultur, die Veränderungen begrüßt und für Neues offen ist, kein großer Schritt mehr.


Buchtipp

Die Autorin Dr. Anne-Katrin Sträßer ist Leiterin des Happiness-Management-Instituts in München sowie Dozentin für Unternehmensstrategie und Turnaround-Management an der FH Kufstein/Tirol. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt neben wissenschaftlicher Forschung und Lehre auf der Vermittlung von messbaren Strategien, wie Führungskräfte und Mitarbeiter die Produktivität ihrer Arbeit und der gesamten Organisation durch Happiness-Management nutzbar machen können. Weiterführende Informationen hierzu bietet das Buch „Die Happiness-Strategie. Warum Glück erfolgreich und agil macht“ (ISBN: 3746050243).


Bildquelle: Thinkstock/iStock

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok