Digitaler Rückstand

Gründergeist und Fehlerkultur

Die digitale Wirtschaft wird nicht von Altkonzernen, sondern von Startups vorangetrieben. Doch es fehlt an Neugründungen und an der richtigen Gründerkultur.

Wie trifft ein Anfänger die Zielscheibe? Er muss es einfach ausprobieren und sich durch wiederholte Versuche langsam an das Schwarze herantasten. Dieses Prinzip wirkt eigentlich überall, beim ersten, zweiten und dritten Versuch klappt es meist noch nicht.

Das gilt auch für das Gründen von Unternehmen, wie Max Levchin findet. Er war neben Peter Thiel und Elon Musk einer der Mitbegründer des Online-Bezahldienstes PayPal, der nach zwei Jahren 1,5 Milliarden Dollar von eBay gekauft wurde. Dieser gigantische Erfolg kam allerdings nicht über Nacht.

Mit einem Knall scheitern

Levchin hat es in einem häufig kolportierten Zitat so ausgedrückt: „Das erste Unternehmen, das ich gegründet habe, ist mit einem großen Knall gescheitert. Das zweite Unternehmen ist ein bisschen weniger schlimm gescheitert, aber immer noch gescheitert. Und wissen Sie, das dritte Unternehmen ist auch anständig gescheitert, aber das war irgendwie okay. Ich habe mich rasch erholt, und das vierte Unternehmen überlebte bereits. Es war keine großartige Geschichte, aber es funktionierte. Nummer fünf war dann Paypal.“

Wer ohne Erfahrungen im Gründen von Unternehmen ein solches in die Welt setzt, macht zunächst einmal viel falsch. Das ist vollkommen normal, denn wie bei den meisten Sachen gehört zum Aufbau eines Unternehmens viel Wissen und Erfahrung. Fehler lassen sich kaum vermeiden, Fehleinschätzungen des Marktes noch weniger.

Auch Christian Lindner, der Chef der Freidemokraten und Vorsitzender der Landtagsfraktion der FDP NRW, hat Erfahrung mit dem Scheitern. Mehr oder weniger auf dem Höhepunkt der New Economy gründete der damals 21jährige Lindner mit einigen anderen zusammen ein Internet-Startup, das Internet-Avatare vermarkten sollte.

Wie bei vielen anderen Dotcoms siegten Euphorie und jugendlicher Überschwang über die wirtschaftliche Vernunft. Das Unternehmen scheiterte krachend und hat gut zwei Millionen Euro verbrannt. Das kann vorkommen, das ist sogar eher der Regelfall. Experten für Beteiligungskapital gehen davon aus, dass mindestens neun von zehn Unternehmensgründungen scheitern.

Deshalb hat Max Levchin nicht aufgegeben und mit Nummer 5 dann endlich einen Erfolg hingelegt. Über seine gescheiterten Initiativen redet heute niemand mehr. Christian Lindner dagegen hat es in die Politik verschlagen und muss sich auch 15 Jahre später noch missgünstige Kommentare zu seiner Unternehmerkarriere anhören.

Immerhin hat er die Möglichkeit, es seinen Kritikern mit besserer Münze zurückzuzahlen. Das beweist ein Videomitschnitt seiner Rede im NRW-Landtag, in der ein Zwischenrufer über Lindners Erfahrungen mit dem Gründen stichelt. Binnen weniger Tage hat sich der Videoausschnitt zum viralen Hit auf Facebook entwickelt.

Erfolg bringt Neid, Scheitern Häme

Offensichtlich können viele Leute etwas mit Lindners Grundaussage anfangen: Potentielle Gründer werden abgeschreckt, da auf den Erfolg oft Neid und auf das Scheitern meist Häme folgt. Das führt zu einer Strategie der Risikovermeidung, die eine Existenz als Oberamtsrat zum Höchsten der Gefühle werden lässt. Das hat Konsequenzen: Hierzulande liegt der Anteil der Gründer deutlich unter zwei Prozent der volljährigen Bürger. In den USA dagegen sind es gut zehn Prozent, die in den letzten Jahren ein Unternehmen gegründet haben.

Gründergeist kann sich kaum entwickeln, wenn jeder weiß: Banken und Öffentlichkeit geben keine zweite Chance. Häufig ist sogar eine Stigmatisierung die Folge. Der Satz „Der/Die ist pleite gegangen“ kennzeichnet den Betreffenden als erledigten Fall, der Person wird nun nichts mehr zugetraut. Wer nach dem Sturz wieder aufstehen will, sollte tunlichst das Eingeständnis des Scheiterns vermeiden.

Dies führt zu so bizarren Selbsthilfegruppen wie den anonymen Insolvenzlern, die sich nur per Vornamen anreden und in gemeinsamen Gesprächen ihre Erfahrungen verarbeiten. Solche Dinge passen gar nicht zum Stichwort von der Gründerkultur, das die Politik gerne als Monstranz vorführt. Sie soll zwar in Deutschland unbedingt kommen und muss auch ganz furchtbar gefördert werden - aber unter diesen Vorzeichen wird wohl nichts damit.

Kein Wunder, dass eine europaweite Umfrage zum Thema Digitalisierung für Deutschland blamable Schlusslichtwerte ergibt: Nur etwa 24 Prozent der jungen Befragten können sich vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. In der Praxis sind es dann noch viel weniger, die Zahl der neu gegründeten Unternehmen geht seit Jahren zurück.

Das Problem ist der deutsche Umgang mit Fehlern, der sich nicht nur bei Gründern zeigt. So basiert das Schul- und Universitätssystem im Grunde immer noch auf dem Primat der „Fehlerdiagnose“. Kindern wird spätestens ab dem vierten Schuljahr nicht mehr gesagt, was sie bereits können und das noch mehr in ihnen steckt - sondern wie viele Fehler sie gemacht haben.

Das führt dann in der Arbeitswelt zu dem bekannten Phänomen, dass Fehler mit aller Gewalt vermieden werden, selbst um den Preis der völligen Bewegungslosigkeit eines Unternehmens. Leicht nachweisbare Erfolge anhand von aufgehübschten KPI-Berichten haben Vorrang gegenüber den Ideen von Gründern, die mit Sicherheit Fehler machen und mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern werden.

Bildquelle: Konstantin Gastmann / pixelio.de

Links:

 

 

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok