Telekom killt Flatrates

Höchste Zeit für Ordnungspolitik

Die Telekom will Vielnutzern von TV und Video ihren Entertain-Dienst schmackhaft machen. Der Weg dahin: Die Konkurrenten ausbremsen.

Netzneutralität: Alle Daten sind gleich

In einigen Branchen gibt es Unternehmen mit marktbeherrschender Stellung. Ein solches Unternehmen kann mit seinen Produkten relativ unabhängig von Marktmechanismen agieren. Es kann zum Beispiel die Preise erhöhen, das Produkt verknappen oder seine Qualität senken - als vorgezogene Reaktion auf eine gesteigerte Nachfrage in der Zukunft.

Klingt komplett unrealistisch? In der Digitalbranche ist so etwas problemlos möglich, wie die Telekom bewiesen hat: Sie führt für DSL-Neuverträge eine übertragungsabhängige Geschwindigkeitsdrossel ein. Wer also in Zukunft ein bestimmtes Monatskontingent an Daten überschreitet, wird von zum Beispiel VDSL mit 200 MBit auf Steinzeit-Internet mit 384 KBit pro Sekunde abgebremst.

Der Grund ist einfach: Die Telekom ist längst nicht mehr nur Netzbetreiber, sondern Inhalteanbieter. Und im Kleingedruckten der neuen DSL-Verträge wird stehen, dass die Geschwindigkeitsdrossel nicht für Entertain und andere Angebote der Telekom oder ihrer Partner gilt.

Sicher wird diese Drosselung eine ganze Reihe von Kunden verschrecken und zu anderen Anbietern treiben. Doch der Punkt ist: Die Telekom hat als Netzanbieter eine marktbeherrschende Stellung. In einigen Regionen gibt es sogar mangels Konkurrenz ein faktisches Telekom-Monopol.

Hinzu kommt die Herrschaft über die sprichwörtliche “letzte Meile”. Damit sind die Hausanschlüsse und ihre Verbindung zu den Netzknoten gemeint. Für die Konkurrenten der Telekom lohnt es sich im Regelfall nicht, eigene Leitungen direkt zu ihren Endkunden zu legen. Stattdessen mieten sie diese Leitungen. Gut denkbar, dass die Telekom-Konkurrenz in nicht allzu ferner Zukunft “aus technischen Gründen” ebenfalls drosseln muss.

Glücklich, wer in einer Region mit Kabel-TV oder einem TK-Anbieter mit eigenen Netz lebt. Die Anbieter dieser Dienste werden die neue Strategie der Telekom sicherlich als hervorragendes Marketing in eigener Sache ausbeuten können. Alle anderen müssen mit den neuen Rahmenbedingungen leben.

Allerdings wird nicht jedem Kunden eine Änderung auffallen, da das Datenvolumen eines durchschnittlichen Kunden nach Angaben der Telekom bei ungefähr 15 Gigabyte im Monat liegt. Gedrosselt wird zum Beispiel bei VDSL 50 erst ab 75 Gigabyte. Solche Datenraten erreichen lediglich Leute, die sehr intensiv HD-Video oder -TV nutzen.

Und genau hier ist ein enormes Wachstum zu erwarten. Die einschlägigen Videodienste wie Hulu, Netflix oder Zatoo sind mit dem heruntergeregelten Mager-DSL nicht zu nutzen. Das dürfte für eine Fluchtbewegung vieler Kunden weg von diesen Diensten und hin zu Entertain führen - nicht nur ein Schelm würde dahinter Absicht vermuten.

Dieses Bevorzugen und Benachteiligen bestimmter Datenarten und Dienste läuft auch unter dem Stichwort “Netzneutralität”. Im Normalfall sollte ein Internetprovider jede Art von Datenpaket ohne Ansehen von Quelle und Ziel immer mit der höchstmöglichen Geschwindigkeit befördern.

Anders sieht die Sache aus, wenn derselbe Netzanbieter zusätzlich Inhalte vertreibt. Er befindet sich plötzlich in Konkurrenz zu anderen Inhalteanbietern, die darauf angewiesen sind, dass ein Provider ihre Daten korrekt befördert. Bei weithin marktbeherrschender Stellung mit teilweisen Gebietsmonopolen könnte ein solcher Netzanbieter auf Ideen kommen …

Durch die Doppelnatur der Telekom als Netz- und Inhaltsanbieter ist der Wettbewerb deutlich verzerrt, denn die Konkurrenz ist auf das Netz angewiesen. Genau an diesem Punkt endet die Wirtschaft und fängt die Politik an. Im Kern geht es um eine Trennung von Infrastruktur und den Diensten, die darauf aufsetzen.

Ein Wirtschaftspolitiker sollte und müsste das Thema Netzneutralität auf die Agenda setzen, eine entsprechende Gesetzesinitiative anregen und dafür eine Mehrheit suchen. Und im Regelfall sollte diese Mehrheiten auch leicht zu finden sein, denn Netzneutralität ist im Sinne der sozialen Marktwirtschaft.

Nur bei Netzneutralität können Unternehmen Produkte und Services frei gestalten, ohne auf das Wohlwollen eines Infrastrukturbetreibers angewiesen zu sein. Höchste Zeit also für klassische Ordnungspolitik, die sich um die Rahmenbedingungen für den Wettbewerb kümmert.

Bildquelle: A. Dreher / pixelio.de

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