SAP legt mit Hana vor, andere ERP-Hersteller ziehen nach

In-Memory-Technologie für ERP-Systeme

In-Memory-Technologie für betriebswirtschaftliche Software, sprich ERP-Systeme – mit diesem Konzept könnte SAP und die hauseigene In-Memory-Datenbank Hana den Unternehmen zu Echtzeitprozessen verhelfen.

Materialplanung in Echtzeit: In-Memory-Technologien für ERP-Systeme machen es möglich.

Mit der Ankündigung, die Business Suite auch auf der hauseigenen In-Memory-Datenbank Hana laufen zu lassen, gelang SAP zu Beginn des Jahres ein Paukenschlag – auch wenn die Experten schon darauf gewartet hatten. Die Folgen dieser Nachricht seien so signifikant, „dass jeder SAP-Anwender sich damit beschäftigen muss“, hieß es in einer ersten Research Note der Experton Group. Das Besondere an der Ankündigung – so die Analysten weiter – sei aber auch, dass der gesamte ERP-Markt betroffen ist.

Den Anwenderunternehmen eröffnen sich zunächst viele neue Möglichkeiten, wenn sie ERP-Applikationen mit In-Memory-Technik zu nutzen. Aus dem Business-Intelligence-Umfeld, wo die Technik bereits etabliert ist, sind extreme Beschleunigungen der Prozesse bereits bekannt (siehe Seite 32). Anwender berichten von Temposteigerungen bis zum Faktor 10.000. Die ersten Berichte von Unternehmen, die mit ERP-Anwendungen auf Basis von Hana arbeiten, zeigen, dass auch Standardsoftware durch In-Memory deutlich an Fahrt aufnehmen kann. So nutzt z. B. der Landmaschinenhersteller John Deere die Hana-Datenbank für die Materialbedarfsplanung (MRP). Eines der Ergebnisse: Statt sechs Stunden dauert der entsprechende Prozess nur noch zehn Sekunden.

In-Memory sorgt für Leistungssteigerung

Laut dem Marktforschungshaus Gartner profitieren besonders Anwendungen wie die Materialbedarfsplanung, die sehr viel IT-Ressourcen beanspruchen, von einer Leistungssteigerung durch In-Memory. Dadurch ließen sich bestimmte Applikationen auf völlig neue Weise nutzen. Bei der Materialbedarfsplanung etwa könne man quasi interaktiv auf veränderte Geschäftsanforderungen reagieren und müsse damit nicht bis zum nächsten Tag warten.

Ein weiterer Vorteil: Hana-Anwender können operative Datenverarbeitung sowie Analyse auf einer einheitlichen Informationsbasis durchführen. Das fördert ebenfalls die Geschwindigkeit sowie die Datenkonsistenz. „Entscheidungen können -zeitnah auf Basis aller ver-fügbaren Daten getroffen -werden, ohne langwierig auf -Informationen aus Business Warehouse oder ähnlichen Sys-temen zu warten“, so die Ana-lysten der Experton Group.

Zusätzlich könnte In-Memory die Arbeit der IT-Abteilung erleichtern. So ist Hana laut den Walldorfern einfacher zu managen als herkömmliche Datenbanksysteme. Bayer Material Science hält es für möglich, dass sich die Kosten für die IT-Infrastruktur damit um 20 Prozent senken lassen. Das Unternehmen betreibt Kundenbeziehungsmanagement auf der In-Memory-Technik. Für die Anwenderunternehmen hätte der Einsatz von ERP auf In-Memory-Basis letztlich eine positive Wirkung auf ihr Geschäft. Grundsätzlich könnten Unternehmen Wettbewerbsvorteile erzielen, wenn sie die Buiness Suite auf Hana nutzen, heißt es in der Research Note der Experton Group.

Fertigungsindustrie als In-Memory-Vorreiter

Zunächst werden aber nur bestimmte Firmen in den Genuss dieser Vorteile kommen. „Das komplette ERP-System auf Hana werden innovative Unternehmen einsetzen, die damit auch einen Wandel ihres Geschäftsmodells unterstützen“, glaubt Andreas Zilch, Analyst der Experton Group. Seiner Meinung nach wird die deutsche Fertigungsindustrie ein Vorreiter sein, die sich damit mehr auf Servicekomponenten als globales Alleinstellungsmerkmal konzentrieren kann. „Industrie 4.0 ist hier auch ein Stichwort“, so Zilch.

Bei John Deere verfolgen die Verantwortlichen mit dem Einsatz der In-Memory-Technik eine ähnliche Strategie. „Durch ERP auf Hana sehen wir die Möglichkeit, uns von einem Fertiger zu einem lösungsorientierten Unternehmen zu entwickeln“, erklärt Derek Dyer, Director für die weltweiten SAP-Services bei John Deere. So ließen sich z. B die riesigen Datenmengen verarbeiten, welche die Sensoren der John-Deere-Geräte liefern, die bei den Kunden im Einsatz sind. „So erhalten wir Echtzeitinformationen, wie die Kunden unsere Produkte nutzen, und können in Echtzeit passende Lösungen bereitstellen“, so Dyer.

Die Gartner-Experten gehen davon aus, dass große, eher komplexe Organisationen mit einer starken SAP-Ausrichtung diejenigen sein werden, die schon kurzfristig den größten Nutzen durch ERP auf Hana erreichen werden. Bei diesen Unternehmen sei eine Migration innerhalb der kommenden drei Jahre am wahrscheinlichsten.

ERP-Hersteller unter Druck gesetzt

Die Tatsache, dass SAP seine ERP-Lösung auf In-Memory laufen lässt, hat aber nicht nur Folgen für die Anwender. „Die anderen ERP-Hersteller werden durch das neue Konzept unter Druck gesetzt“, stellt Zilch fest. Zwar verfolge Oracle grundsätzlich auch eine In-Memory-Initiative. Der amerikanische Software-Anbieter hat vor einigen Jahren die In-Memory-Datenbank Times Ten gekauft und diese seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Doch bisher hat Oracle laut Zilch die In-Memory-Technik noch nicht stark mit ERP verknüpft. Bei Anbietern wie Infor hält er den Druck für besonders groß. „Für Infor und deren Kunden wird immer deutlicher, dass die veralteten ERP-Systeme keine Zukunft haben“, sagt Zilch. Daher gebe es klaren Handlungsbedarf bei den Anwendern. Der Anbieter selbst sieht das erwartungsgemäß anders. „Ob der Schwenk mit In-Memory zu ERP-Systemen lohnenswert ist, bleibt abzuwarten“, meint Matthias Sartor, Senior Director Business Consulting für die Region DACH bei Infor. „Innerhalb der Systeme ist das für die wenigsten unserer Kunden relevant.“ Laut Sartor begründen die Anwender ihre Ablehnung häufig damit, dass ERP mit In-Memory „zu hardware-intensiv sei und damit in der Praxis nicht erwünscht“. Für Planung und Simulation habe man spezialisierte Lösungen, die ohne den Ballast der ERP-Detaildaten effektiv bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Doch dabei handelt es sich laut Sartor nur um ein begrenztes Marktsegment. „Aus strategischer Sicht investieren wir aktuell lieber in Technologien, die den Nutzern helfen, ihr Tagesgeschäft effektiver zu gestalten“, sagt Sartor.

Aus Kreisen der SAP-Anwender ist zur Zeit eine eher abwartende Haltung zu vernehmen. Noch trauen sich die Firmen nicht an die neue Technik heran. Schließlich ist das ERP-System das Herz eines Unternehmens. Eine Umstellung auf eine neue Datenbank will da gut überlegt sein. Wahrscheinlich werden sich Firmen wohl erst diesem Wagnis stellen, wenn sie genügend Erfahrungen mit Hana im BI-Bereich gesammelt haben. Zilch glaubt zwar, dass die aktuellen SAP-Kunden quasi gezwungen werden, ihrem Technologielieferanten zu folgen. Doch das könne noch bis zu 20 Jahre dauern.

Mindestens so lange wird es seiner Meinung nach auch ERP-Systeme mit der klassischen Architektur geben. Von den SAP-Konkurrenten würden bzw. könnten nur wenige mit einem In-Memory-Konzept nachziehen. Die Marktbeobachter von Gartner halten SAPs Hana-Initiative als wegweisend für die gesamte Branche. Sollten die Walldorfer mit der Business Suite erfolgreich sein, würde dies den Wert von In-Memory als Technologie für geschäftskritische Anwendungen belegen.

www.experton-group.de

www.sap.com

www.infor.de

www.oracle.de

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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