Im Gespräch mit Timur Kücük von IAS

Individuelle ERP-Prozesse sind Trumpf

Im Interview erläutert Timur Kücük, Geschäftsführer beim Karlsruher ERP-Anbieter IAS, wie individuelle ERP-Prozesse die Digitalisierung von Unternehmen voranbringen können und welchen Stellenwert Künstliche Intelligenz im ERP-Bereich besitzt.

  • Timur Kücük von IAS

    „Technologien rund um Künstliche Intelligenz besitzen im ERP-Bereich einen zunehmend hohen Stellenwert“, meint Timur Kücük von IAS.

  • Timur Kücük von IAS

    Timur Kücük von IAS: „Wir bieten unser ERP-System seit längerem auch als Cloud-Variante an, allerdings besteht kaum eine Nachfrage dafür.“

  • Timur Kücük von IAS

    „Oft treffen wir auf Altsysteme, bei denen sich ein Umstieg auf die aktuellste Version nicht mehr lohnen würde, da dieser Aufwand einer ERP-Neuimplementierung gleichkäme“, so Timur Kücük von IAS.

  • Timur Kücük von IAS

    Timur Kücük von IAS: „Anders als Standard-Software können Individualsysteme mit den Ansprüchen mitwachsen und neuartige Anforderungen integrieren.“

IT-DIRECTOR: Herr Kücük, immer mehr Betriebe beschäftigen sich mit Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge. Im Zuge der damit verbundenen Vernetzung entsteht eine wahre Datenflut – inklusive neuer datengetriebener Prozesse. Was bedeutet diese Entwicklung für die ERP-Systeme in Unternehmen?
T. Kücük:
Die eingesetzte ERP-Software muss die bereitgestellten Daten auf vernünftige Art und Weise verarbeiten können. Dabei erfolgt die Sammlung und Analyse der Daten häufig mit verschiedenen Tools in der Cloud, während die anschließende Verarbeitung in den nachgelagerten ERP-Prozessen stattfindet. Da ERP-Systeme stets die Unternehmenslogik abbilden, können sie mithilfe der erhobenen Daten Vorschläge machen, welche Produkte entwickelt oder welche Märkte bedient werden sollten. Das ERP fungiert sozusagen als wichtige Schaltzentrale, wo alle relevanten Informationen zusammenkommen. Es bereitet die Daten vernünftig auf und gibt sie der Geschäftsführung oder dem Management zur Entscheidungsfindung an die Hand.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Künstliche Intelligenz?
T. Kücük:
KI-Technologien besitzen im ERP-Bereich einen zunehmend hohen Stellenwert. Denn es genügt nicht, die vorhandenen Daten willkürlich zu visualisieren. Vielmehr muss aufgezeigt werden, was diese Daten für die jeweiligen Geschäftsmodelle bedeuten können.

IT-DIRECTOR: Inwieweit haben Sie bereits KI-Technologien in ihr ERP-System integriert?
T. Kücük:
Aktuell forschen wir sowohl zu Machine Learning und neuronalen Netzen als auch zu Künstlicher Intelligenz. In diesem Zusammenhang haben wir kürzlich eine eigene Datenbank entwickelt, die sowohl Bestands- als auch Neukunden nutzen können. Wie bisher können diese aber auch auf die Datenbanken von Drittanbietern zurückgreifen.

Mit der Entwicklung der neuen Datenbank haben wir die Basis für die künftige Nutzung von Algorithmen und damit auch von Künstlicher Intelligenz geschaffen. Dabei war uns besonders wichtig, dass die Datenbank hochperformant läuft. Zudem lässt sich damit die vorausschauende Wartung von Anlagen realisieren: Anhand von Vergangenheitswerten wird ermittelt, in welchem Zustand sich die Maschine gerade befindet. Mittels der Auswertung dieser Informationen durch Algorithmen ergibt sich der nächste Wartungstermin, sodass sich Standzeiten der Anlage vermeiden lassen.

IT-DIRECTOR: Haben Sie in Ihre Datenbank sogenannte In-Memory-Computing-Technologien integriert?
T. Kücük:
Ja, denn dies ermöglicht äußerst flotte Verarbeitungsprozesse. Die Datenbank ist speziell für unser ERP-System CaniasERP optimiert und hinsichtlich der Lizenzkosten sowie des Betriebs etwa deutlich günstiger als andere Lösungen.

IT-DIRECTOR: Gibt es weitere Neuheiten im Umfeld von Industrie 4.0?
T. Kücük:
Seit kurzem bieten wir eine auf ARM-Prozessoren basierende Hardware an, die direkt an den Anlagen installiert wird. Es handelt sich dabei um einen Mini-Server, der sich mit verschiedenen Sensoren bestücken und direkt an ERP-Module wie Produktionsplanung oder Materialwirtschaft andocken lässt. Ebenfalls denkbar ist die Verknüpfung mit unserem Modul „Maintenance“, das die Maschinenwartung in festgelegten Zeitabständen oder in Anlehnung an geplante Produktionszyklen abbildet. Künftig wird dies nun auch „predictive“ möglich sein. Das heißt, dass auf Basis der gesammelten Maschinendaten entsprechende Wartungstermine vorgeschlagen werden. Dies wiederum muss entsprechend ins PPS-Modul fließen, denn wenn die Wartung läuft, kann nicht produziert werden.

IT-DIRECTOR: Wem gehören die Daten, die an den Maschinen gesammelt werden? Dem ERP-Hersteller, dem Maschinenbauer oder dem Endkunden, der die Maschine nutzt?
T. Kücük:
Den ERP-Herstellern gehören die Daten auf keinen Fall, denn deren Systeme verarbeiten sie nur. Aus unserer Sicht sollten die Daten stets den Endkunden gehören, da diese sowohl die Maschinen als auch die Rechte an der Software-Nutzung erworben haben. Aus diesem Grund besitzen sie auch die Datenhoheit.

Allerdings treffen wir immer häufiger Szenarien an, bei denen die Hersteller die Maschinendaten nutzen wollen, um einerseits die Wartungsprozesse beim Kunden zu verbessern und andererseits die eigenen Produktentwicklungen zu optimieren. Hier muss klar geregelt sein, wie viel Einblick die Maschinenhersteller in die Produktion ihrer Kunden nehmen dürfen.

IT-DIRECTOR: Zurück zur Künstlichen Intelligenz: Beschäftigen Sie eigene Data Scientists?
T. Kücük:
Wir setzen Entwickler ein, die sich ausschließlich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, um möglichst schnell gut funktionierende Lösungen herauszubringen. Allerdings gestaltet sich die Suche nach den passenden Mitarbeitern recht schwierig. Gefragt sind nicht nur klassische Informatiker, sondern auch Mathematiker und Statistiker. Denn KI vereint die verschiedensten Facetten, darunter Algorithmen, Machine Learning oder neuronale Netzwerke.

IT-DIRECTOR: Wie entwickeln sich die KI-Technologien weiter?
T. Kücük:
2014 führten Forscher einen Intelligenztest mit einer Künstlichen Intelligenz durch. Das Ergebnis lag bei 27. Im Jahr 2017 wurde ein solcher Test wiederholt. In diesem Rahmen erreichte die KI bereits einen Intelligenzquotienten von 47, was dem Wissensstand und den Kompetenzen eines ca. sechsjährigen Kindes entspricht. Entwickeln sich die Technologien nun ähnlich der letzten drei Jahre weiter, dann wird die Künstliche Intelligenz schon bald den menschlichen IQ überholt haben. Dann wird KI eigenständige Entscheidungen treffen und damit weit mehr als nur Daten sammeln und Informationen weitergeben.

IT-DIRECTOR: Werden damit auch manche Berufsgruppen der Vergangenheit angehören?
T. Kücük:
Es ist durchaus denkbar, dass bestimmte Berufsstände im Zuge der Verbreitung von KI ihre Existenzberechtigung verlieren. Zwar glauben manche Stimmen, dass durch den Wegfall der „einfachen Tätigkeiten“ eher höherwertige Professionen entstehen. Doch da sich auch die KI-Technologien selbst weiterentwickeln und damit die „Intelligenz“ immer intelligenter wird, werden auch diese höherwertigen Stellen irgendwann einmal durch KI ersetzt.

IT-DIRECTOR: Neben Künstlicher Intelligenz beschäftigt viele IT-Verantwortliche bereits seit Jahren das Thema Cloud Computing. Wie gehen Ihre Kunden damit um?
T. Kücük:
Wir bieten unser ERP-System bereits seit längerem auch als Cloud-Variante an, allerdings besteht kaum eine Nachfrage dafür.

IT-DIRECTOR: Warum ist das so?
T. Kücük:
Zum einen haben die Verantwortlichen stets den Sicherheitsaspekt im Hinterkopf: Wo liegen kritische Unternehmensdaten? Auf welchen Servern werden sie verarbeitet? Zum anderen sind die Infrastrukturen hierzulande nach wie vor nicht leistungsfähig genug, um reibungslose Cloud-ERP-Prozesse zu gewährleisten, insbesondere wenn die Firmen in infrastrukturarmen, eher ländlichen Umgebungen angesiedelt sind. Denn mit einer Bandbreite von 50 Mbit/s ist es kaum möglich, sich in eine Cloud einzuwählen und mit CAD-Daten zu hantieren. Auch ist selten klar, wie man die einmal in eine Public Cloud verlagerten IT-Umgebungen wieder in den Eigenbetrieb zurückholen kann, sollten die Cloud-Strukturen nicht mehr zu den eigenen Prozessen passen. Aus allen diesen Gründen gestaltet sich die Nachfrage nach Cloud-ERP eher verhalten.

IT-DIRECTOR: Dennoch bieten Sie eine Cloud-Version an ...
T. Kücük:
Wir wollen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein und können unser ERP-System daher auch in einer Cloud-Umgebung betreiben. Grundsätzlich raten wir unseren Kunden zum Betrieb einer Private Cloud, da sich individuelle Prozesse in einem Public-Cloud-ERP, das für sehr viele Unternehmen passen soll, kaum abbilden lassen. Sobald die Kunden an nur einer Stelle individuelle Anpassungen vornehmen möchten, ist der Eigenbetrieb des ERP-Systems in einer On-Premises- oder Private-Cloud-Umgebung sinnvoll.

Insbesondere mittelständische Unternehmen besitzen individuelle Prozesse, die im ERP-System abgebildet werden sollten. Einfach ein Standard-ERP-System über kundenspezifische Prozesse zu stülpen, wäre aus unserer Sicht der falsche Weg. Der Kunde kennt sein Unternehmen und sein Marktumfeld am besten. Wenn ich diesen besser kennen würde, mache entweder ich oder der Kunde etwas falsch. Wir wollen den Kunden stets die Möglichkeit geben, das ERP-System dynamisch und flexibel an die eigenen Abläufe anpassen zu können. Wir erleben tagtäglich wie sich Märkte und Anforderungen ändern. Hier sind Agilität und Flexibilität gefragt.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert das genau?
T. Kücük:
Zwar bieten wir einerseits ein sehr breites Spektrum an Standardmodulen an, andererseits ermöglichen wir es den Kunden aber auch, Prozesse individuell anzupassen, ohne beim nächsten Versions- oder Release-Wechsel nochmals alles neu entwickeln zu müssen.

Um dies zu gewährleisten, nutzen wir unterschiedliche Software-Schichten. Dazu gehört zunächst die Standardschicht, in der wir unsere eigenen Entwicklungen vornehmen. An dieser können und dürfen die Kunden nichts ändern. Daneben stellen wir jedoch auch eine Software-Ebene bereit, auf der die Kunden eigene Programmierungen vornehmen können. Dabei werden unsere Standardfunktionen in diese Schicht kopiert und für Veränderungen freigegeben. Kommt es zu Updates unserer Software, bleiben die Eigenentwicklungen der Kunden außen vor.

IT-DIRECTOR: Wie läuft die Entwicklung Ihrer ERP-Funktionen ab?
T. Kücük:
Wir beobachten, was die Kunden mit unserer ERP-Software anstellen und übernehmen passende Funktionen in den Standard. Auf neu entwickelte Funktionen können die Kunden dank offener Schnittstellen zügig umsteigen. Zudem legen wir sowohl die gesamte Datenstruktur als auch den Quellcode unseres ERP-Systems offen. Dies spielt insbesondere den Kunden mit einer eigenen IT-Mannschaft in die Karten. Denn mit der Zeit sind die IT-Experten des Kunden in der Lage, eigenständig Modifikationen am ERP-System durchzuführen.

IT-DIRECTOR: Könnten die Kunden auch die ERP-Wartung in Eigenregie übernehmen?
T. Kücük:
Nein, dies würde nicht funktionieren, da die integrierte Entwicklungsumgebung an unsere Wartung gebunden ist. Sobald die Kunden keinen Wartungsvertrag mehr besitzen, haben sie kein Anrecht mehr darauf, die Entwicklungsumgebung zu nutzen. Zwar könnten sie das System auch weiterhin betreiben, allerdings hätten sie dann keinen Zugriff mehr auf Updates, Upgrades und – wie erwähnt – die Entwicklungsumgebung.

IT-DIRECTOR: Wie sind deutsche Unternehmen generell hinsichtlich ihrer ERP-Systeme aufgestellt? Treffen Sie häufig auf in die Jahre gekommen ERP-Software oder laufen die Modernisierungen auf Hochtouren?
T. Kücük:
Mitunter treffen wir auf Interessenten, die betriebswirtschaftliche Prozesse noch mit Excel-Dateien organisieren. Desweiteren treffen wir häufig auf Altsysteme, bei denen sich ein Umstieg auf die aktuellste Version der Software gar nicht mehr lohnen würde, da dieser Aufwand einer ERP-Neuimplementierung gleichkäme. Die Umstiegskosten wären viel zu hoch, weshalb man sich besser gleich für eine komplett neue ERP-Software entscheiden sollte.

Wie unsere Bestandskunden in Sachen ERP aufgestellt sind, hängt zuweilen von der Größe der IT-Mannschaft ab. Kunden, die viele Software-Spezialisten beschäftigen, können die Nutzung unseres Systems innerhalb eines Jahres komplett neugestalten und zahlreiche Funktionen integrieren. Unternehmen, die Firmen hinzukaufen, können diese in verschiedenen Mandanten im ERP abbilden. Dabei kann man die Mandanten je nach Bedarf ganz unterschiedlich gestalten.

IT-DIRECTOR: Gerade im Zuge von Übernahmen müssen vorhandene ERP-Systeme oftmals konsolidiert werden ...
T. Kücük:
Hier bietet sich CaniasERP als Konsolidierungsplattform an. Neben einer speziellen Beratung bieten wir entsprechende Migrations-Tools etwa für den Datenimport an. ERP-Konsolidierungen gestalten sich stets sehr komplex, da beispielsweise zunächst eine Bereinigung der Stammdaten erfolgen muss. Dabei sollte man bereits vor der Übernahme im Blick haben, ob in den Buchungskreisen Daten vorliegen, die sich harmonisieren lassen. Denn spätestens, wenn man über eine Unternehmensgruppe hinweg Auswertungen durchführen möchte, sollten zumindest die Artikel-, Kunden- und Lieferantenstämme ähnlich gelagert sein.

IT-DIRECTOR: Nutzen Ihre Kunden sämtliche CaniasERP-Module oder binden Sie externe Systeme wie CRM- oder DMS-Systeme an?
T. Kücük:
Es gibt Kunden, denen unsere Funktionalitäten ausreichen. Andere hingegen binden CRM-Software wie Salesforce oder andere Systeme an unsere ERP-Software an. Dabei können die Anwender selbst entscheiden, wie stark die Integration von Drittsystemen sein soll.

IT-DIRECTOR: Lassen sich die Prozesse dabei automatisieren?
T. Kücük:
Ja, beispielsweise können Dokumente aus dem ERP-System automatisch an die Archiv-Software übergeben werden. Überdies funktioniert auch der Weg von der On-Premise-ERP-Installation in ein Cloud-CRM und umgekehrt: Werden in cloud-basierten CRM-Systemen neue Aufträge hinterlegt, dann wandern diese Informationen automatisch in die Materialwirtschaft, den Einkauf oder die Produktionsplanung.

IT-DIRECTOR: Aus welchen Branchen stammen Ihre Kunden?
T. Kücük:
Unser Fokus liegt auf Industriekunden. Generell kann die ERP-Software jedoch branchenunabhängig genutzt werden. Denn in unseren Projekten haben wir festgestellt, dass bestimmte Prozesse in verschiedenen Branchen ähnlich ablaufen und von daher auch ähnliche Funktionalitäten gefordert sind. So gibt es etwa zwischen der Coil-Verarbeitung in der Stahlbranche und dem Textilhandel durchaus Parallelen, da es keine Rolle spielt, ob Stoffbahnen oder Stahlcoils aufgerollt werden. Zudem gestalten sich die Arbeitsschritte ähnlich: Die Produkte werden, geschnitten, gestanzt, umgerollt oder bedruckt. Nicht zuletzt müssen die entsprechenden Qualitätsmerkmale und die Rückverfolgbarkeit der Materialien gewährleistet werden.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ist der ERP-Markt hierzulande gesättigt?
T. Kücük:
Der deutsche Markt für ERP-Software ist noch lange nicht gesättigt. Nach wie vor erhalten wir viele Anfragen und setzen zahlreiche Projekte um. Dabei werden die Anforderungen immer komplexer, da die Verantwortlichen heutzutage deutlich mehr Prozesse mit dem ERP-System abdecken wollen als noch vor zehn Jahren. Allerdings gehören nicht alle Funktionen in ein ERP-System, denn es gibt genügend spezialisierte Subsysteme, die sich einfach andocken lassen.

Hinsichtlich des internationalen ERP-Marktes bemerken wir derzeit eine verstärkte Nachfrage aus Asien, wo wir gerade in Südkorea einen Standort eröffnen. Weitere Anfragen kommen aus Südamerika beispielsweise aus Brasilien und dem arabischen Raum. Dabei treffen wir auf verschiedenste Anforderungen, zum einen aufgrund rechtlicher Vorgaben und zum anderen aufgrund der lokal unterschiedlichen Vorlieben der Endanwender.

IT-DIRECTOR: Wie sehen die ERP-Prozesse bei Kunden mit weltweit verteilten Standorten aus?
T. Kücük:
Das hängt vom jeweiligen Kunden ab. Die Anwender können eine zentrale ERP-Installation nutzen und für jeden Standort einen eigenen Mandanten installieren. Auf diese Weise gestalten sich die Handhabung und die Wartung des ERP-Systems recht unkompliziert. Eine andere Möglichkeit ist es, an allen Standorten eine eigene Datenbank zu etablieren. Dabei muss man allerdings spätestens für den gemeinschaftlichen Konzernabschluss alle entsprechenden Daten zusammenführen, um einheitliche Analysen durchführen zu können. In beiden Fällen hat der Kunde bei uns den Vorteil, dass wir Concurrent User Lizenzieren. Mir derselben Lizenz können sie in Asien anfangen zu arbeiten, danach wandert diese nach Europa, dann nach Amerika.

IT-DIRECTOR: National wie international trifft man auf viele SAP-Installationen. Wie wollen Sie hier künftig Marktanteile gewinnen?
T. Kücük:
Bei den Interessenten, die uns zu Präsentationen einladen, ist zuvor bereits ganz bewusst eine Entscheidung gegen SAP gefallen.

IT-DIRECTOR: Aus welchen Gründen wird die Software der Walldorfer denn aussortiert?
T. Kücük:
Die Kunden betonen, dass die SAP-Software für ihre Prozesse viel zu starr wäre. Denn hier wird oftmals krampfhaft versucht, vorhandene Prozesse in einem Standardsystem abzubilden, was sehr oft scheitert. Zu viel Customizing hingegen kann bei ERP-Vorhaben schnell für längere Projektzeiten und höhere Kosten sorgen.

IT-DIRECTOR: Auf welche Mitbewerber treffen Sie in ERP-Auswahlverfahren?
T. Kücük:
In der Regel sitzen wir mit Abas oder Asseco am Tisch. Darüber hinaus stoßen wir in letzter Zeit immer wieder auf das Open-Source-ERP-System Odoo. Zwar entwickelt hier eine große Community kontinuierlich neue ERP-Module, dennoch stößt das System schnell an seine Grenzen, wenn es um tiefergehende Funktionen geht.

Daneben treffen wir in den Auswahlverfahren hin und wieder auf Microsoft AX oder NAV. Allerdings wandern diese Systeme künftig komplett in die Cloud, sodass sie insbesondere bei Unternehmen mit starkem On-Premise-Bezug direkt durch das Raster fallen.

IT-DIRECTOR: Demnach spricht vieles für individuell gestaltbare ERP-Systeme
T. Kücük:
Auf jeden Fall, denn aufgrund der damit einhergehenden Flexibilität verbaut man sich keine Prozesse – was mit Standards durchaus der Fall sein könnte. Alles in allem können Individualsysteme eher mit den Ansprüchen mitwachsen und neuartige Anforderungen integrieren. Individuelle Software-Prozesse können den Unternehmen helfen, sich von ihren Mitbewerbern abzuheben. Denn nutzen alle dieselben Standardpakete, agieren sie auch gleich schnell und gleich gut. Auf Dauer werden sich diese Anbieter wohl nicht alle behaupten können. Von daher sollten sie versuchen, sich von den Mitbewerbern abzuheben, indem sie die eigene Individualität hervorheben.

Doch gänzlich sollte man auf Standards nicht verzichten, denn beim Datenaustausch oder bei vorhandenen Schnittstellen sind sie durchaus sinnvoll.

IT-DIRECTOR: Gibt es Standards, die man bei der Durchführung von ERP-Projekten beachten sollte?
T. Kücük:
Bei ERP-Einführungen sollte man stets mit viel Augenmaß und sehr strukturiert vorgehen. Dabei kann man ERP-Systeme zum einen schrittweise einführen. Zum anderen kann sich jedoch auch eine Komplettumstellung als praktikabel erweisen.

IT-DIRECTOR: Wie das?
T. Kücük:
Die Umstellung einzelner ERP-Module über einen längeren Zeitraum hinweg kann sehr kostspielig werden. Denn um das Zusammenspiel zwischen Altsystemen und neuer ERP-Software zu gewährleisten, braucht es entsprechende Schnittstellen, die erst einmal entwickelt werden müssen. Wurde das ERP-System dann komplett eingeführt, werden die Programmierungen jedoch nicht mehr benötigt. Eventuell betreibt das Anwenderunternehmen auch zwei unterschiedliche Datenstrukturen inklusive der erforderlichen Datenbanken – allein die dafür notwendigen Lizenzkosten sollte man auf keinen Fall unterschätzen.

Im Zuge eines schrittweisen Umstiegs kann sich auch der Produktivstart des Gesamtsystems kontinuierlich nach hinten verschieben. Denn die IT läuft ja mehr oder weniger, von daher scheint keine Eile geboten zu sein und die Projekte werden öfters verschleppt. Das eigentliche Ziel – nämlich der Wechsel auf das neue ERP-System – rückt damit erst einmal in weite Ferne.

IT-DIRECTOR: Eine ERP-Umstellung auf einen Schlag wäre demnach sinnvoller?
T. Kücük:
Genau, wobei umfangreiche Testszenarien vor dem Produktivstart natürlich dazugehören. Im Zuge dessen sollte man sich im Vorfeld intensiv mit dem einzuführenden System beschäftigen und es auf Herz und Nieren prüfen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Generell sollte man bei ERP-Einführungen auch stets die Mitarbeiter mitnehmen, da sie mit der neuen Oberfläche arbeiten müssen. Dies ist mit weiteren Kosten verbunden, denn während der – mitunter recht zeitintensiven – ERP-Schulungen fallen die Beschäftigten für andere produktive Arbeiten aus. Die Schulungs-, Analyse- und Feinspezifikationsmaßnahmen sollte man nicht unterschätzen. Von daher raten wir, dass sich die Key User rund 50 Prozent ihrer Arbeitszeit allein mit dem neuen ERP-System beschäftigen sollten.

IT-DIRECTOR: Worauf sollte man besonders achten?
T. Kücük:
Die Kunden sollten für die Projekte ausreichend Zeit einplanen. Zudem sollte das Top-Management nicht nur hinter dem Projekt stehen, sondern auch genaue Vorgaben ausgeben, was man mit dem neuen ERP-System erreichen will und wie der Wechsel aussehen sollte. Sind die Ziele bereits im Vorfeld klar definiert, bleibt im Projektverlauf kaum Raum für Konfusionen. Ein Wirrwarr aus vielen Wünschen einzelner Fachabteilungen wird so von vorneherein eingeschränkt.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielen die Fachabteilungen?
T. Kücük:
Unserer Erfahrung nach findet man in vielen Unternehmen sogenannte „Fürstentümer“ vor, die an Althergebrachtem festhalten wollen. Wie weiter oben betont sind traditionelle Prozesse zwar per se nicht schlecht. Dennoch sollte man die ERP-Einführung als Chance nutzen, um Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und durchaus auch etwas Neues auszuprobieren. Dabei geht es nicht darum sich den Prozessen des neuen ERP-Systems anzupassen, sondern seine eigenen Prozesse zu analysieren und neu zu strukturieren. Häufig zieht sich das Top-Management an dieser Stelle aus der Verantwortung und überträgt diese an die Key User, die mit solchen Entscheidungen und auch mit dem Projektmanagement überfordert sein könnten. Nicht selten ist es das erste Mal für sie.


Timur Kücük
Alter: 42 Jahre
Werdegang: Studium der Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim, Seit 2005 bei der IAS GmbH. Bis 2013 Senior Berater und Projektleiter, 2013 bis 2018 Vertriebsleiter, Seit 2018 Geschäftsführer
Derzeitige Position: General Manager bei IAS
Hobbys: Familie, Fahrradfahren


Bildquelle: IAS

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