Internet of Things

Industrie 4.0 als (R)evolution

Im Interview betont Heike Wilson, Geschäftsführerin der Dualis GmbH IT Solution, dass die Industrie 4.0 keine ausschließlich technologische Entwicklung ist, sondern von der aktiven Mitgestaltung, Kreativität und Entscheidungskompetenz durch den Menschen lebt.

Heike Wilson, Dualis

„Ziel muss es sein, Mitarbeiter nicht zu ersetzen, sondern sie zu entlasten und zu unterstützen“, betont Heike Wilson, Geschäftsführerin der Dualis GmbH IT Solution.

IT-DIRECTOR: Frau Wilson, wie lassen sich die bisherigen (und insbesondere älteren) Mitarbeiter, die jahrelang nach Schema F gearbeitet haben, an die neuen Techniken heranführen? Welche Herausforderungen müssen sie meistern?
H. Wilson:
Die Basistechnologien und das Internet of Things zu Gunsten der Industrie 4.0 sind verfügbar. Jedoch ist das Sozialgefüge in Unternehmen noch nicht ausreichend hierfür aufgestellt. Insbesondere ältere Mitarbeiter, die seit jeher mit Papier in der Hand in ihrer Fabrikhalle ans Werk gehen und feste Strukturen und Prozesse gewohnt sind, haben Schwierigkeiten mit dem Paradigmenwechsel. Die zunehmende Flexibilität und Schnelligkeit, die sich durch das Internet of Things in der Produktion ergibt, erfordert auch auf Mitarbeiterseite hohe Reaktions- und Anpassungsfähigkeit. Der Weg zur Nutzung und dem Abschöpfen der Vorteile kann nur über eine Umstrukturierung in der Organisation erfolgen. Es muss klare Prozessketten und Weiterbildungen – insbesondere auch für ältere Mitarbeiter – geben, damit die Vorteile der gesteigerten Wertschöpfung und Effizienz voll entfaltet werden können. Dabei gilt es für Unternehmen, die Vorteile aller Generationen zu erkennen und davon zu partizipieren.

Erfolgsversprechend ist demnach im Konstrukt der Industrie 4.0 künftig das folgende Modell: die Kombination aus der sehr wertvollen Erfahrung langjähriger älterer Mitarbeiter mit der Internetaffinität der nachfolgenden Generationen, die mit Social Networks und Co. aufgewachsen sind. Ich bin sicher, dass nur die Unternehmen, die die Fähigkeiten aller Generationen kombinieren, erfolgreich sein werden – insbesondere vor dem Hintergrund der immens umworbenen Generation Y/Z. Dies gilt gleichermaßen für produzierende Unternehmen wie auch im Dienstleistungs-, IT- und Software-Entwicklungsbereich.

IT-DIRECTOR: Wie kann man Mitarbeitern schlussendlich die letzte Skepsis – vielleicht auch Angst – vor automatisierten Maschinen bzw. Robotern nehmen?
H. Wilson:
Eine derart bedeutende (R)evolution wie die Industrie 4.0 geht immer auch mit Respekt und Ängsten seitens der Mitarbeiter hervor. Diese stehen plötzlich vor der Herausforderung, in neuen automatisierten und überwachten Strukturen, die rein über Kommunikations- und Informationstechnologien gesteuert werden, arbeiten zu müssen. Viele sind mit dieser Art Technologien größtenteils nicht vertraut. Zudem gilt es, den immensen und zunehmend steigenden Datenmengen Herr zu werden. Dies kann zu Überforderung und Abwehrhaltung führen. Daher ist es essenziell, die Mitarbeiter so früh wie möglich mit den neuen Lösungen und Systemen vertraut zu machen, um sie von Beginn an mit ins Boot zu holen. Es ist sinnvoll, sie bereits vor einem Rollout in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, so dass sie aktiv mitgestalten und ihre Erfahrungen in die neuen Technologien und den Umgang damit übertragen können. Der frühe Einbezug und die kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeiter ist der Schlüssel, damit alle Seiten vom Wandel der Produktionsarbeit profitieren können.

Alles in allem ist es wichtig, die Mitarbeiter dahingehend zu sensibilisieren, dass wir am Industriestandort Deutschland nur mit einem hohen Automationsgrad langfristig erfolgreich sein werden. Das Ziel dabei muss es sein, Mitarbeiter nicht zu ersetzen, sondern sie zu entlasten und zu unterstützen. Die Aufgaben verschieben sich. Dies ist eine Chance für alle Beteiligten.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ermöglicht die Umrüstung auf Industrie 4.0 vielleicht auch neue Einsatzgebiete für die bisherigen Mitarbeiter?
H. Wilson:
Die Umrüstung auf die Industrie 4.0 besitzt ein hohes Potential für die Unternehmen und deren Mitarbeiter. Die Fähigkeit, schnell und flexibel auf veränderte Anforderungen zu reagieren und neue Formen kundenintegrierter Geschäftsprozesse zu etablieren, erhöht die Wettbewerbsfähigkeit. Der Mitarbeiter wird in diesem Konstrukt nicht wie befürchtet zum Handlanger der IT-Prozesse, sondern zunehmend zum Entscheider. Er ist in der Lage, sensorische Lücken zu schließen und Ausnahmesituationen zu steuern und zu lösen. Dabei ergeben sich neue Möglichkeiten und Arbeitsplätze, beispielsweise in der Fabrikplanung, in der Systemauslegung und -anpassung bzw. dem laufenden Betrieb. Experten sind gefragt – so wird es beispielsweise Spezialisten für Cloud, Big Data Analytics, aber auch Security und vieles mehr geben. Denn die Industrie 4.0 ist keine ausschließlich technologische Entwicklung, sondern sie lebt von der aktiven Mitgestaltung, Kreativität und Entscheidungskompetenz durch den Menschen.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle werden zukünftig Industrie-4.0-Fachkräfte bzw. Spezialisten spielen? Wird das HR-Management bereits auf dem IT-Arbeitsmarkt fündig?
H. Wilson:
Da sich die Industrie-4.0-Entwicklungen noch in der Entstehungsphase befinden und die Branche vor der Herausforderung steht, die Visionen und Strategien in die Praxis zu übertragen, ist der Arbeitsmarkt hinsichtlich Industrie-4.0-Spezialisten noch überschaubar. Der klassische Industrie-4.0-Experte wird aber meiner Ansicht nicht das primär gesuchte Berufsbild sein, sondern vielmehr Spezialisten in Teilbereichen wie Cloud, Big Data, Security, MOO (Multi Objective Optimization) und vieles mehr.

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