Qualifikation als entscheidender Faktor

Industrie 4.0 – das zweischneidige Schwert

„Industrie 4.0 ist ein zweischneidiges Schwert“, meint Thomas Flaig, Senior Account Manager „Digital Factory Solutions“ bei Cenit. Zum einen werde von den Mitarbeitern einer Smart Factory mehr Kompetenz und Verantwortung gefordert, zum anderen würden wenig qualifizierte Tätigkeiten von intelligenten Maschinenassistenten übernommen werden.

Thomas Flaig, Senior Account Manager „Digital Factory Solutions“ bei Cenit

„Qualifikation ist der entscheidende Faktor“, so Thomas Flaig, Senior Account Manager „Digital Factory Solutions“ bei Cenit.

IT-DIRECTOR: Herr Flaig, welchen Stellenwert besitzen Roboter anno 2018 in der deutschen Industrie?
T. Flaig:
Aktuell befinden sich in Deutschland etwa 200.000 Industrieroboter im Einsatz. Die Tendenz ist weiter steigend mit einer jährlichen Steigerung von knapp zehn Prozent. Haupteinsatzgebiet der Industrieroboter sind Montageumfänge und Arbeiten mit kurzen Wiederholzyklen und hoher Präzision. Der Stellenwert von Industrierobotern in der deutschen Industrie ist sehr hoch. Deutschland liegt mit 300 Industrierobotern pro 10.000 Beschäftigten weltweit an vierter Stelle hinter Japan, Singapur und Südkorea. Aufgrund der demoskopischen Alterung und der damit einhergehenden Verknappung von Arbeitskräften wird sich diese Tendenz noch verstärken. Vor allem mittlere und kleine Unternehmen entdecken vermehrt den Nutzen des Einsatzes von Industrierobotern.

IT-DIRECTOR: An sich ist die Automatisierung durch Roboter in der Industrie ja nichts Neues – doch was hat sich hier im Vergleich zu früher geändert?
T. Flaig:
Beim Einsatz von Industrierobotern dominieren weiterhin die Branchen Automobil und Elektroindustrie mit starken jährlichen Zuwächsen. Die anderen Industrien hinken hier hinterher, sind jedoch getrieben von den allgemeinen Tendenzen zu:
- Produkten mit geringerer Stückzahl und hoher Varianz,
- steigender Verknappung von Arbeitskräften und
- steigenden Arbeitskosten mit gleichzeitig kürzerem ROI von Investitionen.
All dies zusammen erfordert eine Steigerung der Automatisierung, was auch zu einem steigenden Einsatz von Industrierobotern führen wird.

IT-DIRECTOR: Inwieweit bilden intelligente Robotersysteme das Rückgrat für die „Industrie 4.0“?
T. Flaig:
Bei Industrie 4.0 steht die Vernetzung von Maschinen und Automatisierungskomponenten im Vordergrund. Roboter stehen hierbei nicht unmittelbar im Mittelpunkt, sind jedoch essentiell, wenn es um Flexibilität und Unterstützung des arbeitenden Menschen geht. Intelligente Robotersysteme sollen den Menschen in den zukünftigen Fabriken unterstützen. Eine Art persönlichen Assistenten, welcher stupide, schwere oder gefährliche Arbeiten übernehmen soll. Hierdurch kann der Mensch sich auf die wesentlichen Arbeiten konzentrieren. Solche intelligente Robotersysteme müssen jedoch weitaus autonomer agieren können, als dies heute möglich ist. Autonome Fahrzeuge auf der Straße weisen hier den Weg in die Zukunft.

IT-DIRECTOR: Worin bestehen die Stolpersteine bei der Vernetzung jener Systeme?
T. Flaig:
Die Stolpersteine sehen wir in der Software-Entwicklung, die in der Automatisierungstechnik noch sehr schwerfällig daherkommt. Hierarchische Steuerungsarchitekturen in Produktionsanlagen, kombiniert mit althergebrachter Steuerungs-Software sind nur schlecht den Anforderungen einer intelligenten Vernetzung im Sinne von Industrie 4.0 gewachsen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit können sich moderne Industrieroboter in einer Smart Factory selbst optimieren?
T. Flaig:
Selbstoptimierung hat sehr viel mit Autonomie zu tun und benötigt Maschinenintelligenz. Selbstoptimierung findet man heute nur in kleinem Umfang in überschaubaren abgegrenzten Prozessabläufen innerhalb der Automatisierung. Selbstoptimierende oder gar autonome Robotersysteme benötigen weit mehr Rechenleistung und intelligentere Algorithmen, als dies in heutigen Steuerungen verfügbar ist. Angesichts der exponentiell steigenden Rechenleistung wird dies jedoch in naher Zukunft verfügbar sein.

IT-DIRECTOR: Könnten die Maschinen irgendwann schlauer als wir Menschen sein? Wie schätzen Sie die Lage ein?
T. Flaig:
Das Moore´sche Gesetz besagt, dass sich die Rechenleistung alle 18 Monate verdoppelt. Selbst wenn die eine Technologie an die Grenzen stößt, wird diese durch eine andere abgelöst. Dieser Prozess läuft nun schon viele Jahrzehnte und scheint kein Ende zu finden. Aktuell rechnet man im Jahre 2030 mit Rechenleistungen, die der Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns entsprechen. Es ist nur eine Frage der Algorithmen, die Intelligenz, Kreativität und kognitiven Fähigkeiten eines Menschen in Maschinen abzubilden. Bei einer weiteren Verdoppelung alle 18 Monate haben wir dann im Jahre 2050 die 8.000-fache Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns. Es ist kaum vorstellbar, was dies konkret bedeutet.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt der Mensch in der zukünftigen „Smart Factory“? Mit welchen Herausforderungen wird er konfrontiert?
T. Flaig:
In der Smart Factory spielt der Mensch eine weitaus wichtigere Rolle als heute. Verantwortung und Entscheidungskompetenz sind gefordert, um das Zusammenspiel in zukünftigen Fabriken zu dirigieren. In Smart Factories:
- triggern und liefern vernetzte Objekte Informationen und Daten für Entscheidungen,
- werden Informationen in Echtzeit aufbereitet und an alle Beteiligen verteilt und
- der Mensch entscheidet, einzeln und in Gruppen.

IT-DIRECTOR: Ganz kritisch betrachtet, werden durch die weitere Automatisierung in der deutschen Industrie doch auf Dauer immer mehr Arbeitsplätze wegfallen. Wie schätzen Sie die Lage ehrlich ein?
T. Flaig:
„Prinzipiell werden Arbeitsplätze durch Industrie 4.0 auf der einen Seiten verloren gehen und auf der anderen Seite entstehen“, sagt Continental-Vorstandsvorsitzender Elmar Degenhart. Industrie 4.0 ist ein zweischneidiges Schwert – zum einen wird von den Mitarbeitern einer Smart Factory mehr Kompetenz und Verantwortung gefordert, und zum anderen werden wenig qualifizierte Tätigkeiten von intelligenten Maschinenassistenten übernommen. Die Unternehmen und die Gesellschaft sind gefordert, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und die Menschen abzuholen und mitzunehmen. Qualifikation ist der entscheidende Faktor – Qualifikation der aktuellen Mitarbeiter aber auch der zukünftigen Generationen.

Bildquelle: Cenit

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