Verliert Deutschland den Anschluss?

Industrie 4.0 könnte zum Schlagwort verkümmern

Ohne Bündelung aller Kräfte droht Deutschland hinsichtlich der Industrie 4.0 den Anschluss zu verlieren, kommentiert Ralf Matthews, Deputy General Manager von Elco Deutschland.

Ralf Matthews, Elco Deutschland

Ralf Matthews, Elco Deutschland

Industrie 4.0 ist in aller Munde. Doch obwohl Deutschland als Geburtsort gilt, sind andere Nationen wesentlich weiter. Um wieder zur Weltspitze zu gehören, ist neben Visionen vor allem Teamarbeit gefragt. Ansonsten wird die industrielle Revolution zu einem Schlagwort verkümmern. Im Wochentakt erscheinen neue Studien, die das Potential von Industrie 4.0 betonen. Die Realität sieht jedoch so aus, dass hauptsächlich die großen Firmen in Deutschland an der digitalen Vernetzung arbeiten. Bei kleineren Unternehmen ist das Thema immer noch nicht angekommen.

Rund drei Viertel der Bevölkerung in Deutschland können mit dem Schlagwort Industrie 4.0 nichts anfangen. Bedenkt man, dass niemand Geringeres als die Bundeskanzlerin mit Industrie 4.0 die Zukunft unseres Industriestandortes verknüpft, muss man sich angesichts derartiger Zahlen ernsthafte Sorgen um den Standort Deutschland machen.

Nach energischem Start ist man derzeit dabei, die Umsetzung von Industrie 4.0 zu verschlafen. Es wurde ein Monsterauto entworfen, das nicht vom Fleck kommt. Wie schon beim Internet besteht deshalb die Gefahr, dass sich Deutschland riesige Chancen verbaut. Trotz einer ehemals guten Ausgangsposition sitzen heute nahezu alle Internet-Riesen wie Google und ­Facebook in den USA. Deutschland hat dem, bis auf SAP, nicht viel entgegenzusetzen.

Bei Industrie 4.0 und auch dem Internet of Things (IoT) haben allerdings auch die US-Amerikaner die Zügel ein wenig schleifen lassen. War Deutschlands Hauptkonkurrent im Jahr 2014 noch Amerika, hat China mit seinen unzähligen Patentanmeldungen 2016 beide Länder überholt.

Einer der Hauptgründe, warum Deutschland mit dem Monsterauto auf dem Standstreifen steht, ist, dass sich hinter dem einfachen Begriff Industrie 4.0 ein komplexes Thema verbirgt. Beispielsweise arbeitet quasi jeder Anbieter mit anderen Standards. Der Anwender kann mit den meisten Begriffen wie LoRa, NBIoT, 4G oder LTE derweil wenig anfangen und ist ratlos, auf welches Pferd er setzen und welches Produkt er sich kaufen soll.

Kooperationen im Bereich M2M sind bis dato nicht selten eine Ansammlung von Firmen, die gemeinsam Kunden suchen, sich jedoch schwertun, dem Kunden gemeinsam etwas zu liefern. Firmen wiederum holen sich nicht selten zunächst einen Mobilfunk-Provider ins Haus. In den meisten Fällen stellt sich jedoch schnell heraus, dass Konnektivität allein nicht der Schlüssel zum Erfolg ist, sondern vielmehr ein umfassendes Konzept benötigt wird. Und gerade hier tut man sich in Deutschland auf allen Seiten schwer. Statt der Parole „Einer für alle und alle für einen“ gilt im Bereich Industrie 4.0 oftmals der Slogan: „Jeder für sich, aber alle auf denselben Kunden.“ Diese Herangehensweise verwundert umso mehr, wenn man sie mit anderen Bereichen vergleicht. Wer beispielsweise ein Auto kauft, kauft das komplette Auto und nicht jede Komponente von einem anderen Hersteller, bis die Summe aller Teile eines Tages fahrtauglich ist.

Vielmehr gibt es einen Ansprechpartner und ein Endprodukt – und einen Kunden, der das Konzept versteht. Und so ist auch der Grund, wieso vernetzte Autos eines der am weitesten verbreiteten Beispiele für realisierte Industrie 4.0 ist, dass der Autobauer die entsprechende Komponente eingebaut hat und der Kunde sie ganz einfach mitgeliefert bekommt. Müsste der Kunde den Teil des Autos selbst kaufen, wäre der Erfolg signifikant geringer.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2017. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Generell besteht die große Gefahr, dass man in Deutschland mit Industrie 4.0 etwas entwickelt hat, mit dem andere das meiste Geld verdienen. Deshalb sollten die Verantwortlichen die Augen aufmachen. Und zwar schnell. Sie müssen ihre Hausaufgaben machen und deutlich mehr auf Teamwork setzen. Industrie 4.0 ist nicht nur ein Wort, sondern eine Revolution. Und die gewinnt man nur, wenn man alle Kräfte bündelt und sich gegenseitig vertraut.

Bildquelle: Elco

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok