Experimentieren erwünscht

Internet of Things erfolgreich umsetzen

Im Gespräch berichtet Robert Gögele, Geschäftsführer beim IT-Dienstleister ­Avanade Deutschland GmbH, über erfolgreiche Internet-of-Things-Implementierungen (IoT), maschinelles Lernen und die steigende Nachfrage nach Big-Data-Spezialisten.

  • IoT

    Die meisten Verantwortlichen wissen, dass sie sich mit dem Internet der Dinge, IoT, beschäftigen müssen.

  • Robert Gögele, Avanade Deutschland

    Robert Gögele, Avanade Deutschland

IT-DIRECTOR: Herr Gögele, inwieweit fragen Anwenderunternehmen derzeit gezielt Lösungen rund um das Internet der Dinge und Industrie 4.0 nach?
R. Gögele:
Zunächst muss man beide Begriffe differenzieren. Bei der vierten industriellen Revolution geht es vorrangig darum, moderne Technologien einzusetzen, um die Fertigung und Produktion an sich intelligenter, automatisierter sowie effizienter zu steuern. Darüber hinaus sollen die Verfügbarkeit und Auslastung der Werke gesteigert werden.

Über die Fertigungs- und Herstellungsprozesse hinaus kann man die Produkte selbst mit modernen Technologien versehen, womit das Internet der Dinge ins Spiel kommt. So statten immer mehr Unternehmen ihre Produkte mit Sensoren aus – z.B. die Haushaltsgeräte von Bosch und Miele oder die „Connected Cars“ verschiedener Automobilhersteller. Im Zuge dessen werden Produkte „intelligenter“ und direkt mit dem Internet verknüpft, sodass kontinuierlich Daten zum Aggregatszustand sowie der Nutzung gesammelt werden können. Auf Basis dieser Informationen entstehen neue Funktionen und Services für die Kunden, die wiederum Umsatztreiber für die Hersteller sein können.

IT-DIRECTOR: Was kurbelt die Umsätze an?
R. Gögele:
Immer mehr Kunden sind bereit, für „smarte“ Produkte mehr Geld auszugeben. Parallel dazu wird die Fernwartung und vorausschauende Wartung der Geräte einfacher, was höhere Verfügbarkeiten, schnellere Konfigurationen und längere Lebenszyklen ermöglicht.

IT-DIRECTOR: Haben hiesige Großunternehmen konkrete IoT-Budgets eingeplant?
R. Gögele:
Die meisten Verantwortlichen wissen, dass sie sich mit IoT beschäftigen müssen, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Von daher haben sie bereits Mitarbeiter damit beauftragt, das Thema innerhalb der eigenen Organisation voranzutreiben. Dabei bleibt zunächst ungewiss, inwieweit sich IoT-Implementierungen betriebswirtschaftlich rechnen. Denn wie gut neue IoT-fähige Produkte bzw. die damit verbundenen Services bei den Kunden ankommen, steht vor der eigentlichen Markteinführung noch in den Sternen.

IT-DIRECTOR: Über welche erfolgreichen IoT-Projekte können Sie berichten?
R. Gögele:
Auf Basis der Azure-Plattform hat beispielsweise Microsoft bei Thyssen Krupp ein erfolgreiches IoT-Projekt umgesetzt, in dessen Rahmen die Aufzüge an sich intelligenter und deren Wartung proaktiver wurden. Dabei hat man die Aufzüge mit zahlreichen Sensoren ausgestattet, die die vorausschauende Wartung, neudeutsch Predictive Maintenance, ermöglichen. Dies kann verhindern, dass Aufzüge ausfallen oder Unfälle passieren. Zudem werden über die vorausschauenden Wartungsprozesse hinaus auf Basis der ermittelten Sensordaten weitergehende Analysen erstellt, die z.B. einen energieeffizienten Aufzugsbetrieb ermöglichen.

IT-DIRECTOR: In welchen Branchen finden sich weitere IoT-Beispiele?
R. Gögele:
Zahlreiche Vorzeigeprojekte gibt es in der Agrarindustrie. Hier zählen John Deere und der hiesige Landmaschinenhersteller Claas zu den Vorreitern. Inzwischen sind die meisten Produkte dieser Hersteller IoT-fähig und können daher vollständig vernetzt betrieben werden. Auf diese Weise werden Ernteprozesse auf den Feldern optimal geplant und durchgeführt.

IT-DIRECTOR: Wer stößt die IoT-Projekte in den Unternehmen an – die IT-Verantwortlichen oder doch eher die Leiter der Produktentwicklung?
R. Gögele:
Das ist vom Unternehmen abhängig und es gibt keine definitive Regelung. Generell sollten sämtliche Entscheidungsträger an einem Strang ziehen, ansonsten kann es in IoT-Projekten auch schnell haken, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein Hersteller von Umstellweichen für Ölpipelines, mit denen sich die Rohre öffnen und schließen lassen, realisierte mit einem neuen Software-Programm deren Fernsteuerung. Allerdings wurde nicht bedacht, dass man aus Sicherheitsgründen jeder Weiche ein eigenes Passwort zuweisen sollte. Deshalb war zunächst jedes Stellwerk der 1.000 Kilometer langen Pipelines mit dem gleichen Passwort versehen, was sich nur manuell vor Ort umstellen ließ. Von daher mussten Mitarbeiter die Strecke per Hubschrauber abfliegen, um die Passwörter nachträglich vor Ort umzuändern, was mit enormem Aufwand und Kosten verbunden war.

Das Beispiel zeigt, dass IT-Abteilungen nicht aus dem Zusammenhang gerissen oder auf sich alleine gestellt neue Applikationen für IoT-Geräte schreiben sollten. Umgekehrt sollten aber auch die Entwickler von Industrieprodukten nicht eigenhändig Software-Codes ­schreiben. Beide Vorgehensweisen wären mit zu hohen Risiken verbunden und könnten schlimmstenfalls dazu führen, dass IoT-fähige Geräte weder stabil noch sicher funktionieren.

IT-DIRECTOR: Was raten Sie den Verantwortlichen?
R. Gögele:
Sie sollten auf ausgewiesene Spezialisten zurückgreifen. Hierfür können sie sich qualifizierte Software-Entwickler ins Haus holen oder mit spezialisierten Dienstleistungsunternehmen zusammenarbeiten. Desweiteren sollten sie zuerst eine stringente IoT-Strategie entwickeln und sich erst im nächsten Schritt mit konkreten Architekturfragen beschäftigen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Generell sollten die Anwenderfirmen eigene Kernkompetenzen etablieren und IoT-Vorhaben nicht komplett an externe Partner auslagern. An dieser Stelle helfen wir ihnen, Know-how aufzubauen, um IoT-Projekte steuern, Architekturen bewerten und die Integration mit vorhandenen IT-Systemen realisieren zu können. Als IT-Dienstleister mit jahrelanger IoT-Erfahrung können wir hinsichtlich der passenden Architekturen neu-tral beraten.

IT-DIRECTOR: Ein Blick auf die darunterliegenden Infrastrukturen: Welche Rolle spielt hierbei der nächste Mobilfunkstandard 5G?
R. Gögele:
Unserer Einschätzung nach sind die Infrastrukturen kaum entscheidend, da es sich bei den von den Sensoren übermittelten Informationen meist um Daten von geringer Größe handelt. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, aus den Unmengen an gesammelten Informationen die richtigen und vor allem nutzbringenden Schlüsse zu ziehen.

IT-DIRECTOR: Spätestens an dieser Stelle kommen Big-Data-Analysewerkzeuge mit entsprechenden Algorithmen ins Spiel ...
R. Gögele:
Genau, wobei in diesem Zusammenhang das sogenannte maschinelle Lernen, neudeutsch Machine Learning, immer wichtiger wird. Im Zuge dessen können künstliche Systeme anhand von Mustern und Gesetzmäßigkeiten spezielle Lernprozesse aktivieren. Beispiele hierfür sind automatisierte Diagnoseverfahren oder die Erkennung von Kreditkartenbetrug. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Entwicklung hin zu autonomen Systemen sollten Anwenderunternehmen heutzutage eher nach Big-Data-Spezialisten suchen, die Algorithmen für Machine Learning erstellen, als nach Software-Entwicklern.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt der Datenschutz bei der Umsetzung der Projekte?
R. Gögele:
Die im Rahmen von IoT-Installationen mögliche Überwachung von Mitarbeitern wird häufig als Vorwand genutzt, solche Projekte erst gar nicht anzustoßen. Dies greift jedoch viel zu kurz, denn reine Maschinendaten und die persönlichen Daten der Mitarbeiter lassen sich problemlos voneinander trennen.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert das genau?
R. Gögele:
Als Beispiel dienen vernetzte Fahrzeuge: Speichern Automobilhersteller sämtliche Fahrzeugdaten in der Cloud, lässt sich jederzeit feststellen, auf welcher Route der Fahrer unterwegs ist. Dies käme jedoch einer unerlaubten Überwachung gleich, sodass man das Dilemma wie folgt gelöst hat: Die Hersteller speichern allein die Fahrzeugdaten in der Cloud, ohne einen Bezug zu den Fahrgestellnummern herzustellen, die jeweils den Inhabern zugeordnet sind. Auf diese Weise können die gesammelten Fahrzeuginformationen und die Schlüssel für sensible Personendaten getrennt vorgehalten werden. Darüber hinaus lässt sich in solchen Fällen auch mit der Anonymisierung bzw. Pseudonymisierung von sensiblen Daten arbeiten.

IT-DIRECTOR: Mit welchem Aufwand ist die IoT-Umsetzung verbunden?
R. Gögele:
Aus unserer Sicht kann ein Machbarkeitsnachweis für IoT-Lösungen innerhalb von zwei bis drei Monaten aufgesetzt und bewertet werden. Dies funktioniert so zügig, da man hinsichtlich der Architektur und der benötigten Komponenten auf standardisierte Lösungen aus der Cloud zurückgreifen kann. Demzufolge müssen die Unternehmen weder eigene Infrastrukturen aufsetzen noch spezielle Applikationen entwickeln. Von daher raten wir dazu, experimentierfreudig zu sein und IoT-Vorhaben einfach mal auszuprobieren.

IT-DIRECTOR: Wie sind hiesige Firmen im internationalen Vergleich aufgestellt?
R. Gögele:
Für IoT-Projekte in der Industrie sehen wir Chancen und Risiken: Viele Kunden warten derzeit auf vorgefertigte Business Cases. Dieses Zögern kann zum Nachteil werden, da andere Länder innovationsfreudiger agieren, sodass deutsche Unternehmen schnell ins Hintertreffen geraten. Zudem schiebt man hierzulande oftmals die mit der Cloud-Nutzung verbundenen Sicherheitsthemen vor, um sich IoT-seitig in Zurückhaltung zu üben. Nicht zuletzt existiert in vielen Unternehmen die Mentalität, alles selbst machen zu wollen. Wendet man dieses Prinzip jedoch auf IoT-Vorhaben an, werden diese sehr teuer und es verlängert sich die Time-to-Market neuer Produkte, sodass ausländische Hersteller auch hier die Nase vorn hätten.

Bildquelle "Internet of Things": Thinkstock/iStock

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