Netzpionier fordert radikales Umdenken

Ist das Internet noch zu retten?

Der britische Informatiker Tim Berners-Lee will mit einem internationalen Pakt das „Monster” zähmen, das er als Mitbegründer des Internets einst geschaffen hat. Ein ehrenwertes, aber auch reichlich naives Vorhaben.

Ein orangefarbenes Lankabel

Bloß nicht den Stecker ziehen: Vor allem große Konzerne haben nur wenig Interesse an neuen Visionen für das Internet.

Falschmeldungen, Mobbing, Manipulationen und Datenschutzmängel – die Liste der bedenklichen Entwicklungen im Netz ist inzwischen lang. Für diese Erkenntnis braucht man heutzutage nicht mal mehr in den sozialen Netzwerken aktiv sein. Ein Blick auf die einschlägigen Nachrichtenseiten reicht in der Regel. Ebenso zahlreich wie die Probleme sind mittlerweile auch die Ansätze, mit denen diesen Fehlentwicklungen begegnet werden soll: Bündnisse gegen manipulative Nachrichten, ein Netzwerkdurchsuchungsgesetz gegen den Hass und die DSGVO für mehr Sensibilität im Umgang mit persönlichen Daten.

Die Erfahrung zeigt, dass das Netz selbst durch dieses umfangreiche Instrumentarium nur schwer mit Recht und Ordnung in Einklang zu bringen ist. Die Annahme, dass sich all diese negativen Auswüchse mit einem freiwilligen Bündnis unter Kontrolle bringen lassen könnte, mutet da schon sehr leichtgläubig an. Doch genau das hat Tim Berners-Lee vor. Der Wissenschaftler gilt als Erfinder des Internets und hat in den frühen Neunzigerjahren am Forschungsinstitut CERN den Grundstein für moderne Netz gelegt.

Alles kaputt?

„Die Verbindung von Mensch und Technologie nimmt im Netz mittlerweile dystopische Züge an”, erzählte Berners-Lee dem „Guardian” am Montag im Rahmen der Web Summit Konferenz. Missbrauch, Vorurteile, Spaltung –  das Internet sei in vielerlei Hinsicht kaputt. Der Pionier stellte in Lissabon die Idee für einen globalen Vertrag vor, über den sich Konzerne, Regierungsbehörden und Bürger gemeinsamen Idealen und Regeln verpflichten. Dieses Abkommen solle ein Netz schaffen, das der Humanität, Wissenschaft und Demokratie diene. Als Basis sollen dabei neun zentrale Grundsätze greifen: Die Regierung müsse allen den Zugang zum Internet gewähren, das Netz dabei dauerhaft und Gänze erhalten sowie das Recht auf Privatsphäre respektieren. Konzerne sollen den Zugang zum Internet vor allem erschwinglich gestalten, Technologien entwickeln, die das Gute fördern und den Schutz von persönlichen Daten achten. Die Bürger sind dazu aufgerufen, das Netz aktiv mitzugestalten, starke und respektvolle Gemeinschaften zu gründen und für das Internet zu kämpfen.

Dezentralisierung für den Datenschutz

Der Schutz von persönlichen Daten nimmt in Berners-Lees Konzept eine besondere Rolle ein. Der Forscher blickt bereits seit geraumer Zeit besorgt auf das indiskrete gebaren der einschlägigen Großkonzerne und Monopolisten. Hier soll nicht nur eine freiwillige Verpflichtung zur mehr Sensibilität führen, sondern auch ein neues Konzept der Vernetzung: Solid. Das Projekt wird derzeit unter der Führung von Berners-Lees am MIT (Massachusetts Institute of Technology) entwickelt und soll durch eine konsequente Dezentralisierung vor allem der Privatsphäre im Netz zugute kommen.

So achtbar die Ambitionen hinter der Kampagne auch sein mögen – wirklich konkret muten die Ansätze des Querdenkers bisher nicht an. Sowohl die für eine Verpflichtung notwendigen Mechanismen auf politischer Ebene, als auch etwaige Anreize für Konzerne bleiben bis jetzt völlig unklar. Dass ausgerechnet Facebook und Google zu den prominenteren Unterstützern der „Magna Carta” zählen, macht die Idee mit Blick auf die jüngsten Datenskandale der Unternehmen auch nicht unbedingt greifbarer.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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