Blockchain in der Praxis

Jenseits des Hypes

Dr. Sebastian Hallensleben, Portfolio-Manager Digitalisierung und KI im VDE, im Interview über denkbare Anwendungsszenarien für die Blockchain-Technologie und praktische Stolpersteine bei der Umsetzung.

Jenseits des Hypes

„Ich sehe die vielversprechendsten Anwendungen dort, wo eine Blockchain die Funktion eines Notars oder Vertrauensankers spielt“, stellt Dr. Sebastian Hallensleben fest.

ITD: Herr Hallensleben, am Potenzial der Blockchain scheiden sich die Geister. Wieso polarisiert das Thema immer noch so?
Dr. Sebastian Hallensleben:
Spätestens die Veröffentlichung der Blockchain-Strategie der Bundesregierung zeigt einen inzwischen recht breiten Konsens zur grundsätzlichen Bedeutung der Technologie. Eine Polarisierung sehe ich nur noch bei radikalen Zukunftsvisionen für Blockchains, beispielsweise als Ablösung herkömmlicher Währungen oder für ein supranationales Identitätswesen.

ITD: Welche Mythen rund um die Blockchain halten sich am hartnäckigsten?
Hallensleben:
Dass es „die“ Blockchain gibt. In Wirklichkeit sehen wir einen ganzen Zoo von Blockchains, die sich beispielsweise durch den Konsensmechanismus oder die Zugangsvoraussetzungen unterscheiden. Die derzeit größten öffentlichen Blockchains – die ursprüngliche, die u.a. Bitcoin-Transaktionen festhält, sowie die Ethereum-Blockchain – sind nur die beiden bekanntesten Beispiele.

ITD: Viele Befürworter der Technologie suchen nach Szenarien, die über die bisherigen, eher speziellen Use Cases hinausgehen. Wann wird mit so einem breiten Anwendungsszenario zu rechnen sein und wie könnte dieses aussehen?
Hallensleben:
Ich sehe die vielversprechendsten Anwendungen dort, wo eine Blockchain die Funktion eines Notars oder Vertrauensankers spielt, insbesondere in Jurisdiktionen, in denen das Vertrauen in den Staat fehlt. Die entsprechenden Szenarien werden sich über alle Bereiche erstrecken – darunter Industrieproduktion, Energiewirtschaft, Börsenhandel, Verwaltung von Gesundheitsdaten, Grundbuchwesen oder Produktverifizierung.

ITD: Woran scheitern geschäftliche Blockchain-Projekte in der Praxis?Hallensleben: Am Mangel von Expertise zur realistischen Einschätzung von Projekten sowie am Hype um die Technologie. Eine Blockchain-basierte Lösung muss immer kritisch daraufhin hinterfragt werden, ob sich mit bereits etablierten technischen Mitteln nicht gleiche oder sogar bessere und günstigere Ergebnisse erzielen lassen.

ITD: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg entsprechender Projekte?
Hallensleben:
Ein substanzieller, hypefrei beschreibbarer Vorteil des Einsatzes einer Blockchain. Gewissermaßen die Formulierung des USP einer Blockchain im angestrebten Anwendungsszenario.

ITD: Wie sieht der Markt für qualifizierte Fachkräfte auf dem Gebiet aus?
Hallensleben:
Wie auch für viele andere digitale Technologien fehlen Fachkräfte. Es kommt erschwerend dazu, dass die Qualität der Blockchain-Expertise eines Bewerbers oder Freelancers für ein Unternehmen nur schwer einzuschätzen ist. Umgekehrt müssen sich Unternehmen auch kritisch fragen, was sie zu einem attraktiven Wirkungsort für einen Blockchain-Spezialisten macht.

ITD: Welche Monetarisierungsmöglichkeiten bieten sich Betreibern von öffentlichen und privaten Blockchains?
Hallensleben:
Eine Blockchain hat viele Betreiber, nämlich all die Personen oder Institutionen, die einen der Knoten bereitstellen. Abgesehen vom Spezialfall des „Minings“ von Kryptowährungen werden sich für die Finanzierung des Betriebs von Knoten ähnlich vielfältige Modelle herausbilden wie für andere Server und Schaltstellen, die die bisherige Internetinfrastruktur tragen.

ITD: Welche Rolle spielt „Blockchain as a Service” für die Zukunft und Akzeptanz der Technologie?
Hallensleben:
Eine Kapselung technischer Komplexität ist insbesondere für Mittelständler attraktiv. Daher werden „As-a-service“-Angebote eine wichtige Rolle spielen.

Bildquelle: VDE

 

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