Automatisierung und Robotik

Jetzt ist die richtige Zeit

Im Interview erklärt Mladen Milicevic, Mitbegründer des Start-ups Unchained Robotics, wie Roboter und Mensch bereits heute Seite an Seite arbeiten und wie gerade Cobots den Fachkräftemangel abfedern können.

Mladen Milicevic, Unchained Robotics

Mladen Milicevic ist einer der Mitbegründer von Unchained Robotics.

ITD: Herr Milicevic, ie kam es zur Gründung Ihres Start-ups und welche Hintergründe hat Ihr Unternehmen?
Mladen Milicevic:
Seitdem ich 2018 zurück aus China kam, habe ich mich gefragt wie deutsche Unternehmen die Automatisierung angehen und mit welcher Geschwindigkeit. Damals haben meine Kollegen Anton Veynshter und Kevin Freise schon praxisnah in der Forschung an Bildverarbeitungssystemen und Steuerung von Robotern gearbeitet. Wir haben gesehen, dass es einfache, flexible und vollautomatische Lösungen geben muss, um dem Mittelstand in Deutschland zu helfen. Viele regionale Unternehmen haben Interesse gezeigt und so haben wir Schritt für Schritt Unachained Robotics entwickelt. Wir sind nun ein Lösungsanbieter für flexible Prozesse in der Logistik und Elektrotechnik und helfen Unternehmen effizient und kostensparend Ihre Prozesse zu automatisieren. Dabei spielt Künstliche Intelligenz (KI) in der Bildverarbeitung eine besondere Rolle bei uns.

ITD: Auch anno 2020 haben viele Menschen beim Thema Robotik noch keine klare Vorstellung und denken eher an C-3PO denn an kartesische Robotersysteme. Können Sie ein paar Beispiele dafür geben, welche Arten von industriellen Robotern es gibt?
Milicevic:
Grundsätzlich werden im industriellen Umfeld zwei grundlegende Arten von Robotern eingesetzt: Klassische Industrieroboter und neue kollaborative Roboter. Die klassischen Industrieroboter sind bereits aus dem Fernsehen oder vielen Bildern im Internet bekannt. In der Regel sind diese Roboter sehr groß und haben hohe Traglasten. Auf Messen wir dann z.B. gezeigt, wie ein riesiger sechachsiger Roboter ein Auto heben kann.

Im Gegenzug zeigen die kollaborativen Roboter sehr feine Anwendungen, sind häufig kleiner als 1,5m und können mit dem Menschen zusammenarbeiten. Die kollaborativen Roboter (auch Cobots) zeichnen sich durch eine Vielzahl an Sensorik aus, die ihn dann besonders sensitiv auf Berührungen macht. Bei Kollision mit einem Menschen werden so Verletzungen verhindert. Durch die neue Art von Leichtbaurobotern rückt so die Mensch-Roboter-Kollaboration in den Fokus. Derzeit sind aber Anwendungen weit verbreitet, die Menschen monotone Tätigkeiten abnehmen, wie beispielsweise das Palettieren von Kartons im Endversand. Die Tätigkeiten sind eher Seite an Seite statt Hand in Hand. Das liegt an den noch bestehenden Grenzen der Sensorik und Software, um sicher mit Menschen zu interagieren.

ITD: Wo können solche Cobots zum Einsatz kommen?
Milicevic:
Wie bereits beschrieben, zeichnen sich Cobots hauptsächlich durch Ihre Leichtbauweise, Sensorik und Größe aus. Cobots können in der Regel 10kg tragen, wobei es auch Versionen gibt, die eine höhere oder kleinere Traglast mitbringen. Aufgrund der filigranen Art und Bauweise eigenen sich Cobots für folgende Branchen

  • Maschinenbau (Montage / Pick & Place, Machine Tending)
  • Pharma (Labortätigkeiten)
  • Elektrotechnik (Montage / Pick & Place)
  • Consumer Goods (Pick & Place / Sortierung)
  • Print (Sortierung, Palettierung)

Bei allen genannten Anwendungen kann man mit einfacher Programmierung tausendfache Wiederholungen schnell und effizient automatisieren. Der Mittelstand in Deutschland steht jedoch auch häufig vor der Herausforderung, in Fertigungsmengen von 50-500 effizient Roboter einzusetzen. Dort werden dann Cobots durch Bildverarbeitungssysteme ergänzt. Kameras und Software agieren dann wie die Augen des Roboterarms.

ITD: Was entgegnen Sie Kunden, die befürchten, die Einführung einer Robotiklösung sei extrem aufwendig, langwierig und kostenintensiv?
Milicevic:
In der Vergangenheit wurden viele Automatisierungslösungen für den Kunden maßgeschneidert entwickelt. Der Aufwand und das Know-how in solchen Projekten ist enorm. Mittlerweile entstehen viele Standardanwendungen und Softwarelösungen, die es nun schneller und einfacher machen, die Lösungen zu entwickeln und zu implementieren. Unsere Bildverarbeitungssoftware in der Logistik arbeitet nach dem „Plug and Play“-Prinzip. Wenn alle Prozesse abgestimmt sind, kann innerhalb weniger Tage das System implementiert werden. Der Einsatz von KI erfordert eine kurze „Trainingsphase“, jedoch kann nach wenigen Stunden das System so vorbereitet sein, dass es mit jeglichen Abweichungen und Produktwechseln klarkommt.

Die Geschwindigkeiten zur Implementierung werden enorm besser. Es ist gerade die richtige Zeit sich mit der Automatisierung zu beschäftigen und sich einen Partner an die Seite zu holen, der die Technologie beherrscht und kompetent beraten kann. 

ITD: Gerade in der Industrie und Fertigung fürchten viele Mitarbeiter, durch die zunehmende Automatisierung ihren Job zu verlieren und hegen daher Aversionen gegen Roboter. Was setzen sie diesen entgegen?
Milicevic:
Die Unternehmen, mit denen wir arbeiten, suchen Automatisierungslösungen, um die Mitarbeiter zu entlasten. In Zeiten des Fachkräftemangels werden viele Menschen für die Fertigung gesucht. Eher sollte man sich darauf einstellen flexibler zu werden. Dies betrifft alle Menschen in der Arbeitswelt. Aus Erfahrung weiß ich, dass der Roboter heute noch nicht alles kann. Wo die Software viel schafft, fehlt es noch an Mechanik und Sensorik. Die Welt der Fertigung wird sich in den kommenden Jahren massiv verändern. Der Trend zur Individualisierung stellt die Automatisierung immer wieder vor neue Herausforderungen. Es wird daher in der modernen Fertigung zwangsläufig eine Kooperation und Kombination aus Menschen und Maschinen geben.

ITD: Wie können Unternehmen die Akzeptanz der Robotiklösung innerhalb der Belegschaft frühzeitig steigern?
Milicevic:
Es sollte frühzeitig aufgezeigt werden, welchen Plan das Unternehmen verfolgt. Wer seine Belegschaft frühzeitig einbindet, kann wertvolle Tipps für die Umsetzung erhalten. Eine offene Kommunikation kann den Mitarbeitern zeigen, dass sie Möglichkeiten haben sich im Unternehmen weiterzuentwickeln, neue Aufgaben zu übernehmen und Vertrauen zu erhalten. Wir erleben bei sehr transparenten Unternehmen, dass die Mitarbeiter aus der Fertigung eigene Vorschläge zur Automatisierung einreichen, weil es Aufgaben gibt, die man auch einfach nicht gerne macht und Hilfe gerne annimmt.

ITD: Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch die Frage laut, was KI dürfen soll – spielen derlei ethische Fragen auch im Zusammenhang mit Industrierobotern eine Rolle?
Milicevic:
In der Diskussion geht es aus unserer Sicht um eine ganzheitliche KI-Anwendung, wie etwa die Assistenzsysteme von Google und Amazon. Ähnlich wie Bosch es nun zuletzt als Statement herausgegeben hat, denken wir, dass der Mensch als Kontrollinstanz für KI agieren soll. Wir glauben ganz fest daran, dass Technologie dafür da ist, das Leben der Menschen zu verbessern. Den direkten Nutzen sieht man erst, wenn man unmittelbar betroffen ist. Wie zum Beispiel bei medizinischen Geräten, die bei der Heilung helfen. KI und andere technische Entwicklungen können dazu beitragen, dass wir in Summe Verbesserungen für den Menschen und die Menschheit generieren. Am Ende des Tages müssen wir aber alle wissen, was wirklich besser ist und was nicht. Dafür dient der Mensch als Kontrollinstanz für jede Art von Technologie. Hier muss auch eine Diskussion weiter vorangetrieben werden, um die richtigen Entscheidungen in der Gesamtheit zu treffen.

ITD: Unter dem Motto „AI Made in Germany“ hat im November 2018 die Bundesregierung ihre KI-Strategie vorgestellt. Wie bewerten Sie diese und bemerken Sie selbst als KI-Start-up schon konkret etwas von der Umsetzung jener Strategie?
Milicevic:
Wir finden die Initiative der Bundesregierung einen richtigen und wichtigen Schritt. Bisher haben wir noch nicht viele Kontaktpunkte mit dem Programm gehabt und können daher die Umsetzung nicht bewerten.

ITD: Welches sind die nächsten Schritte, die Sie mit Ihrem Unternehmen gehen möchten?
Milicevic:
Wir konnten unseren Marktstart letztes Jahr mit einer Logistikanwendung feiern und entwickeln gerade die nächsten Produkte. Für uns steht dieses Jahr im Zeichen der Entwicklung. Einerseits technisch mit der Weiterentwicklung neuer Produkte, andererseits mit Partnern, die mit uns ihre Anwendungen automatisieren. Wir wollen viele Erfahrungen sammeln, viel mit den unterschiedlichsten Unternehmen sprechen und herausfinden, wie unsere Software noch mehr dabei helfen kann Prozesse flexibel zu automatisieren. Zum Ende des Jahres werden wir so viele Eindrücke in die Software einfließen lassen, dass wir dafür gerüstet sind, innerhalb von wenigen Tagen die unterschiedlichsten Prozesse zu automatisieren.

Von welcher technologischen Entwicklung könnte der nächste große Schub für den Einsatz von Robotern im gewerblichen Umfeld aus gehen?
Milicevic:
5G wird große Auswirkungen auf die Steuerung von Robotern haben. Der enorme Zuwachs an Möglichkeiten durch das schnelle versenden großer Datenmengen und einer geringen Latenz führt dazu, dass Roboter in Echtzeit aus New York in Berlin per Hand gesteuert werden. Andererseits können Bildverarbeitungsinformationen in der Cloud in Highspeed berechnet werden. Das erhöht die Möglichkeiten der Bildverarbeitung nochmal um ein Vielfaches.

Bildquelle: Unchained Robotics

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok