Verbraucherpreise: Deutschland ist Schlusslicht

Kabelbasiertes und mobiles Breitband

Im Interview betont Wolfgang Heer, Geschäftsführer des Bundesverband Glasfaseranschluss e.V. (Buglas), dass bei den Verbraucherpreisen für schnelles Internet Deutschland im EU-Vergleich zu den Schlusslichtern gehört. Gleichzeitig steige die Verfügbarkeit kabelbasierter und mobiler Breitbandnetze stetig weiter an, was die Möglichkeiten der Nutzung und zur Teilhabe weiter erhöhe.

Wolfgang Heer, Buglas

„Wir halten ein Zwei-Klassen-Netz für unwahrscheinlich“, meint Buglas-Geschäftsführer Wolfgang Heer.

IT-DIRECTOR: Herr Heer, im Oktober 2015 hat das EU-Parlament nach längeren Verhandlungen das so genannte „EU-Telekom-Paket“ verabschiedet. Die Gemüter sind gespalten. Wer sind Ihrer Ansicht nach die Gewinner, wer die Verlierer des Beschlusses?
W. Heer:
Das DSM-Paket (Digital Single Market) zielt darauf ab, einen Ausgleich zwischen berechtigten Verbraucherinteressen einerseits und den Anforderungen der Telekommunikationsunternehmen andererseits (z.B. Verkehrsmanagement zur Optimierung der Übermittlungsqualität, was schlussendlich auch dem Verbraucher dient) zu schaffen. Es obliegt nun dem Bord der europäischen Regulierungsbehörden (Berec, Board of European Regulators for Electronic Communications), entsprechende Leitlinien für die Umsetzung der EU-Verordnung in den EU-Mitgliedsstaaten zu erarbeiten. Dieser Prozess wird nach den uns vorliegenden Informationen bis Sommer dieses Jahres dauern. Wie diese Leitlinien schlussendlich aussehen und wie sich die dann vorgesehenen Regelungen auswirken, lässt sich Stand heute nicht absehen.

IT-DIRECTOR: Das neue Gesetz verpflichtet die Anbieter von Internetzugangsdiensten, den gesamten Verkehr bei der Erbringung solcher Dienstleistungen gleich zu behandeln, ohne Diskriminierung, Beschränkung oder Störung sowie unabhängig von Sender/Empfänger und den jeweiligen Inhalten. Doch was geschieht z.B. bei einer Netzüberlastung? Nach welchen Regeln werden welche Dienste bevorzugt behandelt?
W. Heer:
Die im Bundesverband Glasfaseranschluss Buglas organisierten Unternehmen bauen die nach einhelliger Meinung aller Experten einzig zukunftssicheren Telekommunikationsnetze auf und aus. Bei diesen reicht die Glasfaser, über die die Daten ohne Dämpfungs- und andere technisch bedingte Verluste in Lichtgeschwindigkeit übertragen werden, bis mindestens ins Gebäude, häufig sogar direkt bis in die Wohnung (FttB/H, Fiber to the Building/Home). Diese Netze ermöglichen bereits heute Übertragungsgeschwindigkeiten bis in den „Gigabit pro Sekunde“-Bereich und haben zudem enorme Leistungsreserven. In diesen FttB/H-Netzen treten Netzüberlastungen nicht auf, so dass sich dieses Problem hier nicht stellen dürfte.

Unabhängig davon sei aber an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es durchaus sinnvoll ist, Daten bei der Übermittlung unterschiedlich zu behandeln. Während es beispielsweise bei der Übermittlung einer E-Mail für den Nutzer kaum bemerkbar ist, wenn die Datenpakete beim Empfang mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung wieder zusammengesetzt werden, würden Dienste wie Video-Streaming beeinträchtigt oder wie Sprachübermittlung sogar weitgehend unbrauchbar. Insofern ist eine unterschiedliche Behandlung verschiedener Diensteklassen sogar notwendig, um die reibungslose Nutzbarkeit aller Dienste zu gewährleisten.

Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es dabei nicht um die Kontrolle von Dateninhalten geht, sondern rein technisch um die optimale Zustellung der Datenpakete. Innerhalb der einzelnen Diensteklassen gilt das „Best Effort“-Prinzip, eine unterschiedliche Behandlung verschiedener Nutzer findet nicht statt. Dieses Verkehrsmanagement kommt schlussendlich also auch dem Nutzer zugute.

IT-DIRECTOR: Wer entscheidet über diese „Verkehrsmanagement-Maßnahmen“?
W. Heer:
Zunächst einmal managen die Netzbetreiber die Datenverkehre selbst im Rahmen des Betriebs ihrer Netze. Gemäß der EU-Vorgaben sollen künftig die nationalen Regulierer das letzte Wort haben. Diese können dabei auch Mindestqualitäten definieren. Hier wird es dann gelten, einen ausgewogenen Mittelweg zwischen Planungssicherheit auf der einen und hinreichend Raum für künftige Innovationen auf der anderen Seite zu finden. Die konkrete Ausgestaltung bleibt aber abzuwarten.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Spezialdienste“: Der Text sieht vor, dass TK-Unternehmen „Spezialdienste“ anbieten dürfen – ausgelagert auf „bezahlten Überholspuren“. Warum braucht es überhaupt Spezialdienste im Netz? Und was könnten solche Spezialdienste konkret sein?
W. Heer:
Spezialdienste werden sicherlich in hohem Maße solche Dienste sein, die auf die Verfügbarkeit von Echtzeitdaten angewiesen sind. Häufig diskutierte Beispiele sind in diesem Zusammenhang etwa Anwendungen der Telemedizin, Dienste zur Steuerung kritischer Infrastrukturen wie etwa der Energienetze oder auch das autonome Fahren. Hier leuchtet unmittelbar ein, dass diese nur dann ihren Nutzen entfalten, wenn sie unabhängig von der sonstigen Netzauslastung höchstperformant zur Verfügung stehen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ist die Privilegierung von Daten im Internet mit der Netzneutralität vereinbar? Beißt sich das nicht?
W. Heer:
Aus unserer Sicht sind die Privilegierung bestimmter Daten und die Netzneutralität vor dem Hintergrund der genannten Erwägungen kein Widerspruch. Innerhalb der aufgeführten Diensteklassen findet keine Ungleichbehandlung statt, die eventuelle, von der jeweiligen Netzauslastung beeinflusste Ungleichbehandlung der Diensteklassen selbst ist technischen Erwägungen geschuldet, die dem Verbraucher aber die bestmögliche Nutzbarkeit verschiedener Dienste gewährleistet.

IT-DIRECTOR: Und welche Folgen hätte das Angebot an Spezialdiensten konkret für kleinere Internetdienstleister/Hoster/Start-ups mit geringen Budgets oder auch beispielsweise Video-/Webkonferenzanbieter?
W. Heer:
Aufgrund der Leistungsfähigkeit der FttB/H-Netze unserer Mitgliedsunternehmen gehen wir davon aus, dass es darin durch das Angebot von Spezialdiensten nicht zu Engpässen für Dritte kommt. Vielmehr vertreten wir die Ansicht, dass gerade in diesen hochmodernen und nachhaltigen Glasfasernetzen die besten Voraussetzungen dafür bestehen, wichtige neue Dienste zu entwickeln, die einen hohen Nutzen für die Verbraucher entfalten. Und unsere Mitgliedsunternehmen sind gerne bereit, neue Anwendungen auf ihre Netze zu holen. Schließlich wird auch damit die Leistungsfähigkeit „echter“ Glasfasernetze eindrucksvoll belegt.

IT-DIRECTOR: Wie könnten spezifische Regeln für jene Spezialdienste aussehen?
W. Heer:
Das ist eine gleichermaßen gute wie kaum zu beantwortende Frage. Die erwähnten Beispiele für Spezialdienste sind noch in der Entwicklung, insofern bleibt abzuwarten, welche technischen Anforderungen sich daraus ergeben. Und ganz sicher werden in den kommenden Jahren ganz neue Dienste entwickelt werden, von denen wir heute noch nichts wissen. Vor diesem Hintergrund sollten Regeln für Spezialdienste in jedem Fall so allgemein gehalten werden, dass Innovationen nicht an gesetzgeberischen oder regulatorischen Vorgaben scheitern, die zu einer Zeit erlassen wurden, als diese Innovationen noch nicht absehbar waren.

IT-DIRECTOR: Für wie wahrscheinlich halten Sie ein „Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür“?
W. Heer:
Wir halten ein „Zwei-Klassen-Netz“ für unwahrscheinlich. Der deutsche Breitbandmarkt ist von einer Vielzahl von Anbietern geprägt, deren intensiver Wettbewerb für den Verbraucher zu einem stetigen Anstieg der Konsumentenrente geführt hat. Bei den Verbraucherpreisen für schnelles Internet gehört Deutschland im EU-Vergleich zu den Schlusslichtern. Gleichzeitig steigt die Verfügbarkeit kabelbasierter und mobiler Breitbandnetze stetig weiter an, was die Möglichkeiten der Nutzung und zur Teilhabe weiter erhöht. Dabei bringt der Ausbau der Netze im Wettbewerb die Glasfaser immer weiter bis zum Nutzer. Und gerade die Glasfaser ist es, die die heute in kupferbasierten Netzen vorhandenen technischen Einschränkungen immer weiter zurückführen wird.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sind letztlich die Endnutzer vom EU-Telekom-Paket betroffen?
W. Heer:
Die Endnutzer werden je nach Ausgestaltung der Leitlinien für die Umsetzung der EU-Vorgaben vom Telekom-Paket profitieren. Über Maßnahmen des Verkehrsmanagements werden sie eine möglichst gleichbleibende Qualität der Breitbandversorgung und eine bestmögliche Nutzbarkeit der verschiedenen Dienste erhalten. Und sie werden sicherlich ihren Nutzen aus von bereits in der Entwicklung befindlichen und heute noch nicht absehbaren neuen Diensten ziehen können.

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