Standortstrategie für das Rechenzentrum

Kampf um die Datenhoheit

Thomas Sting, Mitgründer und Geschäftsführer der Deutsche Rechenzentren GmbH (DeRZ), erklärt im Interview, wieso nicht der Platzmangel das primäre Problem der Rechenzentrumsdienstleister ist, sondern die gegenwärtige Energiepolitik.

Thomas Sting, Deutsche Rechenzentren GmbH (DeRZ)

Thomas Sting sieht einen klaren Trend zur Verlagerung der zukünftigen Dienstleistungsrechenzentren in die Speckgürtel der Metropolen.

ITD: Herr Sting, aktuell wird in der Branche vielerorts gebaut und erweitert. Was treibt diese Flächenexpansionen an?
Thomas Sting: Die stetig voranschreitende digitale Transformation führt zu enormem Datenwachstum. Aktuelle Analysen gehen davon aus, dass sich der IP-Datenverkehr bis 2023 auf ca. 5 Zettabyte erhöhen wird. Bezogen auf die Weltbevölkerung sind das 50 Gigabyte pro Person und Monat. Für die Verarbeitung dieser Datenmengen sind nach dem gegenwärtigen Stand der Technik weltweit 50 Millionen physikalische Server notwendig. Während in vielen Unternehmen noch um die richtige Strategie bei der Nutzung von Cloud-Dienstleistungen und die damit verbundene Verlagerung von Applikationen in Dienstleistungsrechenzentren gerungen wird, ist der Trend bei den privaten Nutzern eindeutig. Vor allem die Anbieter von Handelsplattformen und Internetdiensten waren in den vergangenen Jahren die Treiber für den rasanten Anstieg von Colocation-Flächen und entsprechende Dienstleistungen. Das weltweite Marktvolumen hat sich von 2015 bis heute auf über 50 Mrd. Dollar mehr als verdoppelt. Und wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die durch technische Innovationen möglich wird. Die Auswirkungen neuer Anwendungen, z.B. aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

ITD: Die Baufläche wird knapper, vor allem in den gefragten Metropolregionen – wie lässt sich die wachsende Nachfrage auch zukünftig sichern?
Sting: Die Grundsatzfrage lautet doch, warum unbedingt in den Metropolregionen gebaut werden muss. Rein betriebswirtschaftlich spricht fast alles dagegen. Die hier fälligen Kosten für Bauland oder Mieten für Flächen in geeigneten Gebäuden gehen erheblich zu Lasten der Margen. Auch die Zurverfügungstellung der benötigten, immer größer werdenden Energie-mengen wird in vielen Metropolen zum Problem. Wir sehen einen klaren Trend zur Verlagerung der zukünftigen Dienstleistungsrechenzentren in die Speckgürtel der Metropolen oder direkt in starke mittelständische Wirtschaftsregionen. Die technologische Entwicklung er-laubt die Verlagerung hin zu den Nutzern. Dies minimiert zudem die Latenzzeiten und die Kosten der Datenübertragung. Voraussetzung ist aber ein flächendeckendes Hochleistungs-datennetz!

ITD: Die Standorte für Rechenzentren werden aufgrund des Platzmangels immer kreativer – man denke an Anlagen in Minen, unter Wasser oder in Windkraftwerken. Wie können solche alternativen Konzepte zur Lösung der Problematik beitragen?
Sting: Der Platzmangel ist eigentlich nicht das Problem, insbesondere bei einer Verlagerung der Rechenzentren in die Peripherie. Der wesentliche Punkt ist vielmehr die mögliche Nutzung von günstigen Energiequellen wie Sonne, Wind- oder Wasserkraft. Deutschland hat aufgrund der gegenwärtigen Energiepolitik und den damit verbundenen im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähigen Energiekosten einen enormen IT-Standortnachteil und das in Zeiten, wo der weltweite Kampf um die Datenhoheit in vollem Gang ist. Die nordischen Länder erzeugen z.B. nicht nur wesentlich günstiger Energie, sondern fördern die Verlagerung von Rechenzentren in ihr Hoheitsgebiet mit hohen Subventionen. Die deutsche Politik muss hier schnell reagieren, wenn man nicht auch in diesem Kontext den Anschluss verlieren will.

Ein Schlüsselkonzept für Deutschland könnte daher die Förderung von Verbindungen von Standorten für die Erzeugung regenerativer Energien mit denen von neuen Dienstleistungsrechenzentren sein, die dann ein stabiler Abnehmer und Kostenträger werden, aber im Gegenzug von den EEG-Umlagen befreit werden sollten!

ITD: RZ-Betreiber bieten heutzutage neben klassischen Dienstleistungen wie Colocation viele ergänzende Services und Produkte rund um Cloud, PaaS/SaaS oder Sicherheit an. Welche Rolle spielen diese Angebote bei der strategischen Ausrichtung?
Sting: Im Grunde geht es immer um Differenzierungsansätze und Alleinstellungsmerkmale im Leistungsportfolio. Je breiter diese aufgestellt sind, desto geringer wird der Preisdruck bei den klassischen Dienstleistungen. Zudem steigen die Margen mit zunehmendem Servicelevel.

ITD: Welche Zusatzleistungen sind bei den RZ-Kunden besonders gefragt?
Sting: Zunächst einmal alle Dienstleistungen, die durch eigenes Personal nicht in der benötigten fachlichen Qualität erbracht werden können. Beispielhaft seien hier Sicherheitsapplikationen genannt wie z.B. das optimale Sicherheitsmanagement der Schnittstellen in einem hybriden Cloud-Modell. Weiterhin verlagern Rechenzentrumskunden gerne Leistungen, die sie selber nur ineffizient erbringen können, z.B. mit Personal, das ohne die Nutzbarkeit von Skaleneffekten chronisch unausgelastet ist.

ITD: Welche Gründe sprechen dafür, bei einem Colocation-Partner auch weitere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen?
Sting: Wie oben bereits beschrieben vor allem fehlendes fachliches Know-How des eigenen Personals oder deutliche Kostenreduzierungspotentiale. Gerade der letztere Aspekt ist oft kurzfristig verführerisch, führt aber mittel- und langfristig zu einem weiteren Verlust von Know-how!

ITD: In welche Richtungen könnte sich die RZ-Branche in Zukunft weiter öffnen, wenn es um die Erschließung von zusätzlichen Angeboten und Dienstleistungen geht?
Sting: Gerade in Deutschland ist der Mittelstand ein ganz besonders wichtiger Marktfaktor. Dieser wird aber oft durch viel zu allgemeine oder intransparente Preis- und Leistungsangebote abgeschreckt. Wenn diese potentiellen Kundenkreise richtig angesprochen werden sollen, müssen sich die Rechenzentrumsdienstleister viel mehr mit deren tatsächlichen Anforderungen beschäftigen. Vorteilhaft sind Unterstützungen bei der IST-Analyse und der langfristigen Strategieberatung, um dann anschließend wirklich passende Dienstleistungspakete anbieten zu können. Die Verbesserung der Wertschöpfung der Kunden muss im Mittepunkt stehen und nicht vordergründig die Margen der Dienstleister.

Bildquelle: DeRZ

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