Datensichtung nach Übernahmen

Kartellrechtliche Compliance mit Post-Merger-Investigation

Bei einem Unternehmenserwerb liegen Euphorie und Enttäuschung meist nah beieinander – etwa wenn Altverstöße des erworbenen Unternehmens nach Vollzug der Transaktion ans Licht kommen. Damit es gar nicht erst zu hohen wirtschaftlichen Verlusten kommt, bedarf es einer schnellen IT-gestützten Datensichtung.

Während sich bei M&A-Transaktionen ein standardisiertes Verfahren für die Prozessschritte bis zum Closing eingebürgert hat, muss die Post-M&A-Phase erst noch diesen Status erreichen. Laut der aktuellen Studie zu Post-M&A-Streitigkeiten von Alvarez & Marsal und Baker & McKenzie findet ein systematischer Vergleich des Soll- und Ist-Zustands des neuen Unternehmens in der Realität so gut wie nie statt.

Dabei gibt es gute Gründe, die interne Datenlage auf den Prüfstand zu stellen. Die Erhebungen kalkulieren, dass Gerichtsverfahren in Post-Merger-Streitigkeiten um 76 Prozent ansteigen werden. Diese Zahl geht einher mit der zunehmenden Entschlossenheit der Unternehmen, Post-Merger-Ansprüche geltend zu machen.

E-Discovery für Post-Merger-Investigation

„Vielen Unternehmen ist nicht bewusst, dass sie bei einer M&A-Transaktion ein hohes Risiko eingehen, die Katze im Sack zu kaufen. Ein Unternehmen kann nicht nur für eigenverantwortliches kartellrechtswidriges Verhalten belangt werden, sondern haftet ebenso für Altverstöße des neu erworbenen Unternehmens“, so Dr. Nils Gildhoff, Leiter der Kartellrechtspraxis der in Hamburg ansässigen Kanzlei Happ Luther. „Mögliche Ansprüche gegenüber dem Verkäufer werden oft erst entdeckt, wenn es schon zu spät ist – etwa wenn ein kartellrechtlicher Verstoß durch das Bundeskartellamt aufgedeckt wird und das Unternehmen plötzlich am Pranger steht.“

Wettbewerbsdelikte gehören laut Ergebnissen einer PwC-Studie mit 32 Prozent zu den zweithäufigsten Ordnungswidrigkeiten in deutschen Unternehmen. Die Studie ergab außerdem, dass diese mit durchschnittlich 20,08 Mio. Euro Schaden je Unternehmen, den höchsten finanziellen Schaden anrichten können. In größeren Skandalen, wie dem Bierkartell oder dem Schienenkartell, wurden sogar Bußgelder im dreistelligen Millionenbereich fällig. Der Reputationsschaden, der aus dem Verfahren resultiert, kann oft nicht mehr ausgeglichen werden.

Allerdings zeigt die PwC-Studie, dass lediglich 29 Prozent der befragten Unternehmen kartellrechtliche Risiken mit ihrem Compliance-Programm bekämpfen. Neben Altlasten durch rechtliche Verstöße lösen nicht nachvollziehbare Kaufpreisbestandteile am häufigsten Streit aus. Dabei können Nachverhandlungen in der Tat zu Kaufpreisreduktionen in Millionenhöhe führen – aber eben nur dann, wenn ein Tatbestand einwandfrei nachgewiesen werden kann.

E-Discovery als Trumpf zur Beweissicherung

„Zur präventiven Absicherung gegen haftungsrechtliche Risiken empfehlen wir, das Zielunternehmen nicht nur vor dem Kauf zu prüfen (Due Diligence), sondern die Datensichtung nach dem Unternehmenserwerb im Rahmen einer Post-Merger-Investigation zeitnah fortzusetzen“, rät Dr. Gildhoff. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass zum Zeitpunkt einer Due Diligence nicht alle internen Daten zur Verfügung stehen – erst nach der M&A-Transaktion hat der Käufer das Recht auf einen uneingeschränkten Zugriff. Selbst dann können solche Haftungsrisiken in der Regel nicht mit bloßem Auge erkannt werden, zumal Kartellrechtverstöße, Betrug und Manipulation oftmals professionell vertuscht werden. Hinzu kommt, dass den meisten Unternehmen die Ressourcen und Expertise fehlen, um manuelle Prüfungen in die Wege zu leiten und erfolgreich abzuschließen.

Durch den Einsatz intelligenter E-Discovery-Lösungen können sowohl versteckte Risiken erkannt als auch Beweise für mögliche Auseinandersetzungen mit dem Verkäufer oder Kooperationen mit den Kartell- bzw. Strafverfolgungsbehörden sichergestellt werden. „Den horrenden Strafsummen stehen E-Discovery-Technologien gegenüber, die mit einer vergleichsweise verträglichen Investitionssumme im fünf bis sechsstelligen Bereich Licht ins Dunkel bringen und sowohl den wirtschaftlichen wie den Imageschaden entschärfen können“, erklärt Hartwig Laute, Geschäftsführer des E-Discovery-Anbieters Recommind.

Was vorher monatelanges, händisches Durchsuchen von Akten und Daten erforderte und eine große Belastung für die Mitarbeiter bedeutete, kann mit dem Tool in einem Bruchteil der Zeit erledigt werden. „Durch die Einsparung von Ressourcen bleiben zum einen die Mitarbeiter im Unternehmen arbeitsfähig, zum anderen wird die Arbeitszeit der Anwälte und somit die Kosten für die Untersuchung deutlich reduziert. Schließlich hat das Unternehmen bei Vorliegen belastender Beweise die Chance, rechtzeitig vertragliche Regressansprüche gegenüber dem Verkäufer geltend zu machen bzw. als Kronzeuge mit den Behörden zu kooperieren und so weiteren Schaden zu verhindern oder zu minimieren“, so Hartwig Laute.

Compliance-Maßnahmen integrieren

Unternehmen sämtlicher Branchen und Größen müssen Compliance-Maßnahmen in ihre Arbeitsabläufe integrieren und deren Umsetzung in allen risikobehafteten Bereichen durch dedizierte Verantwortliche schulen und überprüfen – auch mögliche Post-Merger-Phasen müssen hier abgebildet werden. Zu oft werden millionenschwere Schadensersatzforderungen fällig, selbst schon bei Nicht-Verhindern von rechtswidrigen Handlungen anderer oder Kenntnis über vertrauliche Informationen eines Wettbewerbers. Angesichts der sich verschärfenden und öffentlich debattierten Compliance-Anforderungen, wird immer mehr Unternehmen bewusst, dass sie ihre internen Prozesse und IT-Strukturen an die heutigen Anforderungen anpassen müssen – mithilfe moderner Technologien wie E-Discovery ist ein erster Schritt in Richtung Verantwortung und Compliance getan.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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