Nachgefragt bei Martin Winter, ISG

Kein großflächiger Trend

Interview mit Martin Winter, Principal Consultant bei der Information Services Group Germany GmbH

Martin Winter, ISG

„Man kann derzeit noch nicht von Insourcing als einem großflächigen Trend bei Großunternehmen sprechen“, bemerkt Martin Winter, Principal Consultant bei der ISG Germany GmbH.

IT-DIRECTOR: Herr Winter, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse der Großunternehmen an „unternehmensinternem Outsourcing“/Insourcing?
M. Winter:
Man kann zumindest derzeit noch nicht von Insourcing als einem großflächigen Trend bei Großunternehmen sprechen. Dennoch ist es ein Thema, das sich selektiv bei einigen Anwenderunternehmen stellt, die ihre Sourcing-Vorhaben zum zweiten oder dritten Mal erneuern. Manche Anwender verlängern ihre Abkommen dabei nicht ausschließlich, sondern strukturieren ihren Sourcing-Mix im Rahmen einer neuen Sourcing-Strategie um. In diesem Zusammenhang kann es durchaus sein, dass einige Leistungsbestandteile, die bislang extern vergeben worden waren, nunmehr gezielt wieder ins eigene Haus zurückgeholt werden. Dies sind dann in der Regel Services, die vielleicht früher eher unter dem Kostenaspekt gesehen wurden und deshalb ausgelagert worden waren, inzwischen aber geschäftskritische Dimensionen gewonnen haben.

Es ist dabei wichtig zu verstehen, dass das Insourcing im Rahmen von heutigen Sourcing-Vorhaben der zweiten oder dritten Generation nichts mit unternehmensinternem Outsourcing, sprich der Ausgründung von IT-Tochterunternehmen oder ähnlichen Vorhaben zu tun hat. Unternehmensinternes Outsourcing war ein Trend, der ungefähr vor zehn bis 15 Jahren aktuell war, als Großkonzerne ihre IT-Aktivitäten konsolidierten und in eigene IT-Töchter ausgliederten. Dies war zumindest in Deutschland zeitweise eine beliebte Alternative zur Vergabe an externe Provider, damals also zum Outsourcing der ersten Generation. Beim heutigen Insourcing werden dagegen sehr selektiv Services wieder ins Unternehmen zurückgeholt, die vormals extern vergeben worden waren.

IT-DIRECTOR: Wodurch macht sich denn die Geschäftskritikalität von Services bemerkbar, die per Insourcing heutiger Prägung zurückgeholt werden?
M. Winter:
Diese spezifischen Services sind mittlerweile oft mit Prozessen im Kerngeschäft verbunden und können somit wettbewerbsentscheidend sein. Nehmen wir den Service der Pflege von Anwendungen, die geschäftskritische Prozesse bei einem informationsintensiven Unternehmen in einem turbulenten Marktumfeld unterstützen: Diese Anwendungen bilden ja in der Regel sehr firmenspezifisches Know-how ab. Es geht beim Insourcing der Anwendungspflege und -Weiterentwicklung also darum, sie schnell neuen Marktbedingungen anpassen zu können. Damit kann das Unternehmen auf Geschäftschancen oder Risiken schneller und flexibler zu reagieren, als dies möglich gewesen wäre, als dieser Service noch ausgelagert war. Auch der Schutz von intellektuellem Kapital, das in den Anwendungen steckt, kann in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.

IT-DIRECTOR: Ist dieses Insourcing also auf applikationsbezogene Dienstleistungen beschränkt?
M. Winter:
Nein, es können durchaus auch Infrastrukturservices betroffen sein, z.B. Datacenter-Betrieb: So können gestiegene branchenspezifische Compliance-Anforderungen, z.B. hinsichtlich Schutz besonders sensibler Kundendaten, dazu führen, dass ein Anwendungsunternehmen seinem bisherigen Provider nicht mehr zutraut, wirklich alles zu tun, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Im Extremfall ist die Konsequenz dann die Rückholung dieser Daten und der zugehörigen Infrastruktur in den eigenen Betrieb.

Auch können schlechte Erfahrungen mit früheren IT-Dienstleistern, Überforderung mit dem Provider-Management sowie spezifische unternehmenskulturelle Gründe dazu führen, dass Insourcing wieder ernsthaft in Betracht gezogen wird. Das einzige, was man als Motivation für Insourcing eigentlich fast ausschließen kann, sind erwartete Kosteneinsparungen. Es sei denn es handelt sich um sehr große global agierende Konzerne, die es schaffen, IT wie andere Shared Services in kostenoptimierten Standorten zu bündeln. Darunter könnte dann aber auch wieder die erwähnte Flexibilität und Schnelligkeit leiden.

IT-DIRECTOR: Was müssen Anwenderunternehmen bei der Umsetzung von Insourcing beachten?
M. Winter:
Zum einen sollten sie wie schon erwähnt sehr selektiv vorgehen und die Rückholung in jedem Fall nach Nutzen, Kosten und Risiken bewerten. Der erwartete Nutzen sollte dabei in der Regel schon in strategischen Wettbewerbsvorteilen im eigenen Kerngeschäft bestehen oder in der Erfüllung von zwingenden Compliance-Anforderungen begründet sein. Typischerweise ist nämlich unternehmensinternes Know-how bei den betroffenen Services aufgrund eines vorherigen Outsourcing nicht mehr ausreichend vorhanden und muss daher wieder neu aufgebaut oder eingekauft werden.

Außerdem ist die Transition beim Insourcing mit nicht unerheblichen Kosten und Risiken verbunden. Anders als bei Outsourcing ist die aufnehmende Organisation, sprich das eigene Unternehmen, erst einmal nicht unbedingt darauf eingerichtet, die übernommenen Services auch effektiv und effizient zu betreiben. Sprich, entsprechende organisatorische Strukturen, Prozesse, Tools, etc. müssen zunächst aufgebaut werden. Dass diese dann auch möglichst reibungslos funktionieren, ist natürlich Grundvoraussetzung dafür, dass der erwartete Nutzen auch zügig eintritt. Eine gut durchdachte Planung und geschicktes organisatorisches Change Management ist hier gefragt.

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