Data-Center-Standort in Island

Kühles Klima für das Rechenzentrum

Im Interview erläutert Christian Kallenbach, Director of Business Development für Europa bei Verne Global, die Vorteile des eigenen Rechenzentrumsstandorts (RZ) in Island, darunter erneuerbare Energiequellen, kühles Klima, eine gute Datenanbindung, politische Stabilität sowie strenge Datenschutzbestimmungen.

Christian Kallenbach, Verne Global

Christian Kallenbach, Director of Business Development für Europa bei Verne Global

IT-DIRECTOR: Herr Kallenbach, ein Blick in die Praxis: Immer mehr Rechenzentren von Großunternehmen kommen in die Jahre. Wann sollten sich die Verantwortlichen für einen kompletten Neubau entscheiden? Und wann reicht die Modernisierung des Data Center aus?
C. Kallenbach:
Da Unternehmen heutzutage dank der Virtualisierung den Bedarf an Strom, Serverdichte und Datenausfallsicherheit für ihre individuellen Anwendungen besser einschätzen können, sollten sie bei der Wahl des Rechenzentrums, ob Neubau oder Collocation, in jeglicher Hinsicht Wert darauf legen, dass es flexibel ist. Generell entfallen 40 Prozent der Betriebsausgaben eines Rechenzentrums auf die Stromkosten. Die wesentlichen Punkte, die es bei einem Neubau zu betrachten gilt, sind die langfristigen Stromkosten über einem Zeitraum von zehn Jahren, ob das kühle Klima ausreichend ist, um auf Kühlgeräte zu verzichten und ob den variablen Anforderungen an Dichte und Ausfallsicherheit entsprochen werden kann. Die Berücksichtigung all dieser Aspekte führt dazu, dass die gesamten Betriebskosten so gering wie möglich sind.

IT-DIRECTOR: Wie lässt sich am besten ein passender Standort für einen Neubau ermitteln?
C. Kallenbach:
Der ideale Standort verfügt über ausreichend Energie, idealerweise aus erneuerbaren Energiequellen, hervorragende Datenanbindung und konstant kühles Klima. Die Infrastruktur ist ebenfalls wichtig. So benötigen einige Applikationen z.B. für die Wettermodellierung, viel Strom, für das Testen und Design in der Automobilindustrie eine hohe Ausfallsicherheit und eine andere, steigende Anzahl von Anwendungen, wiederum eine hohe Serverdichte. Darüber hinaus sind politische Stabilität und Datenschutzbestimmungen entscheidende Kriterien. Island hat beispielsweise die fortschrittlichsten Datenschutzrichtlinien der Welt.

IT-DIRECTOR: Welche Begebenheiten sollten bei der Standortwahl unbedingt berücksichtigt werden?
C. Kallenbach:
Bei der Standortwahl sollten folgende Punkte unbedingt berücksichtigt werden: Strombereitstellung für Server, kühles Klima, kostengünstiger und preisstabiler Strom, Skalierbarkeit, starke und redundante Netzwerkanbindung sowie CO2-Neutralität, beispielsweise dank der erwähnten erneuerbaren Energiequellen. Unsere Kunden können hierbei von den isländischen Gegebenheiten profitieren und ihre RZ-Kosten reduzieren. So spart BMW beispielsweise 82 Prozent seiner IT-relevanten Energiekosten.

IT-DIRECTOR: Facebook baute ein Rechenzentrum in Luleå in Nordschweden, Sie bieten seit langem IT-Services aus Island an – warum bevorzugen immer mehr Unternehmen skandinavische Länder als Standort für ihre Rechenzentren?
C. Kallenbach:
Immer mehr Daten werden täglich von Unternehmen produziert. Wo sollen diese Daten kostengünstig und sicher gespeichert und verarbeitet werden? Stromkapazität und ein zuverlässiges Stromnetz, das preisgünstigen Strom bereitstellt, sind wichtige Kriterien. Im aktuellen „Competitiveness Report 2014-15“ des World Economic Forum (WEF) zählen Island, Norwegen und Dänemark zu den globalen Ländern mit dem zuverlässigsten Stromnetz. Apple beispielsweise verfolgt darüber hinaus das Ziel, seine Rechenzentren aus 100 Prozent erneuerbare Energien zu versorgen.

IT-DIRECTOR: Zwar fallen die Kosten für die RZ-Klimatisierung im hohen Norden geringer aus als anderswo, doch stattdessen nicht die Heizkosten enorm an? Oder kann die Heizung allein mit der Abwärme der Serverhardware betrieben werden?
C. Kallenbach:
Aufgrund des Klimas in Island ist Heizen nicht notwendig. Rechenzentren benötigen eine kühle Umgebung. Das Klima im hohen Norden ist ideal, gekühlt wird entweder durch direkte oder indirekte freie Kühlung je nach Dichte- und Datenausfallsicherheitsanforderungen.

IT-DIRECTOR: Unter welchen Minimaltemperaturen können Hardware und RZ-Komponenten (z.B. USV-Anlagen) noch sicher betrieben werden?
C. Kallenbach:
Ashrae setzt hierzu die weltweiten Standards.

IT-DIRECTOR: Welche Argumente können generell gegen die Etablierung von RZ-Standorten in nordischen Ländern sprechen?
C. Kallenbach:
Die nordischen Ländern entwickeln sich zunehmend zu einem risikoarmen RZ-Standort. Immer mehr Unternehmen entscheiden sich ihre Daten dorthin auszulagern.

IT-DIRECTOR: Kritiker verweisen auf die teilweise unzureichenden Infrastrukturen in nordischen Ländern – wie kann man dennoch für hohe Performance und geringe Latenzzeiten bei der Datenübertragung sorgen?
C. Kallenbach:
Wir können uns sich nicht zu allen nordischen Ländern äußern, aber in Bezug auf Island bietet dieser Standort eine ideale Infrastruktur und hat sich zu einem technologischen Hotspot entwickelt. Island verfügt über ein unabhängiges Stromnetz und hat eine gute Anbindung über redundante Unterseekabel nach Europa. Bis Ende des Jahres soll ein weiteres, neues, transatlantisches Kabelsystem mit Island verbunden werden. Dieses wird das schnellste Kabel der Welt sein.

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