Investition in neue Kompetenzzentren

Künstliche Intelligenz im Rampenlicht

Während die Bundesregierung die 2018 beschlossenen KI-Investitionen von drei Mrd. Euro bis 2025 kürzlich erst auf 50 Mio. Euro für 2019 herunterbrach, bauen IT-Anbieter ihr Engagement in Sachen KI weiter aus und investieren fleißig in neue Kompetenzzentren.

KI im Rampenlicht

Technologie im Rampenlicht: IT-Anbieter bauen ihr Engagement in Sachen KI weiter aus.

Kaum eine Woche vergeht, in der die ITK-Branche nicht mit neuen KI-Initiativen oder breit angelegten Forschungsvorhaben aufwartet. Erst Ende April 2019 gaben IBM und Fortiss, das Forschungsinstitut des Freistaats Bayern für software-intensive Systeme und Services, die Gründung eines Zentrums für KI-Forschung in München bekannt. Beide Partner betonen, dass Wirtschaft und Gesellschaft KI-Technologien benötigen, die in unsicheren, komplexen Umgebungen und Situationen zeitnah sichere Entscheidungen treffen. Dabei sollten die von Maschinen, Automaten oder Fahrzeugen getroffenen Entscheidungen nicht nur nachvollziehbar und erklärbar, sondern auch gegen fehlerhafte Eingaben und gezielte Angriffe gefeit sein. Zudem müssen KI-Systeme immer größere Datenmengen verarbeiten – ohne Abstriche bei Vertraulichkeit und Privatsphäre machen zu müssen.

Vor diesem Hintergrund werden in der gemein­samen Einrichtung mehr als 50 Wissenschaftler von IBM und Fortiss KI-gestützte Software-Lösungen erforschen und entwickeln. Abgezielt wird darauf, Potentiale der KI für geschäftskritische Internet-of-Things-Anwendungen zu erschließen. Im Fokus stehen dabei: KI-­gestützte Assistenzsysteme zur transparenten Ent­scheidungsunterstützung, Prototypisierung neuer digitalisierter Bürgerdienste sowie die verlässliche, sichere Steuerung autonom agierender Roboter, verteilter Produktionssysteme und kritischer Versorgungsinfrastrukturen wie beispielsweise Energie und Wasser.

Ebenfalls in München hat Microsoft bereits vor einiger Zeit sein nach Redmond (USA) und Shenzhen (China) weltweit drittes „IoT & AI Insider Lab“ eröffnet. Das Labor soll dabei Firmenkunden aus Europa, dem Mittleren Osten und Asien ein produktives Umfeld bieten, um IoT- und KI-Projekte effizient voranzutreiben. Generell bieten die Labs den Nutzern einen kostenlosen Zugang zur Cloud-Plattform Azure, den IoT- und KI-Diensten des Anbieters, zu Industrie-Hardware und zum Expertenwissen der Microsoft-Entwickler, Ingenieure und Datenspezialisten. „Mit dem Lab wollen wir IoT- und KI-Projekte von der Ideenfindung über die Prototypenentwicklung bis hin zur Markteinführung fördern.

Wir begleiten die Digitale Transformation unserer Kunden, indem wir sie nicht nur dabei unterstützen, ihre Produkte, Services und Geschäftsmodelle zu vernetzen, sondern auch mit Intelligenz anzureichern“, sagt Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Microsoft Deutschland.

Die hohe Bedeutung von KI für den Software-Anbieter unterstrich einmal mehr das im April in Berlin veranstaltete KI-Festival, zum dem illustre Gäste wie die Staatsministerin im Bundeskanzleramt und Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung Dorothee Bär geladen waren. Neben bereits bekannten KI-Szenarien etwa aus dem Personalmanagement oder der Diagnostik im Gesundheitswesen ging es in der Hauptstadt um nichts geringeres als das Überleben der Menschheit. Denn unter dem Programmpunkt „Erde an KI: Kannst du kurz die Welt retten?“ drehte sich alles um Klimawandel, Artensterben und Umweltverschmutzung. „Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen. Wir sprechen darüber, wie wir KI nutzen können, um unsere Umwelt besser zu verstehen und zu schützen. Um genug Essen für alle zu produzieren, ohne unseren Planeten zu zerstören, um Lebewesen wie Bienen und Elefanten zu retten oder die Erderwärmung zu stoppen“, betont Microsoft.

Intelligente Daten für autonome Fahrzeuge


Eine weitere KI-Initiative mit Schwerpunkt auf autonomen Fahrzeugen findet sich im Nachbarland Österreich. Seit Mitte Februar 2019 fördert Here, ein Anbieter von digitalen Karten und ortsbezogenen Plattformdiensten, die Gründung eines KI-Forschungsinstituts in Wien über fünf Jahre mit über 25 Millionen Euro. Eigenen Angaben zufolge sei das „Institute for Advanced Research in Artificial Intelligence“ (IARAI) das erste globale Forschungsinstitut für maschinelles Lernen, das mit ortsbezogenen Daten im industriellen Maßstab arbeitet.

Als unabhängige Institution wird das IARAI im Bereich des maschinellen Lernens forschen, um die für die Entwicklung autonomer Welten ortsbezogene Intelligenz zu steigern. Dazu gehören beispielsweise eine verbesserte Umgebungswahrnehmung autonomer Fahrzeuge und genauere, sich selbst korrigierende Karten, bessere Modelle für Verkehrsprognosen, ein effizienteres Flottenmanagement sowie optimierte städtische Infrastrukturen. Here will eng mit dem Institut zusammenarbeiten, es mit seiner Expertise unterstützen und ihm seine Datensätze zur Verfügung stellen.

Nicht zuletzt machte der IT-Spezialist Atos mit der Eröffnung eines KI-Labors in Frankreich von sich reden. Die Etablierung des Zentrums ist Teil der globalen Partnerschaft zwischen Atos und Google Cloud. Es soll künftig Kunden, Geschäftspartner und öffentliche Einrichtungen bei der Identifizierung von Anwendungsfällen unterstützen, in deren Rahmen KI innovative und effiziente Lösungen beisteuern kann.

Kommt KI von der Stange?


Die Ziele solcher Initiativen sind schnell auf einen finanziellen Nenner gebracht, denn KI gilt als lukrative Querschnitts- und Schlüsseltechnologie. Auf lange Sicht wird es wohl kaum noch Produkte oder Services geben, die nicht in irgendeiner Form mit Künstlicher Intelligenz oder deren Spielarten in Verbindung stehen. Der zunehmenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für das eigene Geschäftsmodell sind sich die meisten Verantwortlichen hierzulande bewusst. Eine vergangenen März veröffentlichte Studie von Deloitte kam zu dem Ergebnis, dass sich Deutschlands Firmen bereits mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen und bei gewissen KI-Technologien im internationalen Vergleich auch vorne mit dabei sind.

„Es ist erfreulich, dass es bei der Anwendung von KI-Technologien in deutschen Unternehmen keine generellen Lücken gibt“, sagt Milan Sallaba, Partner bei Deloitte. „Alle Varianten Künstlicher Intelligenz kommen zum Einsatz. Auffällig ist allerdings die starke Verbreitung von Process Robotics in Deutschland. 67 Prozent der befragten deutschen Unternehmen nutzen robotergesteuerte Prozessautomatisierung.“ In den internationalen Vergleichsmärkten USA, China, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Australien setzen derzeit nur 49 Prozent diese Technologie ein. Bei keiner anderen KI-Variante weichen deutsche Unternehmen so stark vom internationalen Durchschnitt ab, so die Studie weiter.
Aufholbedarf gebe es im internationalen Vergleich allerdings beim Thema Strategie. So verfüge erst ein Viertel (26 Prozent) der befragten Unternehmen in Deutschland über eine umfassende, firmenweite KI-Strategie. In allen sechs Vergleichsmärkten sei man hingegen weiter: Im Durchschnitt haben dort bereits 35 Prozent der Unternehmen eine übergreifende KI-Strategie.

KI wird hierzulande überwiegend auf Abteilungsebene umgesetzt. Will Deutschland als KI-Anwendungsmarkt nicht abgehängt werden, gilt es laut den Marktforschern, diese Lücke schnellstmöglich zu schließen. Die Zurückhaltung bei der Entwicklung übergreifender KI-Strategien könnte auch auf das noch immer ausbaufähige Vertrauen deutscher Unternehmen in Künstliche Intelligenz zurückzuführen sein. „Intern werden KI-Initiativen häufig eher mit Sorge begleitet. Die Angst, falsche Entscheidungen basierend auf KI zu treffen, ist verhältnismäßig groß. 46 Prozent der deutschen Unternehmen haben entsprechende Bedenken geäußert“, heißt es in der Studie.

Abschließend zeigt die Umfrage auf, dass sich „KI as a service“ – oder salopp gesagt „KI-Lösungen von der Stange“ – bei hiesigen Unternehmen großer Beliebtheit erfreut und damit maßgeblich die Implementierungen prägt. Demgegenüber implementieren nur 15 der befragten Verantwortlichen KI hauptsächlich mit firmeneigenen Kräften.

Starkes Wachstum bei KI-Start-ups


Doch nicht nur etablierte Unternehmen beschäftigen sich mit den Chancen und Potentialen von Künstlicher Intelligenz. Laut UnternehmerTUM, europäisches Zentrum für Gründung und Innovation, wenden immer mehr junge deutsche Firmen KI in ihren Produkten und Services an. Als Grundlage für diese Aussage gilt die in regelmäßigen Abständen aktualisierte Landkarte. Diese beinhaltet die wichtigsten, von einer Jury ausgewählten KI-Start-ups in Deutschland, mit dem Ziel, relevante Entwicklungen aus dem Bereich KI zu dokumentieren. „Während 2018 132 junge Unternehmen KI in signifikantem Umfang einsetzten, sind es in diesem Jahr bereits 214, was einem Plus von 62 Prozent entspricht“, stellt Immanuel Schwall, Projektverantwortlicher der KI-Landkarte, fest. Dabei konzentrieren sich die Akteure zunehmend in den beiden KI-Hubs Berlin und München. Demgegenüber entstehen nur wenige KI-Start-ups in den klassischen Mittelstandsregionen wie Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen. „Seit 2009 wurden in Deutschland rund 1,2 Mrd. Euro in KI-Start-ups investiert“, so die Erhebung weiter. Im internationalen Vergleich fehle es jedoch weiterhin an Investitionen. So erhielt das chinesische Start-up Sense Time bereits allein für sich mehr als 2,2 Mrd. Euro von Investoren.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Desweiteren lassen sich entsprechend der KI-Landkarte branchenspezifische Entwicklungen erkennen: Waren 2018 lediglich 3,8 Prozent aller KI-Start-ups dem Bereich Fertigung und Industrie zuzuordnen, sind es 2019 bereits 5,6 Prozent. Noch deutlicher ist die Entwicklung im Bereich Transport und Mobilität: Hier stieg der Anteil von 6,1 auf 9,3 Prozent. „Die Tatsache, dass sich Start-ups zunehmend auf deutsche Kernindustrien fokussieren, ist eine gute Nachricht“, sagt Dr. Andreas Liebl, Managing Director von AppliedAI. Denn Entwicklung sei eine Grundlage dafür, dass etablierte Unternehmen in dem Bereich international nicht den Anschluss verlieren.

Bildquelle: Getty Images/iStock

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