Digitaler Rückstand

Los jetzt! Oder wir verlieren das Spiel

Es ist höchste Zeit. Die erste Halbzeit der Digitalisierung ist verloren, aber in der zweiten haben wir noch Chancen - aber nicht mehr lange.

Die recht peinliche Geschichte von Industrie 4.0 hat den T-Systems-CEO Reinhard Clemens dazu gebracht, mit einer Fußballmetapher die erste Halbzeit der Digitalisierung verloren zu geben. Doch wer liegt vorn? Oder anders gefragt: „Wo entwickelt sich die Digitalwirtschaft am schnellsten?“

Jedenfalls nicht in Deutschland. Forscher der Tufts University in Boston untersuchten den Fortschritt der digitalen Transformation in 50 Ländern. Sie haben sich die Entwicklung der Digitalisierung in den Jahren 2008-2013 angeschaut und die betrachteten Länder nach zwei Dimensionen eingeordnet. Die erste Dimension ist die Veränderungsrate und die zweite der erreichte Stand.

Daraus ergeben sich unterschiedliche Formen von „Digital Readiness“. Länder wie die USA, aber auch die Schweiz, Hongkong und Singapur haben im betrachteten Zeitraum bereits einen hohen Standard der Digitalisierung erreicht und entwickeln sich mit großer Geschwindigkeit weiter. Dann gibt es Länder wie Mexiko, China oder Indien, die auf sehr geringem Niveau gestartet sind, sich aber durch eine enorme Veränderungsrate auszeichnen.

Eine dritte Form von Ländern sind nur wenig digitalisiert und entwickeln sich in dieser Hinsicht auch nicht weiter, beispielsweise Saudi-Arabien oder einige afrikanische Staaten. Und dann gibt es eine ganze Reihe von Staaten, die zwar einen großen Startvorteil hatten, sich aber nur sehr langsam entwickeln oder sogar zurückfallen.

Hierzu gehört Deutschland. Interessanterweise finden sich in dieser Gruppe aber auch einige andere europäische Staaten sowie Japan. Und: Beide Dimensionen sind wichtig. So ist uns zum Beispiel Singapur haushoch überlegen, da nicht nur der erreichte Stand der Digitalisierung bereits deutlich höher als in Deutschland ist, sondern auch die Geschwindigkeit der Veränderung.

Mehr Öffentlichkeit

Die Ergebnisse dieser Studie passen gut in die Diskussion zu Industrie 4.0. Das Konzept scheint im Moment dem Scheitern näher als dem Erfolg. Wieder in Fußballmetaphern ausgedrückt: Die Politik versemmelt das Heimspiel, die Wirtschaft hat Angst vor dem Ballbesitz. Was fehlt? Ganz klar ein Jogi Löw, der die Mannschaft von ganz unten aufbaut und mit unverbrauchten Leuten zum Erfolg führt.

Anders ausgedrückt: Deutschland braucht eine Identifikationsfigur, eine Art „Czar of the Industrial Internet“, wie er wohl in den USA in einer vergleichbaren Situation eingeführt würde. Seine wichtigste Aufgabe: Die nächste industrielle Revolution muss popularisiert werden.

Industrie 4.0 muss zum Diskussionsthema in deutschen Wohnzimmern werden. Die digitale Transformation der Wirtschaft muss allwöchentlich als Leitthema in der Tagesschau auftauchen. Grundschüler müssen morgens ihre Lehrerinnen fragen, warum dann an der Vier so ein komischer Punkt ist.

Denn ohne interessierte Öffentlichkeit können Politik und Wirtschaft so weitermachen wie bisher. Sie können hin und her schwanken zwischen ebenso halbherzigen wie unterfinanzierten Initiativen und dem Abriegeln bestehender Altmärkte. Sie können weiter so tun, als sei die digitale Transformation etwas, was als Nebenthema auf Referentenebene in den Ministerien verhandelt wird und ansonsten gerne Staub ansetzen darf.

Weniger Bürokratie

Doch es wird nicht reichen, dem Thema Innovation mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Eine zweite wichtige Aufgabe: Rettet die Industrie 4.0 vor der Bürokratie 5.0. Wer mal sarkastisch lachen will, sollte sich die folgende Anekdote vor Augen führen: Auf dem jüngsten Vision Talk des Hasso-Plattner-Instituts forderte Franz Gruber, Chef des IT- und Beratungshauses Forcam, endlich eine einheitliche Schnittstelle für die Vernetzung von Industrieanlagen.

Ein Offizieller der „Plattform Industrie 4.0“ entgegnete: „Wir haben diesen Standard intern definiert. Aber wir dürfen dazu nichts sagen. Das Verbandsrecht in Deutschland verbietet es, dass Empfehlungen abgegeben werden.“ Hören wir da grölendes Gelächter über den Atlantik schallen? Dort nutzt man einfach ein halbwegs passendes Verfahren und legt los.

Dieses Kuriosum soll allerdings bald der Vergangenheit angehören, da die Plattform umorganisiert wird und demnächst unter das Dach des Bundeswirtschaftsministeriums kommt. Wenn da nicht mal der Teufel mit den Beelzebub ausgetrieben wird, denn als bürokratiefern sind deutsche Ministerien ja nicht gerade bekannt.

Die Zeit drängt

Es gibt für einen deutschen „Digitalisierungspapst“ genug zu tun. Er muss zunächst einmal in der breiten Bevölkerung ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es sich bei Industrie 4.0, Industrial Internet, Internet der Dinge, Digitalwirtschaft, Startups und allem, was dazu gehört, um die entscheidende Zukunftsfrage für unsere Gesellschaft handelt.

Solche Pathosformeln klingen ja immer ein wenig hohl, aber sie sind an dieser Stelle ausnahmsweise einmal angebracht. Denn wenn die Entwicklung in den beiden positiven Quadranten der Tufts-Studie so weitergeht, rasen uns die USA, viele asiatische Staaten, aber auch Nachbarn wie Estland und die Schweiz im Eiltempo davon.

Dadurch verschieben sich die Positionen der Länder in den einzelnen Quadranten und irgendwann wird Deutschland im Sumpf der Rückständigkeit stecken bleiben. Das könnte schneller gehen, als viele denken.

Bildquelle: Thinkstock / istock

Die Studie der Tufts-University in der Harvard Business Review (via Thomas Knüwer, der noch Oettinger-Anekdoten beisteuern kann)

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