Das digitale Gold liegt auf der Straße

Mit Big Data gegen die Online-Konkurrenz

Mithilfe von Big-Data-Analysen können Kfz-Versicherer gegen die Online-Konkurrenz bestehen. Zudem eröffnen ihnen neu digitale Strategien lukrative Geschäftsfelder.

Das digitale Gold liegt auf der Straße

Das digitale Gold liegt auf der Straße: Wie Kfz-Versicherer mithilfe von Big Data neue Geschäftsfelder erschließen

Die Uhr schlägt fünf vor zwölf: Wenn sich deutsche Versicherungsunternehmen gegen die in der Ära der Digitalisierung neu aufstrebenden Wettbewerber behaupten möchten, müssen sie jetzt aus ihrem „digitalen Dornröschenschlaf“ erwachen. Flexibler Individualtarif heißt das Zauberwort. Hierfür müssen Kfz-Versicherer ihre Kunden besser kennenlernen, sie mit maßgeschneiderten Verträgen gewinnen, die haargenau zu ihren Bedürfnissen, ihrer Lebenssituation und ihrem Fahrverhalten passen, und so langfristig binden. Das gelingt mithilfe von schnellen und smarten Big-Data-Analysen, mit denen sich Versicherer das enorme Geschäftspotential der Digitalisierung zunutze machen können. Voraussetzung hierfür ist eine Erweiterung der traditionellen Geschäftsmodelle, denen sich hierzulande immer noch viele Versicherer verhaftet fühlen, um eine digitale Geschäftsstrategie.

Der Wettbewerbsdruck in der Versicherungsbranche steigt seit Jahren – auch durch neue Wettbewerber aus der digitalen Welt – kräftig an. Beste Beispiele sind digitale Unternehmen wie Google, Amazon & Co. Die Internetriesen haben ein gemeinsames Erfolgsrezept, das auf agilen Geschäftsmodellen, digitalen Prozessketten und Big-Data-Analysen in Echtzeit fußt. Damit sind sie prädestiniert, den Versicherungsmarkt innerhalb kurzer Zeit grundlegend zu verändern. Denn durch die „smarte“ Erfassung und Auswertung von Kundendaten gelingt es diesen digitalen Unternehmen, ihre Produkte gezielt auf die individuellen Kundenbedürfnisse auszurichten und somit Marktentwicklungen vorherzusagen. „Der deutsche Markt für Kfz-Versicherungen ist von einem intensiven Wettbewerb und einem niedrigen Prämienniveau geprägt“, betont Vincent Wolff-Marting, Kompetenzteamleiter „Informationstechnologie“ bei den Versicherungsforen Leipzig. „In den meisten Kundensegmenten sind keine großen Margen vorhanden. Langfristig können Telematik-Tarife im Vergleich zu klassischen Modellen nur dann erfolgreicher sein, wenn sie eine echte Verbesserung des Fahrverhaltens bewirken und dadurch die Schadenaufwände senken oder zusätzliche Mehrwerte, wie Fahrzeugortung bei Diebstählen oder Insassenrettung in abgelegenen Regionen, bieten. Die Erfahrungen aus Nachbarländern zeigen, dass ein Potential vorhanden ist.“

In diesem verschärften Wettbewerb können also langfristig nur Unternehmen erfolgreich sein, die ihre Produkte und Dienstleistungen auf die individuellen Kundenbedürfnisse anpassen. Die entscheidende Frage lautet also: Wie gelingt es deutschen Kfz-Versicherern, ihre Kunden und deren Bedürfnisse so gut kennenzulernen, dass sie ihnen solche Individualtarife anbieten können? Die Antwort auf diese Frage liegt quasi auf der Straße.

Digitale Datenschätze bergen

Im ersten Schritt ist es erforderlich, Daten aus Quellen wie Navigationssystemen und Social-Media-Netzwerken mit den Stamm- und Bewegungsdaten, die Versicherer bislang von ihren Kunden erheben, zu verknüpfen und zu analysieren. Für die Kfz-Sparte werden die besten Voraussetzungen hierfür von der Automobilindustrie selbst geschaffen, die das moderne Auto Schritt für Schritt zum rollenden Großrechner ausweitet. Dadurch, dass das „Connected Car“ per Mobilfunkverbindung mit Verkehrsleitstellen und Servicezentralen vernetzt wird und Daten austauscht, wird das Automobil zur Datenquelle Nummer eins. Auch die Technik, relevante Daten intelligent auszuwerten, steht längst zur Verfügung. Die Versicherer müssen sie nur noch anwenden. Durch die Analyse der Informationen zum Fahrverhalten von Versicherungsnehmern können dann individualisierte Tarife und Angebote erstellt werden. So können sie ihre Kunden wesentlich gezielter als bislang ansprechen, ihnen zum Beispiel personalisierte Produkte entsprechend aktueller und zukünftig erwarteter Lebensereignisse anbieten. Dass sich das lohnt, zeigt eine Sigma-Studie der Swiss Re: Die Analyse beziffert die Umsatzsteigerung der Versicherer, die Big-Data-Lösungen einsetzen, für das Jahr 2013 auf 73 Prozent.

„Pay as you drive“ statt Pauschaltarif

Das Prinzip des Individualtarifs ist ganz einfach: Zukünftig hat jeder Fahrer die Höhe seines Versicherungsbeitrags selbst in der Hand und im Fuß. Versicherungen können mithilfe von Big-Data-Analysen Kundendaten wie Fahrweise, Kraftstoffverbrauch und das Risikopotenzial der üblicherweise befahrenen Strecken in den Tarif mit einkalkulieren. Ein Beispiel: Ein Versicherungsnehmer, der sich sonst überwiegend auf risikoarmen Strecken bewegt und daher eine Teilkaskoversicherung mit hoher Eigenbeteiligung hat, benötigt eine Tagesversicherung für eine riskante Strecke bei schlechten Witterungsbedingungen. Das Versicherungsunternehmen kann dank der vorliegenden Informationen zum Fahrverhalten der versicherten Person ein Risikoprofil erstellen und ein wettbewerbsfähiges Angebot für eine Vollkasko-Tagesversicherung unterbreiten, das das vorhandene Risiko deckt. Im Fall eines Unfalls kann der Versicherer den Unfallhergang im Detail nachvollziehen. Versicherungsbetrug kann so minimiert werden. „Wichtig scheint, dass Telematik keine mysteriöse Black-Box sein darf, die dem Kunden am Jahresende einen scheinbar willkürlichen Preis orakelt, sondern dass der Fahrer möglichst unmittelbar auf riskante Manöver und Fahrfehler hingewiesen wird und die Auswirkung seines Fahrverhaltens auf seinen Tarif nachvollziehen kann“, so Vincent Wolff-Marting.

Solche Big-Data-Anwendungen sind in der Versicherungsbranche allerdings noch weitgehend Zukunftsmusik. Zwar rückt das Thema „Big Data“ auf der Agenda vieler Unternehmen derzeit nach oben, doch das Auswerten der gewonnen Informationen und die Nutzung derselben als Entscheidungsgrundlage steckt noch in den Kinderschuhen. Eine aktuelle internationale Studie von Gartner zeigt, dass 64 Prozent der untersuchten Organisationen in Big Data investiert haben oder für 2013 eine Investition geplant hatten. Doch weniger als acht Prozent setzen der Studie zufolge bereits effektive Big-Data-Lösungen ein. Die Bemühungen der Assekuranz liegen damit weit hinter dem Engagement anderer Branchen zurück. Der Einzelhandel oder die Telekommunikationsbranche geben laut Gartner durchschnittlich doppelt so viel für Big Data aus. 40 Prozent der Versicherer hätten aber vor, in den kommenden zwei Jahren ihre Ausgaben zu erhöhen.

Den digitalen Anschluss nicht verpassen

In den USA sind Versicherungsunternehmen schon einige Schritte weiter als deutsche Versicherer: Sie analysieren und werten Daten zum Fahrverhalten ihrer Kunden aus und sind dadurch in der Lage, individuelle Angebote unterbreiten zu können. Eine aktuelle Studie des Bearingpoint Institutes unter 30 europäischen und US-amerikanischen Versicherungsunternehmen benennt die fünf größten Big-Data-Hürden mit mangelndem Know-how und Verständnis, einer fehlenden Big-Data-Strategie und unklarer Verantwortlichkeit. Außerdem hapert es grundsätzlich an der Risikobereitschaft, neue Big-Data-Technologien einzuführen. Durch diese Missstände geraten viele Versicherer in einen Teufelskreis. Die Gefahr, dass die Kluft zwischen den einstigen Big Playern und den neuen Konkurrenten weiter wächst, nimmt kontinuierlich zu, je länger risikoscheue Versicherungsunternehmen nicht auf den „Digitalzug“ aufspringen. Wenn sie sich von den neuen Wettbewerbern aus dem Internet nicht abhängen lassen wollen, müssen sie jetzt ihre Geschäftsstrategie digital ausrichten und Smart Big Data in ihren Vertriebskanal integrieren.

* Der Autor Julian Nachtweh ist Vice President Sales Operations & Strategy bei der Software AG.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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