Personalmanagement

Mit dem Roboter zu neuen Mitarbeitern

Lange war Headhunting ein Geschäft, das auf persönlichen Kontakten basierte. Heute wird das Geschäft mit der Personalsuche von der digitalen Welle überrollt: Datenmengen aus Facebook, detaillierte Profile bei Xing, Spuren im Web – all das ist von Wert für Personaler.

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    Software-basierte Robots können Personalern helfen, die Suche nach Mitarbeitern zu vereinfachen. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

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    Lisa Bogdanovic, Personalleiterin bei Mypharmacy ((Bildquelle: Mypharmacy))

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    Daniel Schäfer, Geschäftsführer bei Instaffo (Bildquelle: Instaffo))

Doch Suche und Analyse sind aufwendig. Bis zu drei Wochen investiert etwa Personalleiterin Lisa Bogdanic, um einen passenden Bewerber zu finden. Das muss nicht mehr sein. Robots übernehmen inzwischen diesen Aufwand. Lernende Software, wie die des Heidelberger Start-ups Instaffo, analysiert Bewerberdaten und wirft passende Talente aus. Als unaufhaltbar sieht diesen Trend Tim Weitzel. Der Professor an der Universität Bamberg forscht in Sachen Recruiting und sagt: „Wir werden eine noch stärkere IT-Unterstützung der Vorauswahl von Bewerbungen sehen.“ Gestützt wird seine These durch eine Studienreihe der Universität. Jeweils ein Drittel der befragten Unternehmen sowie der Stellensuchenden sind der Meinung, dass moderne Kommunikationsformen eingesetzt werden müssen – und erwarten das auch vom Gegenüber.

Algorithmus sorgt für Gleichberechtigung


Einen Vorteil sehen beide Seiten in der Nichtdiskriminierung. Robots sind objektiv, während einem Re­cruiter Haarfarbe oder Geschlecht missfallen. Studien zeigen, dass Personaler nach Stereotypen entscheiden, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist. Bewerber mit ausländisch klingenden Namen haben bei gleicher Qualifikation schlechtere Chancen, zum Gespräch eingeladen zu werden. Ein Algorithmus hingegen kennt keine Vorurteile. Er achtet auf Eignung und Fähigkeiten. Professor Weitzel verweist darauf, dass es beschämend für die derzeitige Personalpraxis sei, dass Frauen in Befragungen angeben, sie würden lieber von einem Roboter eingestellt.

Auch Lisa Bogdanic testet Robot Recruiting. Die Personalleiterin arbeitet in Unterföhring bei Mypharmacy, einem Unternehmen, das Apotheken berät, die mindestens 50 Mitarbeiter beschäftigen. Statt selbstständig stundenlang zu surfen, um bei Linkedin und Co. einen passenden Bewerber zu finden, schiebt sie das Anforderungsprofil für den gesuchten IT-Spezialisten (DWH-Developer und Business Analyst) zu Instaffo.

„Wir suchen Leute, die verantwortungsvoll, offen und unkonventionell sind“, beschreibt Bogdanic die weichen Faktoren, die zur Firmenkultur passen müssen. In Heidelberg wird das Profil durch einen Algorithmus gejagt. Die Software findet, ähnlich einem Dating-Portal, zwei passende Treffer („Matches“). Dabei werden harte und weiche Fakten abgeglichen. „Zuerst war ich irritiert, dass so wenig Vorschläge kamen“, erinnert sich Bogdanic und lädt beide Bewerber zum Gespräch ein. Einer sagte gleich ab. Die Personalerin vermutet, dass die gelebte Selbstorganisation beim 25 Mitarbeiter großen Dienstleiter abschreckend gewirkt hat. „Das wollen nicht alle“, weiß die 29-Jährige. Das zweite Match ist ein Volltreffer. Seit Mai ist der gesuchte Kollege an Bord.

Instaffo-Chef Daniel Schäfer erklärt, weshalb das funktionieren: „Bewerber und Unternehmen pflegen auf unserer Seite ihre Profile ein, und wir gleichen ab, wer zu wem passt.“ Dass MyPharmacy nur zwei Vorschläge bekam, spreche für das automatisierte Recruiting-Verfahren. Bogdanic freut sich über die gewonnene Zeit. Nur drei Tage hat sie in die Bewerbersuche investiert. Und das Ergebnis passt.

Droht nun der klassischen Rekrutierung aus Stellenanzeige, Bewerbung und persönlichem Kontakt das Aus? „Nein“, meint Cansever Sezer. Der Geschäftsführer der MHP sieht Robot-Recruiting vielmehr als Ergänzung zu den üblichen Maßnahmen, die notwendig sind, um Personal zu finden. Sezer weiß, wie schwer es ist, im IT-Sektor Fachleute zu finden. Wer sich bei einem Vermittlungsportal regis-trieren lässt, signalisiert damit seinen Wechselwillen. Diese These stützt Schäfer: „80 Prozent der Beschäftigten würden ihren Job wechseln, wenn das passende Angebot auf dem Tisch liegt“, meint der Instaffo-Gründer. Viele scheuen jedoch den Bewerbungsaufwand. Ist dieser automatisiert, fällt er nur noch einmal an. Ein Anschreiben ist überhaupt nicht mehr notwendig. Die Hürden sinken.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

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Hinzu kommt: Gefragte Fachleute wollen heute Beruf und Privatleben in Einklang bringen. Sezer hatte in seiner 150 Mitarbeiter großen Firma drei High-Professionals, die zur gleichen Zeit in Elternzeit gehen wollten. „Da ist vorausschauende Personalplanung nötig“, sagt der COO, der mindestens sechs Monate im Voraus plant. Auch hier spielt die Automatisierung den Robots in die Karten. Einmal angelegte Profile können immer wieder per Klick aktiviert werden. Das lindert etwas den Zeitdruck bei der Suche.

Für die Zukunft sollen Robots noch mehr Vorteile liefern. Es sei denkbar, dass die Personalsuche mit anderen Diensten verknüpft wird. Sucht etwa ein usbekischer Programmierer nach Informationen rund um eine Sehenswürdigkeit in München, dann würden ihm in Zukunft die passenden Stellenangebote in der Umgebung gezeigt – plus Rezensionen eines Umzug-Services sowie ein E-Learning-Deutschkurs. Ähnlich könnte das bei medizinischen Berufen oder im Handwerk funktionieren, überall dort, wo Unternehmen dringend Personal suchen.

In Bamberg sehen die Forscher neben dem Robot-Recruiting weitere Felder, auf denen Firmen und Fachleute einander begegnen. Unter dem Begriff Gamification sollen Anforderungen und Fähigkeiten spielerisch abgeglichen werden. Doch nur die Ausnahmen der Firmen (2,5 Prozent) bieten solche Spiele auf ihrer Web­site oder in sozialen Netzwerken an. Größer ist der Spieltrieb bei den Stellensuchenden: Knapp 13 Prozent haben ihre Eignung für eine offene Stelle schon einmal online ausgespielt. Instant-Messaging-Dienste wie Whatsapp hingegen genießen keinen guten Ruf – wenn es um die Jobsuche geht. Verschwindende 1,3 Prozent der Firmen ermöglichen es Kandidaten, sie über Whatsapp anzutexten. 96 Prozent der Bewerber erwarten das aber auch nicht. Sie haben diesen Dienst noch nie dazu genutzt, um mit Firmen zu kommunizieren. Noch nicht. Denn ähnlich wie Dating-Plattformen hat auch Instaffo eine App in Planung.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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