Neue Anforderungen im Telko-Markt

Motor der digitalen Transformation

Wie Telekom und T-Systems ihren Kunden bei der Digitalisierung von Geschäftsmodellen unter die Arme greifen wollen, erklärt Patrick Molck-Ude. Er ist in Personalunion bei der Telekom zuständig für das internationale Telekommunikationsgeschäft und als Geschäftsführer der T-Systems verantwortlich für das deutsche Großkundengeschäft sowie dem Öffentlichen Dienst in Europa.

  • Digitalisierung der Automobilhersteller

    Im Zuge der Digitalisierung müssen Automobilhersteller ihren Kunden weltweit den Zugriff auf vernetzten Fahrzeugplattformen ermöglichen.

  • Patrick Molck-Ude, Telekom

    „Unsere Kunden benötigen flexible und sichere Netze, um neue digitale Geschäftsmodelle umsetzen zu können“, betont Patrick Molck-Ude von der Telekom.

IT-DIRECTOR: Herr Molck-Ude, welche Auswirkungen hat die digitale Transformation auf hiesige Unternehmen?
P. Molck-Ude:
Die Digitalisierung verändert bestehende Geschäftsmodelle, kreiert komplett neue und läutet das Ende überholter Geschäftsprozesse und damit ganzer Unternehmen ein. Laut Meinung vieler Analysten werden in zehn Jahren rund 40 Prozent der internationalen Top-1.000-Firmen nicht mehr existieren, weil sie den Anschluss verpasst haben werden.

Dabei geht die digitale Transformation eng mit flüssiger Kommunikation und schnellen Übertragungsraten einher, wobei es sich nicht allein um Sprach- und Nutzerdaten, sondern auch um Maschinendaten im Zuge der Machine-to-Machine-Kommunikation (M2M) und des Internets der Dinge handelt. Aus diesem Grund muss die Kommunikation zwischen Maschinen weltweit möglich sein: So müssen Fahrstuhlhersteller via Mobilfunk- oder Internet-Netz die Daten ihrer in der chinesischen Provinz installierten Aufzüge auslesen können. Ein anderes Beispiel sind Automobilhersteller, die ihren Kunden weltweit den Zugriff auf die vernetzten Fahrzeugplattformen ermöglichen müssen.

IT-DIRECTOR: Inwieweit muss Ihr Unternehmen im Zuge der Digitalisierung das eigene Geschäftsmodell verändern?
P. Molck-Ude:
Wir wollen einerseits einer der führenden europäischen Telkos werden und andererseits auch der führende Anbieter von Kommunikationsdiensten für Geschäftskunden. Betrachtet man die bislang in den europäischen Ländern von uns generierten Umsätze, befinden wir uns auf einem guten Weg. In Zukunft wollen wir weitere Geschäftsfelder und damit unsere Netze weiter ausbauen, u.a. vor dem Hintergrund, dass IT- und Kommunikationswelten immer stärker zusammenwachsen. Deshalb konzentrieren wir uns zunehmend auf die Bereitstellung von Plattformen inklusive Services und integrierter Komplettangebote.

IT-DIRECTOR: Welche Plattformen können dies sein?
P. Molck-Ude:
Wir bieten bereits unterschiedliche Plattformen an, u.a. für klassische IT, Cloud-Services, Sicherheit und spezielle Branchen. Getrieben wird das Ganze vom Trend der Digitalisierung, die stabile und sichere internationale Infrastrukturen voraussetzt. Denn arbeiten die Kunden verstärkt mit Cloud-Applikationen, M2M-Kommunikation oder dem Internet of Things (IoT). steigt die Abhängigkeit von funktionierenden Netzen. Im Zuge dessen wachsen der Anspruch an die Qualität der Netze, an deren Sicherheit und Agilität – sowohl für Mobilfunk als auch für Festnetzleitungen. Darüber hinaus möchten viele Kunden globale Netzdienste ausschließlich von einem Partner beziehen. Von daher berücksichtigen unsere Strategien zum Netzausbau nicht nur den lokalen, sondern auch den internationalen Markt.

IT-DIRECTOR: Betreiben Sie außerhalb Deutschlands eigene Netze?
P. Molck-Ude:
Generell arbeiten wir international vorrangig mit Partnern zusammen. Allerdings sind wir in Ländern mit Tochtergesellschaften – z.B. in den Niederlanden und in Osteuropa – mit eigenen Netzen vertreten und decken dort lediglich die „letzte Meile“ über Partnernetze ab.

IT-DIRECTOR: Zurück zur digitalen Transformation: Inwieweit ist den Verantwortlichen bereits die Bedeutung von Netzen und Infrastrukturen für die Digitalisierung bewusst?
P. Molck-Ude:
Während Netzleistungen früher von den Einkaufsabteilungen als „Commodity“ betrachtet wurden und zum jeweils günstigsten Preis eingekauft wurden, sprechen wir mittlerweile vor allem mit IT-Verantwortlichen und Geschäftsführern, denen die Abhängigkeit der IT von der Performance, Qualität, Sicherheit und Verfügbarkeit der Netze durchaus bewusst ist. Denn die Wachstumsstrategien der Konzerne hängen oftmals von globalen Netzinfrastrukturen ab, wobei Provider wie wir die jeweilige Schlagzahl der Expansionspläne mitgehen müssen.

IT-DIRECTOR: Welche Technologien nutzen Sie dafür – Glasfasernetze, Mobilfunk oder WLAN?
P. Molck-Ude:
Den Kunden ist es letztlich egal, ob ihre Lokationen über Mobilfunk oder Festnetz angebunden werden. Hauptsache, die Kommunikation funktioniert. Dennoch sollte man großes Augenmerk auf die zu vereinbarenden Service Level Agreements (SLA) legen: Welche Ausfallzeiten sind erlaubt? Welche Bandbreiten und Durchsatzraten wünschen die Kunden?

Bei der Ausgestaltung der SLAs gilt es überdies, die geografischen Anforderungen zu berücksichtigen. Nach wie vor gibt es Orte z.B. in Afrika oder Südamerika, an denen allein Mobilfunk- und keine Festnetzanbindungen möglich sind. Hier erfolgt die Anbindung der Lokationen dann via Mobilfunk mit entsprechenden Routern bzw. Hotspots.

IT-DIRECTOR: Inwieweit wäre die Nutzung von Satellitenkommunikation sinnvoll?
P. Molck-Ude:
Satelliten spielen stets eine wichtige Rolle, wenn an abgelegenen Standorten zügig neue Kommunikationswege aufgebaut werden sollen. Oder wenn bereits klar ist, dass dort in absehbarer Zeit weder Kabelleitungen noch Mobilfunkzellen installiert werden, wie etwa bei Ölplattformen.

Egal, welche Technologien: Wir stellen unseren Kunden weltweit Konnektivtät zur Verfügung – inklusive hoher Bandbreiten, Sicherheit und individuellen Leitungen, die beispielsweise auf MPLS-Netzen (Multi-Protocol Label Switching) basieren. Letzteres hat sicherlich seinen Preis, bietet gleichzeitig jedoch die nötige Sicherheit und Qualität.

IT-DIRECTOR: Was macht moderne MPLS-Netze aus?
P. Molck-Ude:
Während Firmen bislang vorrangig Virtual Private Networks (VPN) realisiert haben, erkennen wir zunehmend den Trend hin zur Nutzung hybrider Netze. Vor diesem Hintergrund bauen Kunden nach wie vor auf MPLS-Netze, um große Produktionswerke und Standorte anzubinden. Bei kleineren Vertriebsbüros und Dependancen hingegen setzen sie auf herkömmliche Internet-Verbindungen. Dabei ist es wichtig, das öffentliche Internet für geschäftliche Zwecke sicher zu machen. Speziell dafür setzen wir auf eine Partnerschaft mit Akamai, die es uns ermöglicht, in hybriden Netzen sowohl sichere MPLS-Dienste als auch öffentliche Internet-Verbindungen aufzubauen.

IT-DIRECTOR: Gilt dies auch für die angebotenen Cloud-Services?
P. Molck-Ude:
Ja, wobei im Rahmen unserer Cloud-Services bereits sämtliche Daten vor Ort beim Kunden verschlüsselt werden. Die annschließende Übertragung läuft ebenfalls verschlüsselt ab und die Entschlüsselung erfolgt erst wieder durch den jeweiligen Nutzer. In Kombination mit der Akamai-Technologie können wir dabei garantieren, dass alle Daten schnell und sicher „Ende zu Ende“ übertragen werden.

IT-DIRECTOR: Wie funktioniert der Umstieg auf hybride Netze?
P. Molck-Ude:
Jeder Kunde erhält ein speziell für ihn entworfenes Netz. Oftmals nehmen Unternehmen die Eröffnung neuer Standorte oder die Übernahme anderer Firmen zum Anlass, diese mittels hybrider Netze anzubinden. Für die Migration vorhandener Infrastrukturen auf das neue Netz wird dann ein gewisses Wartungsfenster – etwa am Wochenende – benötigt.

Als weitere Alternativen zu MPLS und öffentlichem Internet gelten Mobilfunkverbindungen: Damit können kleine Vertriebsbüros oder einzelne Außendienstmitarbieter mittels LTE ans Firmennetz angebunden werden. Dies kann sehr praktikabel sein, wenn die Mitarbeiter bereits ohne Festnetzanschluss auskommen und allein über Smartphone, Notebook und Tablet kommunizieren – Stichwort „Arbeitsplatz der Zukunft“.

IT-DIRECTOR: Inwieweit könnte es sein, dass die vorhandenen Netze im Zuge der Verbreitung von Digitalisierung und dem Internet der Dinge an ihre Grenzen stoßen?
P. Molck-Ude:
Dies ist eher unwahrscheinlich, denn die Gewährleistung hoher Bandbreiten ist weltweit immens wichtig, sodass die Netze überall kontinuierlich ausgebaut werden.

IT-DIRECTOR: Sollten bestimmte Inhalte bei der Übertragung über das öffentliche Internet priorisiert werden?
P. Molck-Ude:
Die sogenannte „Netzneutralität“ wird sicherlich auf künftig im Zuge der Verbreitung des Internets der Dinge heiß diskutiert werden. Denn hier man muss abwägen, was wichtiger ist: Das Streaming von Musikvideos oder die Übertragung von Verkehrsdaten beim autonomen Fahren. Zwangsläufig wird es Priorisierungen im Datenverkehr geben, die beim Design der Netze berücksichtigt werden müssen. Hierfür soll der neue Mobilfunkstandard 5G die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Denn diese Technologie setzt auf unterschiedlichen Layern auf, über die Datenströme übertragen, priorisiert und gesteuert werden können.

IT-DIRECTOR: Welche Anforderungen stellen autonome Fahrzeuge generell an die Netze?
P. Molck-Ude:
Im Zuge des autonomen Fahrens muss nicht nur die Kommunikation zwischen einzelnen Fahrzeugen (Car-to-Car-Kommunikation), sondern auch die regelmäßige Übertragung von Fahrzeugsignalen über das Mobilfunknetz möglich sein. Wichtig sind hierbei äußerst geringe Latenzzeiten und damit die Frage, wie man die benötigte Rechen-Power an den Straßenrand bekommt, ohne den Umweg über ein entferntes Data Center nehmen zu müssen, was die Performance deutlich beeinträchtigen würde. Hierfür eignen sich Technologien wie „Fog Computing“ und die damit verbundenen leistungsstarken Kleinstrechner (Edge Devices), die die dezentrale Datenverarbeitung ermöglichen.

IT-DIRECTOR: Mit der Verbreitung des Internets der Dinge häufen sich potentielle Angriffspunkte für Cyber-Kriminelle. Wie kann man solche Sicherheitslücken schließen?
P. Molck-Ude:
Da digitale Prozesse stets von funktionierenden Echtzeit- und damit Internet-Verbindungen abhängig sind, müssen die darunterliegenden Netze extrem sicher sein. Vor diesem Hintergrund können wir sowohl bei cloud-basierten Netzwerken als auch im klassischen Backbone sämtliche Bedrohungen wie Viren, Trojaner oder DDoS-Angriffe frühzeitig erkennen und herausfiltern.

IT-DIRECTOR: Wie machen Sie das?
P. Molck-Ude:
Wir haben innerhalb unserer Netze 180 sogenannte „Honey Pots“ installiert, mit denen wir Sicherheitsvorfällen auf die Spur kommen können. Dazu muss man wissen, dass Telekom und T-Systems täglich rund 800.000 Mal angegriffen werden. Wir nehmen alle Angriffe unter die Lupe und können so feststellen, welche Trojaner, Viren oder Ransomware aktuell ihr Unwesen treiben. Die daraus ermittelten Informationen nutzen wir zunächst, um unser eigenes Netz abzusichern. Im nächsten Schritt erhalten dann unsere Kunden sämtliche Sicherheitsinformationen. Darüber hinaus überprüfen wir kontinuierlich ca. 120.000 bei den Kunden installierte Router auf mögliche Sicherheitsvorfälle.

IT-DIRECTOR: Welche Rollen spielen neben Sicherheit sogenannte Software-defined Networks (SDN) für das Netz der Zukunft?
P. Molck-Ude:
Im Rahmen des Mobile World Congress haben wir Anfang des Jahres die „Next Generation Enterprise Networks Alliance (NGENA)“ angekündigt. Mit verschiedenen Partnern bieten wir Software-defined Networks auf einem gemeinsamen Netz an, um Kunden ein einheitliches, standardisiertes Angebot global bereitstellen zu können.

IT-DIRECTOR: Wie sieht das Konzept im Detail aus?
P. Molck-Ude:
Eine große Rolle spielen dabei die Qualität der jeweiligen lokalen Netze und der Zugang zur „letzten Meile“. Im Zuge der Allianz wollen wir sämtliche lokale Netze zusammenschalten, um sozusagen ein „Weltnetz“ zu generieren. Parallel beziehen wir verschiedene Services von 25 großen Rechenzentrumsbetreibern, die wir in das Netz integrieren. Auf diese Weise realisieren wir ein schlüssiges Software-defined Networks und umgehen Probleme mit Latenzzeiten.

Derzeit befinden wir uns noch in der Entwicklung des Projekts. Allerdings wollen wir bis voraussichtlich Mitte 2017 mit ersten Pilotkunden aufwarten; im Jahr 2018 soll die Plattform dann weltweit zur Verfügung stehen.

Bildquellen: Thinkstock/Wavebreak Media, Telekom

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