EU-Zugehörigkeit erleichtert Zusammenarbeit

Nearshore-Dienstleistungen sind gefragt

Im Interview berichtet Wendelin Frei, SVP Head of Telecommunications, Utilities, Services & Logistics bei NTT Data, in welchem Zusammenhang der IT-Fachkräftemangel in Deutschland und der Nearshore-Trend stehen.

Wendelin Frei, SVP Head of Telecommunications, Utilities, Services & Logistics bei NTT Data

IT-DIRECTOR: Herr Frei, inwiefern lässt sich IT-Off-/Nearshoring mit dem Fachkräftemangel in Deutschland erklären?
W. Frei:
Aufgrund der Tatsache, dass in fünf bis zehn Jahren am deutschen sowie europäischen Markt nicht ausreichend und bezahlbare Ressourcen vorhanden sein werden, entscheiden sich immer mehr große Unternehmen für die Verlagerung der IT-Entwicklung (inklusive Test und Wartung) nach Asien, speziell nach Indien. Zudem kommen schon heute mehr als zwei Drittel der IT-Absolventen aus dem asiatischen Raum.
Die Korrelation zwischen Nearshoring und dem Fachkräftemangel ist nicht signifikant. Es stellt sich viel eher die Frage, welche Arten von Dienstleistungen Nearshore-fähig sind, damit diese im Ausland effizienter erbracht werden können.

IT-DIRECTOR: Welche Dienstleistungen/Services werden von deutschen Großunternehmen häufig im Ausland angefragt?
W. Frei:
Es handelt sich hier überwiegend um immer wiederkehrende Services wie Application Management, Development, Test, Hosting der Infrastruktur und Supportservices. Eher weniger werden einmalige Dienstleistungen angefragt, wie zum Beispiel Prozess- oder Management-Beratung zu spezifischen Themenstellungen.

IT-DIRECTOR: Welche Länder sind besonders beliebt? Gibt es Regionen, die für bestimmte Fachbereiche spezialisiert sind?
W. Frei:
Grundsätzlich eignen sich Länder wie Indien, China und Vietnam sehr für Tätigkeiten, bei denen eine hohe Skalierbarkeit eine Rolle spielt. Länder wie Malaysia haben sich stark auf Service Desk Management eingestellt. Europäische Standorte wie Rumänien treten in Erscheinung, wenn deutsche Sprachkenntnisse oder die Bearbeitung in einem EU-Land entscheidend sind.

IT-DIRECTOR: Wie lässt sich der Nearshore-Trend erklären? Spielen die EU-Zugehörigkeit und die geringe Zeitverschiebung dabei eine Rolle?
W. Frei:
Hier spielen die kulturellen Gemeinsamkeiten im europäischen Raum, die EU-Zugehörigkeit und die schnelle Erreichbarkeit eine Rolle. Die geringe Zeitverschiebung (in Rumänien beispielsweise nur eine Stunde) erleichtert die Abstimmung. Einige Länder wie Rumänien punkten zusätzlich mit guten Deutschkenntnissen.

IT-DIRECTOR: Vor welchen Problemen stehen Unternehmen und ausländische Mitarbeiter in Bezug auf eine Aufenthaltsgenehmigung? (Stichwort Blue Card)
W. Frei:
Bei EU-Zugehörigkeit ist dieses Thema für Dienstleistungen zu vernachlässigen. Im Bereich Offshore spielt dies aber gerade in einer Transition, in der eine physische Anwesenheit in Deutschland notwendig ist eine Rolle. Die bürokratischen Stolpersteine zur Erlangung befristeter Aufenthaltsgenehmigungen inklusive Arbeitserlaubnis sind nicht zu unterschätzen. Auch ist es schwierig hierzu Standards zu definieren (Entsendung von Indien nach UK, von Indien nach Deutschland etc.).

IT-DIRECTOR: Welchen Vorteil bieten in diesem Zusammenhang agile Projektmethoden?
W. Frei:
Sofern agile Projektmethoden durch die dazu notwendigen Infrastruktur (VOIP, Videokonferenzsysteme, Bandbreite, Latenzzeiten etc.) unterstützt werden, bergen diese Methoden einen großen Vorteil: so können über die „Daily Standups“ die Arbeitsfortschritte täglich besprochen werden. Ein kurzfristiges Reagieren auf die Iterationsziele wird dadurch ermöglicht.

IT-DIRECTOR: Wie steht es um moralische Bedenken auf Unternehmensseite bezüglich politischer Unruhen (z.B. Arabischer Frühling), der Regierungsform oder sozialer Missstände (z.B. Kastensystem und Massenvergewaltigung in Indien)?
W. Frei:
Derzeit wurden wir hiermit noch nicht konfrontiert. 

IT-DIRECTOR: Welche Vorteile ergeben sich durch IT-Offshoring aus Ihrer Sicht für Unternehmen und welche negativen Folgen resultieren daraus für die deutsche Wirtschaft?
W. Frei:
Unternehmen können damit den Risiken des demographischen Wandels entgegen wirken. Die Flexibilität der IT wird maßgeblich erhöht. Negative Folgen für die deutsche Wirtschaft können unter Umständen die zusätzliche Abhängigkeit von der Leistungsfähigkeit anderer Länder sein. Sollte Offshoring nur zur Kostenersparnis genutzt werden, hätte dies auch Auswirkungen auf Arbeitsplätze in Deutschland.

IT-DIRECTOR: Bitte geben Sie drei Tipps, worauf Unternehmen bei der Wahl des ausländischen Dienstleisters achten müssen.
W. Frei:

  1. Wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens und Erfahrung in größeren Transition-Projekten.
  2. Ausreichende Fokussierung auf die Bindung und Motivation der Mitarbeiter, zur Vermeidung einer hohen Fluktuation. Zudem sollten die Mitarbeiter gute Englischkenntnisse haben.
  3. Flexibles Delivery Modell, welche fall- und situationsbezogene den richtigen Mix von On-Site, Near- und Offshore bieten kann. Die Delivery Kapazitäten sollten dabei nicht nur in einem Land liegen.

 

 

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