„Spezialdienste sind Dienste der Zukunft“

Netzneutralität – ja oder nein?

Im Interview betont VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner, dass die sogenannten „Spezialdienste“ die Dienste der Zukunft sind und „daher müssen wir die Möglichkeiten offenhalten und auf die Kräfte des Wettbewerbs vertrauen. Wenn sich Missbräuche erkennen lassen, muss man gegensteuern“. Das sei alle Male besser, als Neues allein aus Angst abzuwürgen.

Jürgen Grützner, VATM

„Wenn ein Dienst besondere technische Anforderungen benötigt, dann funktioniert er besser in einem gesicherten Umfeld, während ein anderer Dienst dieses Umfeld eben nicht benötigt“, erklärt VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner.

IT-DIRECTOR: Herr Grützner, im Oktober 2015 hat das EU-Parlament nach längeren Verhandlungen das so genannte „EU-Telekom-Paket“ verabschiedet. Die Gemüter sind gespalten. Wer sind Ihrer Ansicht nach die Gewinner, wer die Verlierer des Beschlusses?
J. Grützner:
Die Bürger sind die Gewinner, denn Eingriffe sind möglich, wenn etwas schiefgeht, aber nicht nötig, wenn der Wettbewerb wie in Deutschland dafür sorgt, dass die Unternehmen, die verbraucherunfreundliche Beschränkungen auch nur versuchen, Kunden verlieren und so zu einem kundenfreundlichen Verhalten genötigt werden. Genau das ist viel effizienter, als ins Blaue hinein zu regulieren.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet der Beschluss konkret für die „Netzneutralität“ in Deutschland?
J. Grützner:
Der Regulierer hat weitreichende Kontrollbefugnisse und kann eingreifen, wenn es erforderlich ist. Das System hat sich bewährt. Käme es zu Problemen, kann schnell gegengesteuert werden.

IT-DIRECTOR: Das neue Gesetz verpflichtet die Anbieter von Internetzugangsdiensten, den gesamten Verkehr bei der Erbringung solcher Dienstleistungen gleich zu behandeln, ohne Diskriminierung, Beschränkung oder Störung sowie unabhängig von Sender/Empfänger und den jeweiligen Inhalten. Doch was geschieht z.B. bei einer Netzüberlastung? Nach welchen Regeln werden welche Dienste bevorzugt behandelt?
J. Grützner:
Genau dies soll der Kunde bestimmen können, wenn er dies wünscht. Sport TV oder Skype mit bester Bildqualität? Im Fall der Fälle soll nicht der Staat, sondern der Kunde entscheiden, welche Regeln gelten. Und mit den neuen Transparenzregeln und vertraglichen Zusagen hinsichtlich der Qualität wird sich ein Anbieter ohnehin nicht mehr leisten können, weniger zu bieten, als dem Kunden versprochen wurde.

IT-DIRECTOR: Wer entscheidet über diese „Verkehrsmanagement-Maßnahmen“?
J. Grützner:
Das Unternehmen muss die Hoheit über die Technik haben, damit möglichst wenig Behinderungen auftreten und das Netz optimal funktioniert.

IT-DIRECTOR: Wo finden sich Ihrer Meinung nach Schlupflöcher innerhalb der Regelungen, die im Oktober grünes Licht bekamen?
J. Grützner:
Die Regeln versuchen, zukünftige Szenarien zu erfassen, und können daher nicht abschließend sein. Erst die Zukunft wird zeigen, ob es überhaupt zu Problemen kommt und diese dann nicht im Rahmen der geltenden Regelungen gelöst werden können. Nicht das Geringste deutet real darauf hin, jedenfalls nicht in Deutschland.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Spezialdienste“: Der Text sieht vor, dass TK-Unternehmen „Spezialdienste“ anbieten dürfen – ausgelagert auf „bezahlten Überholspuren“. Warum braucht es überhaupt Spezialdienste im Netz? Und was könnten solche Spezialdienste konkret sein?
J. Grützner:
Das sind Dienste mit besonderen Anforderungen, die die neuen Netzqualitäten ermöglichen, aber nicht in jedem Falle ohne technische Vorkehrungen auch sicher erfüllen. Hochauflösendes Fernsehen oder Gesundheitsdienste können sich mit besserer Qualität als in der Best-Effort-Welt etablieren und der Kunde kann den Nutzen eher erkennen – wenn er dies wünscht.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ist die Privilegierung von Daten im Internet mit der Netzneutralität vereinbar? Beißt sich das nicht?
J. Grützner:
Nein, eben nicht! Wenn ein Dienst besondere technische Anforderungen benötigt, dann funktioniert er besser in einem gesicherten Umfeld, während ein anderer Dienst dieses Umfeld eben nicht benötigt. E-Mail verträgt Verzögerungen und Datenverluste viel problemloser als HD-Fernsehen. Wird es gleich behandelt, kann der Kundennutzen erheblich vermindert sein.

IT-DIRECTOR: Und welche Folgen hätte das Angebot an Spezialdiensten konkret für kleinere Internetdienstleister/Hoster/Start-ups mit geringen Budgets oder auch beispielsweise Video-/Webkonferenzanbieter?
J. Grützner:
Wenn man es richtig macht und Start-ups unterstützt: keine. Im Gegenteil: Sie können gegenüber etablierten Anbietern sogar profitieren. Nachteile sind vermeidbar, wenn wir gemeinsam die richtigen Regeln machen – und dafür sind wir offen. Die bloße Behauptung von Nachteilen gefährdet sogar die Möglichkeit, den jungen Unternehmen verbesserte Startchancen zu geben.

IT-DIRECTOR: Wie könnten spezifische Regeln für jene Spezialdienste aussehen?
J. Grützner:
Es sind die Dienste der Zukunft und daher müssen wir die Möglichkeiten offenhalten und auf die Kräfte des Wettbewerbs vertrauen. Wenn sich Missbräuche erkennen lassen, muss man gegensteuern. Das ist alle Male besser, als Neues allein aus Angst abzuwürgen. Wer die Chance auf Neues nutzt, hat auch eine Chance, dass innovative Produkte zukünftig nicht nur aus asiatischen und amerikanischen Technologie- und Marketingzentren kommen.

IT-DIRECTOR: Für wie wahrscheinlich halten Sie ein „Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür“?
J. Grützner:
Es wird und darf keine Hintertür geben. Es gibt kein Zwei-Klassen-Netz, aber unterschiedliche Anforderungen an Dienste, die es so früher eben bei sehr schlechter Qualität des Internets gar nicht gab.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sind letztlich die Endnutzer vom EU-Telekom-Paket betroffen?
J. Grützner:
Sie sind stark betroffen und wir müssen jetzt das Richtige daraus machen – zum Nutzen unserer Kunden und unserer nachhaltigen Geschäftsmodelle, die neue Qualitätsmöglichkeiten des Internet ausschöpfen wollen und können.

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