Big Data Analytics, Industrie 4.0 und IoT

Neuausrichtung mit Blick auf die Daten

Im Interview erklärt Daniel Dalle Carbonare, Geschäftsführer von Hitachi Vantara in Deutschland, warum man sich im Zuge der Neuausrichtung des Konzerns nicht mehr nur auf klassische Infrastrukturthemen konzentriert, sondern zunehmend datengetriebene Aspekte in den Vordergrund rückt. Weit oben auf der Liste stehen dabei Big Data Analytics, Industrie 4.0 und Internet of Things (IoT).

Daniel Dalle Carbonare, Hitachi Vantara

Daniel Dalle Carbonare, Hitachi Vantara

IT-DIRECTOR: Herr Dalle Carbonare, was verbirgt sich hinter dem Namen „Vantara“?
D. Dalle Carbonare:
Dahinter steckt ein selbst kreiertes Kunstwort. Mit der Umfirmierung wollten wir ein Zeichen dafür setzen, dass in unserem Unternehmen wichtige Veränderungen stattgefunden haben. Gleichzeitig haben wir damit den Weg bereitet, dass sich der Konzern hinsichtlich der Informationstechnologien komplett neu aufstellen wird.

IT-DIRECTOR: Hitachi wurde in der Vergangenheit häufig mit Servern und Storage in Verbindung gebracht. Wie geht es hier weiter?
D. Dalle Carbonare:
Unsere bisherige Angebotspalette bleibt bestehen. Hinzukommen jedoch zahlreiche neue Geschäftsfelder, so haben wir etwa unsere Kompetenzen rund um Datenmanagement ausgebaut.

IT-DIRECTOR: Worauf kommt es dabei in Zukunft besonders an?
D. Dalle Carbonare:
Wir haben zuletzt einige Unternehmen hinzugekauft, mit denen auch neue Technologien Einzug in unseren Konzern hielten. Dazu zählt beispielsweise die Übernahme des Big-Data-Analytics-Anbieters Pentaho. Parallel dazu begründeten wir selbst mehrere Firmen. Eine davon ist die Hitachi Insight Group, die sich vorrangig um alle Themen rund um das Internet der Dinge kümmert. Insgesamt wurden innerhalb des Hitachi-Konzerns zuletzt 25 neue IT-Unternehmen gegründet.

IT-DIRECTOR: Was können sich die Kunden von der Neuausrichtung konkret versprechen?
D. Dalle Carbonare:
Nach wie vor stehen Daten im Mittelpunkt unseres Geschäftsmodells. Darüber hinaus haben wir unsere Lösungsansätze nun erweitert und können den Kunden dabei helfen, sich mit modernem Datenmanagement zahlreiche Vorteile zu verschaffen. Sprich: Während wir früher mit Storage, Servern und Mainframes die Verfügbarkeit, Datenspeicherung, -sicherung, -verwaltung und -verarbeitung in den Vordergrund gestellt haben, geht es im nächsten Schritt um eine schnellere und bessere Integrationsfähigkeit der Daten in IT-Landschaften. Wir wollen sämtliche Daten derart bereitstellen, dass sie problemlos für neue Technologien wie Blockchain oder IoT genutzt werden können.

IT-DIRECTOR: Welche Datenquellen eignen sich dafür?
D. Dalle Carbonare:
Laut aktuellen Studien sammeln rund 80 Prozent der Unternehmen alle Daten, die in ihrem Betrieb produziert werden oder – salopp gesagt –, die ihnen unter die Finger kommen. Dies ist jedoch kaum zielführend, denn nur rund 25 Prozent der Unternehmen nutzen ihre Daten, um strategische Vorteile zu erzielen. Das heißt, man besitzt zwar Unmengen an Daten, zieht jedoch keinen konkreten Nutzen daraus.

Darüber hinaus erhält das Datenmanagement mit der Verbreitung des Internets der Dinge eine weitere Dimension. Diese ist alles andere als trivial, denn allein mit den von Sensoren gesammelten Maschinendaten kommen exorbitant hohe Datenvolumina hinzu.

IT-DIRECTOR: Wie kann man sich mit intelligenter Datenanalyse Vorteile verschaffen?
D. Dalle Carbonare:
Damit können die Verantwortlichen Produktentwicklungen schneller auf den Markt bringen. Überdies können entsprechend aufbereitete Daten dazu genutzt werden, um bessere Einblicke ins Kundenverhalten zu erhalten und Kundenbindungen zu stärken. Nicht zuletzt benötigen sämtliche aktuellen Technologien eine fundierte Datenbasis. Denn damit Unternehmen Daten mittels Blockchain austauschen können, müssen Datenmobilität und -sicherheit gewährleistet sein.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung?
D. Dalle Carbonare:
Im Rahmen von Big Data Analytics oder Künstlicher Intelligenz (KI) gilt generell, dass Daten ausschließlich gesetzeskonform gesammelt und vorgehalten werden dürfen. Im nächsten Schritt müssen die Verantwortlichen wissen, welche Daten wichtig sind und wie diese am besten aufbereitet und visualisiert werden können.

Als Beispiel dienen Automobilhersteller: Sie sammeln nicht nur Unmengen von Daten entlang des gesamten Lebenszyklus` ihrer Fahrzeuge, sondern auch Daten, die kontinuierlich während der Fahrt erhoben werden. Vor diesem Hintergrund bieten wir den Herstellern die Möglichkeiten, alle Daten zu analysieren, zu abstrahieren, zu integrieren oder auch zu automatisieren. Bei letzterem spielen wiederum die Facetten von Künstlicher Intelligenz und selbstlernenden Systemen, sprich Machine Learning, hinein.

IT-DIRECTOR: Inwiefern nutzen Sie die aufgezählten Technologien für eigene Prozesse?
D. Dalle Carbonare:
Wir wollen die Digitalisierung des gesamten Hitachi-Konzerns vorantreiben und damit sämtliche Geschäftsbereiche – darunter den Energie-, Finanz-, Industrie- und Logistiksektor sowie den Öffentlichen Bereich – durchdringen. Hierfür liefern wir beispielsweise integrierte IoT-Komponenten und Komplettpakete wie „Transportation as a Services“. Im gesamten Konzern beschäftigen wir mehrere tausend Data Scientists, die weltweit eingesetzt werden können. Sie und alle weiteren Consultants bringen nicht nur IT-Know-how, sondern auch Wissen rund um Operational Technology (OT) in die Kundenprojekte ein.

IT-DIRECTOR: Sie sprachen die Nutzung von IoT-Komponenten an. Welche könnten dies sein?
D. Dalle Carbonare:
Alle vom Hitachi-Konzern produzierten Baustellenfahrzeuge sind mittlerweile mit Sensoren ausgestattet, wodurch sich die Einsatzplanung effektiver gestaltet. Unsere Bagger etwa können wichtige Informationen weitergeben: Wo befindet sich die Maschine gerade? Wie hoch ist deren Auslastung? Wie sieht der Verschleiß des Fahrzeugs aus? Wann sollte die nächste Wartung anberaumt werden? Die Antworten darauf müssen nun mit den entsprechenden ERP- oder Produkt-Lebenszyklus-Management-Systemen (PLM) verknüpft werden, was derzeit noch eine der größten Herausforderungen darstellt. Denn es ist das Eine, unzählige Maschinendaten zu generieren. Das Andere ist es, diese nicht autonom an irgendeiner Stelle vorzuhalten, sondern sie in alle geschäftsrelevanten Systeme zu integrieren.

IT-DIRECTOR: Lässt sich eine durchgängige Integration der in vielen Unternehmen noch immer vorhandenen Altsysteme überhaupt realisieren?
D. Dalle Carbonare:
Dies gestaltet sich mitunter schwierig, auch, da die Komplexität in Zukunft weiter steigen wird. Von daher müssen sich über kurz oder lang in der Industrie 4.0 und im Internet der Dinge allgemeingültige Standards durchsetzen.

Um ein konsistentes Datenmanagement aufzubauen, muss die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit gewährleistet sein. Dabei übernehmen IT-Abteilungen heutzutage ganz andere Aufgaben als noch vor zehn Jahren. Zudem werden häufig neue Positionen etabliert, wie die des Chief Digital Officers. In seinen Aufgabenbereich fällt nicht nur die Verbesserung interner Verwaltungsabläufe mittels IT, sondern vor allem auch die Digitalisierung der Geschäftsmodelle.

IT-DIRECTOR: Apropos Zusammenarbeit: Inwieweit sind die Betriebsräte bei der Einführung von Big-Data-Analytics oder IoT-Lösungen involviert?
D. Dalle Carbonare:
Generell ist Digitalisierung ein strategisches Thema in Unternehmen, wozu naturgemäß auch die Berücksichtigung arbeits- und datenschutzrechtlicher Aspekte gehört. Von daher gilt es, Personalabteilungen und Betriebsräte eng in Digitalprojekte einzubinden.

Wie dies funktionieren kann, zeigen Projekte im Logistikbereich: Mittels Nachverfolgung und Vernetzung werden einerseits die Frachtabläufe beschleunigt, andererseits aber auch die Fahrer kontrolliert. Man kann zu jederzeit nachvollziehen, welcher Fahrer sich gerade in welchem Fahrzeug und an welchem Ort aufhält. Dabei gerät man schnell in eine rechtliche Grauzone. Von daher sollten die Anwendungsszenarien entsprechend anonymisiert und die Zustimmung seitens des Betriebsrats eingeholt werden.

IT-DIRECTOR: Gilt dies über den Logistikbereich hinaus nicht für alle Nutzerdaten?
D. Dalle Carbonare:
Doch, denn Unternehmen müssen den Zugriff auf ihre Daten grundsätzlich gemäß gesetzlicher Vorgaben regeln – Stichwort Compliance. Darüber hinaus muss klar sein, wer die Datenhoheit besitzt. Hier wird auf lange Sicht allein die enge Abstimmung zwischen IT, Datenschutzbeauftragten und Betriebsrat erfolgreich sein.

Insbesondere bei Analytics- oder IoT-Projekten sollte bereits im Vorfeld geklärt werden, welche User die Daten für welche Zwecke nutzen dürfen. Zudem sollte der rechtliche Rahmen früh abgesteckt sein, da dieser etwa hinsichtlich Co-Creation, Urheberrecht und geistigen Eigentums recht komplex sein kann.

IT-DIRECTOR: Was genau meinen Sie mit Co-Creation?
D. Dalle Carbonare:
Das zeigt eines unserer aktuellen Projekte: Für die staatlichen Hochgeschwindigkeitszüge in Großbritannien haben wir nicht nur die kompletten Software-Systeme und Infrastrukturen, sondern auch das gesamte Betriebskonzept inklusive Fahrplänen, Ticketing, Maintenance, Management und Überwachung realisiert. Die Gesamtlösung wiederum bezieht die englische Regierung als klassisches „As-a-Service“-Modell von uns.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Im Rahmen dieses Projekts arbeiten wir mit lokalen Anbietern zusammen, die ergänzende Lösungen entwickeln und in das Gesamtkonstrukt einbringen. In solchen Fällen ist es wichtig, Verantwortung, Sicherheit und Eigentumsrechte genau zu regeln.

IT-DIRECTOR: Welche Partner könnten dies sein?
D. Dalle Carbonare:
Die Kommunikationslösungen für unser Bahnprojekt stammen beispielsweise von Vodafone. Wir haben uns an dieser Stelle ganz bewusst für die Zusammenarbeit mit einem Spezialisten entschieden. Während der Fahrt werden sehr viele Fahrzeugdaten gesammelt und zur Auswertung übermittelt. Dies kann bei Tempo 300 durchaus recht kritisch werden, von daher benötigten wir Netze mit geringen Latenzzeiten, was der britische TK-Anbieter liefern konnte.

Bildquelle: Hitachi Vantara

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok