Zurück auf die Erfolgsspur

Neuer Fokus bei Blackberry: Software statt Hardware

Im Interview erklärt Jürgen Müller, Managing Director der Enterprise Sales Region Zentraleuropa und Site Manager bei Blackberry, wie der kanadische Smartphone-Pionier seinen Produktschwerpunkt verschiebt

  • Jürgen Müller, Blackberry

    „Wir stehen wieder auf gesunden Füßen und können mittlerweile seit über zehn Quartalen wieder operative Gewinne vorweisen“, so Jürgen Müller, Blackberry.

  • Jürgen Müller, Blackberry

    „Sobald Firmendaten mobil bereitgestellt werden, müssen sie abgesichert werden. Dabei müssen die gleichen Policies und Richtlinien gelten, wie bei der Verarbeitung innerhalb des Unternehmens“, sagt Jürgen Müller, Blackberry.

  • Jürgen Müller, Blackberry

    Jürgen Müller, Blackberry: „Es ging uns nicht allein darum, Android-Geräte auf den Markt zu bringen, vielmehr hatte auch Google großes Interesse daran, endlich eine sichere Plattform für Android zu bauen.“

  • Jürgen Müller, Blackberry

    Jürgen Müller, Blackberry: „Im Test zeigte sich, dass bei einem Device im Ruhemodus innerhalb von 14 Tagen allein über Social Media 250.000 Mal auf die Kontakte zugegriffen wird.“

Seit der Ex-Sybase-CEO John Chen die Geschicke des kanadischen Mobility-Anbieters Blackberry im Jahre 2013 übernahm, ergriff er diverse Maßnahmen, das Unternehmen zurück in die Erfolgsspur zu führen. Zahlreiche Akquisitionen im Software-Bereich werden ergänzt durch die Einführung von Android-Devices sowie durch die Aufkündigung der Blackberry-Ikone schlechthin, des Tastatur-Smartphones ‚Classic’. Darüber, wie das Unternehmen den angestrebten Turnaround in Deutschland bewerkstelligen will, sprachen wir mit Jürgen Müller, der seit anderthalb Jahren das Enterprise-Software-Geschäft in Zentraleuropa verantwortet.

IT-DIRECTOR: Herr Müller, Blackberry ist gerade dabei, sich neu aufzustellen. Wie würden Sie die Entwicklungen der letzten Jahre zusammenfassen?
J. Müller:
2013 war ein schwieriges Jahr für Blackberry. Damals lag der Fokus noch mehr als heute auf den Devices. Und wir alle wissen, dass andere Anbieter in diesem Segment in den Jahren zuvor sehr große Marktanteile hatten hinzugewinnen können.

iOS- und Android-Geräte liegen in der Gunst der Endverbraucher bereits seit langem weit vorne, wobei man einschränkend hinzufügen muss, dass Blackberry den Consumer-Markt in Deutschland nie sonderlich im Fokus hatte, sondern immer das Enterprise-Geschäft. Aufgrund solcher Entwicklungen wie ‚Bring Your Own Device’ jedoch waren die Mitarbeiter indirekt verstärkt in IT-Entscheidungen und IT-Investitionen involviert. Überspitzt gesagt haben die Mitarbeiter die IT-Leiter zunehmend in Richtung iOS und Android gedrängt.

IT-DIRECTOR: Wobei BYOD für Unternehmen nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.
J. Müller:
Stimmt, aber auch im Rahmen anderer Bereitstellungsszenarien, in denen die Mitarbeiter ‚ihre’ Geräte privat und geschäftlich nutzen können, gab und gibt es starke Präferenzen in Richtung iOS und Android. Zu nennen wäre hier das Modell Corporate Owned, Private Enabled (COPE).

Auch wenn das Gerät in diesem Falle dem Unternehmen und nicht dem Mitarbeiter gehört, sind die meisten Firmen bestrebt, den Mitarbeitern die von ihnen nachgefragten Modelle bereitzustellen.

IT-DIRECTOR: Wie positioniert sich Blackberry in diesem schwierigen Umfeld?
J. Müller:
Unsere großen Stärken sind nach wie vor die Themen Sicherheit und Produktivität. Wir adressieren fast ausschließlich das Enterprise-Segment und sind der Anbieter, der das sicherste Smartphone herstellt. Erst kürzlich wurde das neue DTEK 50, mit denselben Schutzmechanismen des PRIV, als sicherstes Android-Gerät auf den Markt gebracht. Ebenso ist der Sicherheitsaspekt immer noch das herausragende Merkmal der Devices mit unserem eigenen Betriebssystem, Blackberry 10. Diese Geräte bieten noch höhere Sicherheitsstandards.

IT-DIRECTOR: Wie bewerten Sie die generelle Entwicklung seit 2013?
J. Müller:
Seit dem Eintritt von John Chen konnte die wirtschaftliche Situation des Unternehmens entscheidend verbessert werden. Blackberry steht jetzt wieder auf gesunden Füßen. Konkret heißt das: Nachdem wir zuvor operativen Verlust eingefahren hatten, können wir jetzt seit über zehn Quartalen wieder operative Gewinne vorweisen und trotz der Akquisitionen in den vergangenen Jahren haben wir ein finanzielles Polster von über 2,5 Mrd. US-Dollar.

IT-DIRECTOR: Wie haben Sie das geschafft?
J. Müller:
Zum einen natürlich durch Kosteneinsparungen und durch die Fokussierung auf das Kerngeschäft. Strategisch ebenso wichtig ist jedoch die verstärkte Positionierung als Software-Company. Wir haben nach wie vor einen sehr starken Namen in den Bereichen Security und Productivity, was heute als Grundlage dafür dient, entsprechende neue Software-Angebote in den Markt zu tragen. Dabei geht es natürlich um die Weiterentwicklung unserer eigenen Software rund um den Blackberry Enterprise Service (BES). Darüber hinaus haben wir einige Akquisitionen getätigt. Über den Zeitraum der vergangenen zwei Jahre hinweg wurde über eine Milliarde US-Dollar in den Aufkauf neuer Firmen investiert.

IT-DIRECTOR: Darunter das Düsseldorfer Unternehmen Secusmart ...
J. Müller:
... das neben dem berühmten Merkel-Phone auch Enterprise-Lösungen zur sicheren, verschlüsselten Telefonie anbietet. Zudem haben wir die Firma Watchdox übernommen, die sich auf sichere Dokumentenlösungen unter dem Stichwort Digital Rights Management spezialisiert hat. Ein Thema übrigens, bei dem Gartner die Watchdox-Lösung als marktführend bei der Sicherheit eingestuft hat. 

Dabei geht es darum, dass versendete Dokumente mit entsprechenden Rechten versehen und über diese Rechte gesteuert werden können. Auf diesem Gebiet gibt es mittlerweile interessante Weiterentwicklungen, beispielsweise lässt sich Watchdox direkt mit Salesforce verknüpfen. Man kann im CRM-System eine Projektnotiz erstellen und direkt mit den entsprechenden Rechten für den Empfänger versehen. Der Textersteller muss das Programm nicht verlassen, es entsteht also ein durchgängiger Prozess.

IT-DIRECTOR: Warum sollte man eine im CRM-System erstellte Notiz mit Rechten versehen? Man will doch, dass die Information alle relevanten Personen im Unternehmen erreicht?
J. Müller:
Wenn man beispielsweise ein Angebot mit begrenzter Gültigkeit verschicken möchte, kann man es aus der App (Salesforce) heraus direkt mit einem Ablaufdatum versehen. Der Versender kann auch nachverfolgen, wer das Dokument gelesen hat. Das notwendige Plug-in, um mit Watchdox-Rechte vergeben zu können, gibt es für Salesforce und Outlook.

IT-DIRECTOR: Gab es weitere Zukäufe?
J. Müller:
Zusätzlich zu den genannten haben wir den Anbieter AtHoc übernommen, der eine Plattform für die sichere Krisenkommunikation entwickelt hat.

IT-DIRECTOR: Was verstehen Sie unter Krisenkommunikation?
J. Müller:
Der Begriff ‚Krise’ lässt sich sehr weit fassen: Es kann einerseits ein Brand in einer Produktionshalle oder eine Naturkatastrophe wie eine Überschwemmung sein, es kann aber auch ein Terroranschlag sein, wie er in den USA und zunehmend auch in Europa leider immer häufiger vorkommt. Im Rahmen einer effizienten Krisenkommunikation geht es darum, Mitarbeiter, andere Organisationen und Hilfskräfte, aber auch die Bevölkerung schnellstmöglich zu informieren und Einsätze zu koordinieren. Die Anschläge in Brüssel etwa haben starke und langwierige Auswirkungen auf die Prozesse mehrerer großer Logistikunternehmen gehabt. An dieser Stelle gilt es, Systeme zu etablieren die eine bessere Koordination im Krisenfall ermöglicht.

Eine Krise ist eine Störung im laufenden Prozess und kann auch viel trivialer sein: dass beispielsweise eine Produktionsmaschine oder ein Server ausfällt und dadurch die normalen Geschäftsprozesse entscheidend gestört oder gar unterbrochen sind. Dann muss man Wege finden, wie man diese Prozesse schnellstmöglich wiederherstellt. Dabei hilft unsere Plattform.

IT-DIRECTOR: In Deutschland sind bereits Krisenkommunikationsplattformen im Einsatz, die sind jedoch meist Ländersache (Kat Warn). Wie wollen Sie potentielle Anwender überzeugen?
J. Müller:
Firmen und öffentliche Einrichtungen müssen sich leider immer häufiger mit solchen Themen beschäftigen, seien es Überschwemmungen oder Terroranschläge. Entsprechend positionieren wir die Plattform an den relevanten Stellen. Der Hauptunterschied zwischen den bislang meist eingesetzten Tools und AtHoc besteht darin, dass unsere Software eine Zwei-Wege-Kommunikation zulässt. Andere Lösungen erlauben meist nur die Kommunikation in eine Richtung: Man kann zwar eine große Anzahl an Menschen über eine Gefahrenlage in Kenntnis setzen, erhält jedoch keine Rückmeldung.

Mit unserer Plattform kann man im Krisenfalle Informationen versenden und relevante Informationen erhalten. Wird eine aktuelle Warnmeldung herausschickt, kann man dem Adressaten verschiedene Antwortmöglichkeiten einräumen: Drücke 1, wenn Du nicht betroffen bist, drücke 2, wenn Du am Ort des Geschehens bist, aber keine Hilfe benötigst und drücke 3, wenn Du Hilfe benötigst. Daraufhin lässt sich die Gefahrenlage schneller abschätzen, die Reaktion kann viel gezielter erfolgen. Die Nachrichtenempfänger fungieren – wenn man so will – als lebende Sensoren, die den aktuellen Stand der Dinge vor Ort viel genauer als bislang möglich schildern können.

IT-DIRECTOR: Welche weiteren krisenrelevanten Funktionalitäten gibt es?
J. Müller:
Der Administrator kann im Vorhinein den Empfängerkreis eingrenzen, so dass Meldungen nur an Mitarbeiter oder Menschen im  Umkreis von einem Kilometer um eine Gefahrenstelle herum versandt werden.

Eine weitere Funktionalität ist die direkte Warnung durch die Mitarbeiter. In den USA wird die App beispielsweise von einer Eisenbahngesellschaft genutzt. Sobald die Mitarbeiter ein verdächtiges Gepäckstück identifizieren, können sie über die App ein Foto an den Administrator versenden, der daraufhin gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen kann.

Unternehmen und Organisationen können zudem untereinander in Kontakt treten, Warnungen weiterleiten oder Kontakt zu Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdiensten aufnehmen. Eine Organisation kann, ähnlich wie in einem Social Network, per Einladung Teilnehmer hinzufügen. Je größer das Netzwerk der Organisationen, desto effektiver die Reaktionen. Außerdem kann man Warnungen großflächig verteilen.

IT-DIRECTOR: Braucht die eingeladene Firma denn nicht die Applikation selbst?
J. Müller:
Laut unserer Lizenzvereinbarungen kann die eingeladene Firma bis zu einer gewissen Anzahl Personen passiv mitwirken lassen, im Falle der aktiven Nutzung braucht sie natürlich eigene Lizenzen.

IT-DIRECTOR: Eine weitere, sehr bedeutende Akquisition war die von Good Technology?
J. Müller:
Good war unsere letzte größere Akquisition: ein erfolgreicher Mobility-Anbieter, mit dem wir jahrelang in intensivem Wettbewerb standen. Es ging allerdings nicht darum, das Unternehmen vom Markt zu nehmen, als vielmehr um die sinnvolle Ergänzung unseres Portfolios. Denn mit dieser offenen Plattform haben wir im Enterprise Mobility Management die Möglichkeit, alle Betriebssysteme und Gerätetypen einzubinden. Mit der Software können Unternehmen ihre Geschäftsdaten sicher auf allen mobilen Endgeräten bereitstellen, sie verteilen und gemäß höchster Sicherheitsstandards arbeiten.

Good war zudem sehr gut im Markt positioniert, so dass wir nicht nur eine Spitzentechnologie hinzugekauft haben, sondern auch unseren Kundenkreis erweitern konnten.

IT-DIRECTOR: Wie weit sind Sie mit der Integration des Zukaufs?
J. Müller:
Die Übernahme war im Oktober 2015 abgeschlossen. Danach gab es zwei Hauptaktivitäten: Einerseits mussten wir die Produkte und Produktfunktionalitäten zusammenführen. Dabei stellte sich heraus, dass sich die jeweiligen Funktionalitäten beider Produkte bestens ergänzen und sie sich daher gut zusammenführen lassen. So decken wir den gesamten Themenbereich MDM mit den Funktionalitäten unseres bewährten BES ab, wohingegen das Applikationsmanagement und die sicheren Container von Good stammen.

Im Januar sind wir mit fünf Produkt-Suites mit jeweils unterschiedlichen Ausprägungen auf den Markt gekommen. Es gibt beispielsweise Kunden, die im Grunde ‚nur’ MDM benötigen, es gibt aber auch Kunden, die eigene Applikationen verteilen wollen oder solche Anwender, die Digital Rights Management einbeziehen wollen. Für diese unterschiedlichen Anforderungen wurden die jeweils passenden Pakete geschnürt.

Von der technischen Seite existiert hier ein fester Zeitplan, bis wann beide Produkte – Good und Blackberry – final zusammengeführt sein werden. Diesen Zeitplan werden wir einhalten. Bereits heute gibt es nur noch eine Administrationsoberfläche für beide Plattformen.

Bald wird auch nur noch ein physikalischer Server benötigt werden. Vorher brauchte man jeweils einen für Good und einen für Blackberry, in Kürze haben wir dann beide Produkte auf einem physikalischen Server zusammengeführt. Darunter können natürlich weiterhin unterschiedliche Software-Server betrieben werden.

IT-DIRECTOR: Wie ist es denn um die organisatorische Zusammenführung der beiden Unternehmen bestellt?
J. Müller:
Organisatorisch haben wir die Teams integriert. Dabei ging es darum, die Kollegen, die sich jahrelang im Wettbewerb gegenüberstanden, dazu zu bringen, den Markt als gemeinsame Mannschaft zu adressieren.

IT-DIRECTOR: Wenn aber doch die Produkte so komplementär sind, kann das Gegenüberstehen doch so heftig nicht gewesen sein?
J. Müller:
Blackberry hatte zuvor neben den eigenen Produkten auch OEM-Technologien im Angebot, die es uns ermöglichten, Containerlösungen auf Android- und iOS-Geräten zu positionieren. Auf diese Weise konnte auch Blackberry rudimentär Open Platform anbieten. Aber zum einen waren die Produkte nicht so gut wie die von Good, zum anderen war es eine zugekaufte Technologie, was manchmal Schwierigkeiten verursachte. Wenn beispielsweise eine neue iOS-Betriebssystemversion herauskam, konnten wir diese häufig erst mit zeitlicher Verzögerung unterstützen. Jetzt hingegen steuern wir die Entwicklungszyklen selbst und können viel schneller auf die Markt- und Kundenanforderungen reagieren.

IT-DIRECTOR: Nun gibt es gefühlte 150 MDM-Lösungen, von Spezialisten wie Mobile Iron oder Airwatch ebenso wie von Anti-Viren-Anbietern. Wie können die Kunden überhaupt noch Unterschiede herausfiltern?
J. Müller:
Wenn es rein um MDM geht, wird es schwierig. Meist werden lediglich Funktionalitätslisten abgeglichen. Natürlich setzt jeder Anbieter unterschiedliche Schwerpunkte, dennoch ist MDM mittlerweile Standard für das Management mobiler Geräte. Inzwischen fragen viele Unternehmen denn auch vermehrt höherwertige Dienste an, meist mit einer direkten Verbindung zu den Kerngeschäftsprozessen. Wie man z.B. eine CRM-Lösung wie Salesforce in einem sicheren Container mobil zugänglich machen kann.

IT-DIRECTOR: Um die Geschäftsprozesse zunehmend miteinander zu verbinden, brauchen die Unternehmen aber grundlegende mobile Konzepte?
J. Müller:
Natürlich kommt es immer darauf an, wo die Unternehmen gerade stehen und wie ihre mobilen Strategien aussehen. Manche Unternehmen möchten lediglich E-Mails mobil verfügbar machen, andere denken über neue Geschäftsprozesse nach und wie diese über mobile Anbindungen unterstützt werden können.

Entscheidend ist: Sobald Daten mobil bereitgestellt werden, müssen sie abgesichert sein. In den Unternehmen gibt es seit langem Policies und Richtlinien, die besagen, dass nicht jeder Mitarbeiter an jeden beliebigen Rechner kommt. Es gibt Firewalls und gesperrte USB-Ports. Ähnliches muss auch für mobile Geräte gelten, weil es letztlich die gleichen Daten sind. Mobil sind sie allerdings einem noch viel größeren Risiko ausgesetzt. Das beginnt damit, dass ein Gerät kurz offen auf dem Schreibtisch liegenbleibt und dadurch zugänglich ist. Oder dass es verlorengeht, im Taxi oder im Hotel. Dann könnten Fremde Kunden- und Geschäftsdaten auslesen. Das darf natürlich nicht sein.

IT-DIRECTOR: Wie groß ist denn das Interesse von Blackberry-Bestandskunden an den hinzugekauften Produkten?
J. Müller:
Wenn eines unserer Produkte in einem Unternehmen eingesetzt wird, versuchen wir natürlich, dort weitere Lösungen zu positionieren. Wir gehen die bestehende Kundenbasis aktiv an, um ihr die neuen Produkte näherzubringen. Ein Produkt wie AtHoc hat in dem von uns angebotenen Umfang keine direkten Mitbewerber. Wir adressieren mit diesem Produkt ganz andere Bereiche in Unternehmen als unsere Ansprechpartner zu unseren klassischen Produkten.

Sowohl bei der Neukundengewinnung als auch bei der Erweiterung des Produktportfolios bei Bestandskunden spielt bei uns immer das Thema Security als übergeordnete Kategorie die entscheidende Rolle: ein sicheres Device, eine sichere Applikation, ein sicheres Telefonat, ein sicheres Dokument oder ein sicherer Prozess im Falle von AtHoc. Sicherheit ist immer die Leitlinie, entlang der wir uns positionieren.

Beim Thema Security hat Blackberry nach wie vor ein starkes Renommee. Gartner hat gerade im letzten Report zu Critical Capability for High-Security Mobility Management bestätigt, dass wir die sicherste EMM/MDM Lösung anbieten. Wenn es um regulierte Branchen mit hohen Sicherheitsanforderungen geht, können wir in der Kombination unserer Software und der Endgeräte die höchsten Sicherheitsstandards bieten.

IT-DIRECTOR: Inwieweit wird der Weg vom Hard- zum Software-Anbieter dadurch untermauert, dass der Blackberry schlechthin, der Classic, kürzlich aufgekündigt wurde?
J. Müller:
In dem Sinne, dass wir in der Tat den Turnaround in Richtung eines Software-Unternehmens machen wollen. Das ist erklärtes Ziel, einfach, um die Abhängigkeit vom reinen Device-Geschäft zu reduzieren.

IT-DIRECTOR: Weil es rückläufig war...?
J. Müller:
Es war rückläufig. Nichtsdestotrotz hat John Chen die Maßgabe ausgegeben, dass wir in allen Geschäftsbereichen profitabel sein wollen, auch im Device-Bereich. Dazu sind entsprechende Maßnahmen ergriffen worden, um schlanker zu produzieren und auch neue Prozesse einzuführen. In dem Moment, in dem in jedem Produktfeld Profitabilität erreicht wird, gibt es keinen Grund, Entscheidungen mit weitreichenden Auswirkungen zu treffen.

IT-DIRECTOR: Trotz des Wandels in Richtung Software-Unternehmen bieten Sie jetzt Geräte mit Android an? Was ist das Besondere an Ihren Android-Geräten? Der Markt scheint ziemlich gesättigt.
J. Müller:
Es geht ja nicht allein darum, Android-Geräte auf den Markt zu bringen. Diese Smartphones sind vielmehr das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Google und Blackberry. Google hatte großes Interesse daran, endlich eine sichere Plattform für Android zu bauen. Das Betriebssystem hat zwar im Consumer-Bereich eine riesige Verbreitung, im Enterprise-Segment war es aufgrund von Sicherheitsproblematiken hingegen oftmals nicht erste Wahl.

IT-DIRECTOR: Ist Google auf Sie zugekommen?
J. Müller:
Dies beruhte auf Gegenseitigkeit.

IT-DIRECTOR: Woran hat es denn bei Ihrem eigenen Betriebssystem gehapert?
J. Müller:
Mit BB10 haben wir eine sehr sichere und hinsichtlich ihrer Handhabbarkeit sehr produktive Lösung. Unser Manko besteht darin, dass unsere App-Community nicht ausreichend gewachsen ist. Für die Endverbraucher ist App-Vielfalt jedoch ein entscheidendes Kriterium. Nun führen wir beide Welten zusammen, indem Blackberry das Security-Know-how einbringt und Google die weitverbreitete Android-Plattform.

Es gibt mittlerweile bereits gemeinsame Projekte für Google-Produkte wie Android for Work, an denen beide Teams arbeiten.

In unseren Geräten werden außerdem von Werk aus diverse Sicherheitsfunktionalitäten verbaut, die beispielsweise den Boot Prozess monitoren und die man nur in unseren Geräten findet. Somit wird bereits in der Produktion sichergestellt, dass keine Malware aufgespielt werden kann.

IT-DIRECTOR: Um welche Sicherheitsfunktionalitäten handelt es sich?
J. Müller:
Es sind sowohl hardware- als auch softwareseitige Komponenten, mit denen wir die Devices zusätzlich absichern. Vor einiger Zeit ging die Meldung durch die Presse, dass einige Geräte mit Qualcomm-Prozessoren gehackt worden seien. Das PRIV hingegen konnte nach unserer Kenntnis seit seiner Markteinführung im November 2015 noch keinmal gehackt werden.

Darüber hinaus liefern wir unsere Geräte mit der Sicherheits-App DTEK aus. DTEK ermöglicht es den Nutzern, nachzuvollziehen, welche Gerätefunktionen Apps gerade ansteuern. Der Nutzer kann den Apps entsprechende Rechte wie den Zugriff auf die Kamera oder das Mikrofon entziehen.

IT-DIRECTOR: Das konnten Android-Geräte bislang nicht?
J. Müller:
Nein. Der Nutzer hat die Rechte akzeptiert, die ein App von ihm verlangt oder er konnte die App nicht installieren. Wir haben einmal zu Testzwecken unser PRIV mit aktivierter DTEK Software 14 Tage lang in unserem Büro liegenlassen. In dieser Zeit stellte DTEK fest, dass allein über Social Media 250.000 Mal auf die Kontakte zugegriffen hatte. Dass dies geschieht, war weniger überraschend als die schiere Anzahl der Zugriffe. Für vier Minuten war zudem das Mikrofon angeschaltet gewesen. Daran sieht man, wie wichtig Sicherheit ist.

Unsere DTEK-Applikation zeigt den derzeitigen Sicherheitsstatus an, eine Liste zeigt die Aktivitäten einzelner Apps. Manche Apps fragen wie beschrieben pausenlos Nutzerdaten ab. Mit der DTEK-Applikation lässt sich dieser ungewollte Zugriff auf die Kontakte oder das Mikrofon unterbinden. Dies ist zwar vor allem für private Nutzer wichtig, weil Enterprise-Daten ohnehin in sicheren Containern liegen sollten.

Insgesamt bin ich sicher, dass der Ansatz, entsprechende Sicherheitsfeatures in Hardware und Software direkt im Device ab Werk zu verbauen, für Unternehmen durchaus ein Kriterium sein wird.

IT-DIRECTOR: Wie geht es denn weiter mit der Weiterentwicklung der Blackberry-eigenen Geräte-Software. Sie sprachen eben die Schwierigkeiten an, Entwickler für die Apps zu bekommen, weswegen ja dann auch der Schritt zu Android erfolgte.
J. Müller:
Wir werden die Entwicklung über die nächsten sechs bis neun Monate beobachten. Es wird definitiv noch zwei weitere Releases für Blackberry 10 inklusive Weiterentwicklungen geben. Stand jetzt ist für diesen Zeitraum kein neues BB10-Gerät angedacht, aber auch nach der Abkündigung des Classic sind mit dem Leap und dem Passport weiterhin zwei BB10-Devices verfügbar. Gerade in besonders regulierten Bereichen wie Behörden oder Regierungseinrichtungen ist dies eine wichtige Thematik, so dass wir diese Plattform weiterhin im Fokus behalten.

IT-DIRECTOR: Trotzdem sind viele Blackberry-Anwender gerade verunsichert...
J. Müller:
Weil wir es zugelassen haben, dass Firmen wie Mobile Iron und Airwatch in den Markt eindringen konnten und weil wir für Unternehmen, die auf iOS- und Android-Plattformen unterwegs waren, kein attraktives Angebot bereithalten konnten.

Dies hat sich jedoch grundlegend geändert, mittlerweile verfügen wir über dieses attraktive Angebot. Die Wettbewerber haben ihre Stärken und Schwächen in einzelnen Bereichen. Wenn es nun um die Verknüpfung der Bereiche Security und Produktivität geht, sind wir unseren Mitbewerbern in meinen Augen voraus.

Natürlich starten wir derzeit verstärkt Initiativen, die Anwender davon zu überzeugen, auf eine offene Plattform zu setzen. Es gibt nach wie vor sehr viele Unternehmen, die ihre Blackberry-Geräte über den BES betreiben und zusätzlich eine zweite Plattform für die Administrierung aller Nicht-BB10-Geräte im Einsatz haben. Wir sind jedoch der einzige Anbieter, der mit seiner Plattform alle Devices einbinden kann.

IT-DIRECTOR: Welche Branchen stehen denn aktuell im Fokus?
J. Müller:
Mobile Applikationen sind ein horizontales Thema, das über alle Branchen reicht. Unsere Kunden finden Sie in allen Bereichen der Wirtschaft – globale und mittelständische Unternehmen. Inbesondere in Unternehmen mit hohen Sicherheitsanforderungen können wir uns von unserem Wettbewerb distanzieren, z.B. in der Finanzindustrie oder im öffentlichen Bereich.

IT-DIRECTOR: Wie betreuen Sie die Kunden?
J. Müller:
Wir arbeiten alleine in Deutschland mit über 200 Partnern zusammen. Diese Partner haben unterschiedliche Schwerpunktbereiche, einige sind spezialisiert auf Großunternehmen, andere eher auf den Mittelstand. In letzter Zeit stellen wir insgesamt fest, dass zunehmend auch kleinere Unternehmen über mobile Sicherheit nachdenken.

IT-DIRECTOR: Welche sind die nächsten Schritte in der deutschen Vertriebsorganisation?
J. Müller:
Unser Geschäftsjahr beginnt am 1. März, wir sind jetzt also gerade einmal drei Quartale in der neuen Konstellation Blackberry und Good am Markt. Folglich sind wir noch dabei, verschiedene Dinge anzuschieben.

Zunächst wollen wir zur vollen Mannschaftsstärke gelangen. Derzeit suchen wir Vertriebsmitarbeiter, um unser Kerngeschäft nach vorne zu treiben. Darüber hinaus haben wir mit den Produkten AtHoc und Watchdox neue Lösungen am Start, die zwar in den USA schon etabliert sind, die wir jetzt aber in den deutschen Markt hineintragen wollen. Es geht nun also vorrangig darum, sich mit dem gesamten Portfolio neu zu positionieren und weitere Bereiche neben unseren angestammten abzudecken.

IT-DIRECTOR: Inwiefern engagiert sich Blackberry bei Zukunftsthemen wie dem Internet of Things?
J. Müller:
Vor zwei Monaten erst haben wir eine Lösung namens BlackBerry Radar auf den Markt gebracht, die in den Kontext ‚Internet of Things’ hineinspielt. Radar ist eine Tracking-Lösung für Container. Es ist eine kleine Box, die an dem Container angebracht wird und mehrere Jahre wartungsfrei läuft. Die Box ermittelt, wo sich der jeweilige Container gerade befindet und in welchem Zustand er ist, etwa hinsichtlich Temperatur und Beladung.

Dies ist eher Standardgeschäft, interessant ist aber die Möglichkeit, Alarme zu verabreden. Wenn ein Container von Rotterdam nach New York verschifft wird, kann man einen Alarm auslösen, wenn beispielsweise auf dem Atlantik die Türe geöffnet wird. Oder über die Positionierung auf einem LKW lässt sich feststellen, ob sich ein Container noch auf der verabredeten Route befindet. Wenn nicht, kann man sofort Maßnahmen ergreifen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11/2016. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Radar ist eine Kombination aus Blackberry-Hardware – dass wir Hardware bauen können, haben wir bewiesen –, der Sensortechnologie von QNX und der Alarmtechnologie von AtHoc. Mit Radar bringen wir diese Technologien zusammen und können sehr zukunftsweisende Lösungen bauen.

IT-DIRECTOR: Das wäre dann eine Komponente des vielbeschworenen Internet der Dinge. Wo sehen Sie Blackberry in diesem Umfeld?
J. Müller:
Hier muss ich erneut QNX erwähnen: Über 60 Mio. Fahrzeuge verfügen bereits über eine QNX-Schnittstelle, die sie mit dem Internet verbindet. Auch und gerade im Zusammenhang mit dem Internet of Things ist das Thema Sicherheit wieder ganz oben zu nennen. Denn es gab ja bereits die Fälle, in denen die Software von anderen Fahrzeugen gehackt wurde.

IT-DIRECTOR: In Smart Cities müsste man einfach nur alle Ampeln auf Grün stellen, um ein Chaos auszulösen. Die Frage ist, ob solche Netzwerke mit derartig vielen Angriffspunkten überhaupt abgesichert werden können?
J. Müller:
Die Frage ist schwer zu beantworten. Man stelle sich vor, jemand hackt sich in eine Herz-/Lungenmaschine. Als Unternehmen positionieren wir uns in allen Bereichen von Security und mobiler Sicherheit, und da fällt das Thema Internet of Things natürlich ganz klar hinein. Das ist ein Riesenthema, mit dem wir uns intensiv beschäftigen.

Die Herausforderung bei den gesamten Entwicklungen im IT-Segment besteht immer darin, die eigene Produktivität zu steigern, ohne die Absicherung zu vernachlässigen. Der Spagat besteht darin, den eigenen Nutzen zu steigern und gleichzeitig die Risiken zu minimieren. Dafür gibt es Firmen wie uns, die sich um die Absicherung von Daten gerade im mobilen Umfeld kümmern.


Jürgen Müller

Alter: 55 Jahre
Werdegang: Jürgen Müller startete seine IT-Laufbahn im Jahre 1986 bei GE Information Services. Vor seiner Tätigkeit bei Blackberry unterstützte Jürgen Müller als Geschäftsinhaber der Advantecon GmbH zahlreiche IT-Start-ups beim Markteintritt. Davor stand er von 2000 bis 2009 als Area VP EMEA in Diensten von Sybase iAnywhere. Er hält ein Wirtschafts-Diplom der Uni­versität Köln.
Derzeitige Position: Managing Director Central and Eastern Europe
Hobbys: Segeln, Motorrad fahren


Bildquelle: Mike Henning

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