Hannovermesse 2015

Neustart für Industrie 4.0

Das Innovationskonzept Industrie 4.0 steht in der Kritik: Zu wenig, zu langsam, zu unbekannt. Ein Überblick über die Diskussion und den notwendigen Neustart.

Déjà-vu gefällig? Das Hauptthema der Hannovermesse ist Industrie 4.0. Schon wieder. Ginge es nach der Häufigkeit der Nennung, wäre das Zukunftskonzept ein gigantischer Erfolg. Leider sind konkrete Beispiele selten und nur wenig über den Status eines Prototyps hinausgewachsen.

„Es mangelt ja auch nicht an Ideen und Projekten. Wir haben allerdings ein Realisierungsdefizit in Deutschland“, sagt Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbands Elektrotechnik und Elektronikindustrie im Interview mit der „Welt“. Es werde viel weniger umgesetzt als möglich sei.

Weltmeister im Verbessern

Aber so richtig als Defizit erkennen kann Ziesemer das nicht, ein deutsches Silicon Valley sei unnötig. „Wir haben hierzulande einen breiten und starken Mittelstand. Der kann auch so mithalten – wenn er denn seine Strukturvorteile ausspielt und zu ständigen Veränderungen bereit ist.“

Das ist die Crux. Veränderungen, also Innovationen, sind im risikoscheuen Deutschland nicht einfach zu erreichen. Experten wie der Unternehmensberater Jürgen Stäudtner sehen Deutschland sogar im Innovationsstau.

Investitionen in Neues seien den deutschen Unternehmen in Wirklichkeit nicht besonders wichtig. „Wir zehren lieber von der Vergangenheit“, sagt Stäudtner. „Das zeigt sich in anderen Bilanzen. Geht es um Innovation, oder konkreter um Digitalisierung, sind wir Mittelfeld. Mit eher sinkender als steigender Tendenz.“

Klar, Deutschland ist Weltmeister im Verbessern von Prozessen, Produkten und Technologien. Es hat in etwas mehr als einem Jahrhundert das Auto von einer rauchenden Kutsche zu einem blitzschnellen Hightechmonster mit viel Elektronik ausgebaut. Weltweit wird zwischen Autos und Deutschen Autos unterschieden, wobei letztere bislang die Standards setzen.

Ähnlich ist es in vielen Branchen, vor allem im Maschinenbau und anderen Ingenieurdisziplinen. Weltmarktführer gibt es gleich zu Dutzenden in Deutschland. Das führt aber zu Selbstüberschätzung: Manch ein Mittelständler glaubt, dass er die Digitalisierung so ganz nebenbei stemmen kann.

Digitalisierung nicht unterschätzen

Wer mit eher traditionell eingestellten Ingenieuren der klassischen Industrien über die digitale Transformation redet, bekommt relativ schnell den Eindruck, als drehe es sich nur um altbekannte Präzisionsgeräte mit angeflanschter Vernetzungselektronik und etwas mehr Programmlogik. Motto: Das bisschen Software schaffen wir auch noch.

Der Gründungsberater Oliver Schmidt hält diese Einstellung für gefährlich: „Wer die Digitalisierung in ihrer Komplexität unterschätzt, den reißt sie mit und begräbt ihn unter sich.“ Digitalisierung oder Industrie 4.0 werde häufig nur als Verschlankung und Optimierung von Prozessen interpretiert. Schmidt: „Die Digitalisierung bringt ganz andere Umwälzungen mit sich, ob wir sie nun begrüßen oder nicht.“

Ein ganz wichtiges Element der Digitalisierung ist die Arbeitswelt. Industrie 4.0 erfordert auch ein Arbeiten 4.0, meint Digital-Evangelist Gunter Dueck. Letztlich steigen die Anforderungen an die Mitarbeiter. Es gebe viel weniger Routinejobs und viel mehr Spezialaufgaben, die den vollen Einsatz erfordern:

„Arbeit in international vernetzten Projekten in einem örtlich verstreuten Team aus verschiedenen Kulturen. Verhandeln mit Einkäufern, Managern, Projektleitern, Ingenieuren“, beschreibt er eines von vielen Elementen der neuen Arbeitswelt. Durch sie kann mehr Produktivität und Wachstum erreicht werden.

Nach einer aktuellen Studie der Boston Consulting Group (BCG) soll die Umsetzung von Industrie 4.0 in den nächsten zehn Jahren ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 30 Milliarden Euro und bis zu 390.000 neue Arbeitsplätze bringen.

Doch bis dahin sind in der deutschen Wirtschaft noch ziemlich viele Baustellen abzuschließen. Beispiele sind die nicht ausreichende Gründungsbereitschaft, die mangelnde Digitalstrategie im deutschen Mittelstand und das geringe Digital-Knowhow in den Unternehmen.

Neustart für Industrie 4.0

Solche Probleme treiben auch Prof. Dr. Tobias Kollmann um. Der NRW-Digitalbeauftragte und Entrepreneurship-Experte von der Universität Duisburg-Essen betont: „Es geht um das digitale Knowhow für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen.“

Immerhin, in der Politik ist das Thema angekommen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Auf der Hannover-Messe war der offizielle Auftakt der neuen Plattform Industrie 4.0. Sie wird von einer großen Koalition aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft getragen. Es handelt sich wirklich um einen Neustart, denn die bisherige Verbändeplattform ist vor allem dadurch aufgefallen, dass sie sich selbst im Wege stand.

Ein wichtiges Ziel der neuen Plattform: Den Transfer aus der Forschung in die Werkshallen gezielt vorantreiben. Dafür haben Politik und Wirtschaft die Themen Standardisierung, Forschung, Sicherheit, Recht, Arbeit sowie Aus- und Weiterbildung als dringend notwendige Arbeitsbereiche identifiziert.

Und offensichtlich ist den beteiligten Politikern auch bewusst, dass es jetzt höchste Zeit ist. Bereits auf dem IT-Gipfel im November 2015 sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden. Das ist ein sportliches Programm, denn weder Politik noch Verbände sind dafür bekannt, ihre Aufgaben im Laufschritt zu erledigen.

Das wird auch nötig sein, damit die recht positive Prognose der BCG-Studie eintrifft. Sie attestieren den deutschen Unternehmen eine gute Ausgangsbasis für Industrie 4.0. „Die deutsche Industrie mit ihrem führenden Automatisierungsgrad hat alle Chancen, ganz vorne mitzuspielen. Die Unternehmen können sogar eine Führungsrolle einnehmen, wenn sie jetzt entschieden handeln.“

Bildquelle: Deutsche Messe

Michael Ziesemer über den deutschen Mittelstand.

Jürgen Stäudtner über den deutschen Innovationsstau.

Oliver Schmidt über die unterschätzte Digitalisierung.

Gunter Dueck über die neue Arbeitswelt.

Die Boston Consulting Group über neue Arbeitsplätze.

Tobias Kollmann über die Baustellen der Digitalwirtschaft.

Die Plattform Industrie 4.0

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