Industrielle Revolution

Nutzen von Industrie 4.0

Im Interview bemerkt Dr. Oliver Kelkar, Associated Partner beim Prozess- und IT-Berater MHP und dort Leiter Innovationsmanagement, dass es vielen Unternehmen noch schwer fällt, den wirtschaftlichen Nutzen von Industrie 4.0 für sich zu erkennen. Hier fehlen momentan noch überzeugende Beispiele und plausible Visionen.

Oliver Kelkar, MHP

„Industrie 4.0 erfordert Mitarbeiter mit ganz neuen Profilen, die in einem vernetzten Umfeld gestalten und arbeiten“, so Dr. Oliver Kelkar, Associated Partner bei MHP.

IT-DIRECTOR: Herr Dr. Kelkar, wieweit ist das Thema „Industrie 4.0“ bereits in den Großunternehmen angekommen und wird von diesen konkret umgesetzt?
O. Kelkar:
Obwohl über Industrie 4.0 seit zwei Jahren intensiv in den Medien diskutiert wird, ist das Thema bislang nicht im gebührenden Umfang in den Unternehmen angekommen. Unsere Umfrage bei Verantwortlichen vor allem von OEM, Automobilzulieferern und Maschinen- und Anlagenbauern hat gezeigt, dass 24 Prozent den Begriff „Industrie 4.0“ gar nicht kannten. Nur knapp die Hälfte beschäftigt sich derzeit aktiv damit. Häufig beschränkt sich das aber darauf, Informationen zu gewinnen oder sich in Arbeitskreisen und Verbänden zu engagieren. Nicht einmal jedes fünfte Unternehmen setzt schon Projekte um. Grundsätzlich kann man auch sagen: Große Unternehmen engagieren sich stärker als kleine und mittlerer Unternehmen.

IT-DIRECTOR: Welche Faktoren halten die Unternehmen noch davon ab, ihre Produktion Industrie-4.0-tauglich zu gestalten?
O. Kelkar:
Vielen Unternehmen fällt es noch schwer, den wirtschaftlichen Nutzen von Industrie 4.0 für sich zu erkennen. Hier fehlen momentan noch überzeugende Beispiele und plausible Visionen. 87 Prozent der Entscheider erwarten, dass sich die aktuelle Arbeitsorganisation durch Industrie 4.0 in ein projektorientiertes Arbeiten wandelt. Diese massive Veränderung schreckt offenbar ab. Ein weiteres Problem: Es mangelt an verbindlichen Standards. An der Technologie liegt es dagegen nicht. Nur vier Prozent der Befragten waren der Meinung, die erforderlichen Produkte wären nur eingeschränkt verfügbar.

IT-DIRECTOR: Inwieweit sind die Mitarbeiter in Großbetrieben über das Thema „Industrie 4.0“ informiert und dem gegenüber eingestellt?
O. Kelkar:
Tatsächlich ist es so, dass das Wissen um und Verständnis für das Thema von Hierarchieebene zu Hierarchieebene abnimmt. Während in unserer Studie 85 Prozent der oberen Führungsebene mit dem Begriff etwas anfangen konnten, waren es auf der operativen Ebene nur 44 Prozent. Aus den Führungsetagen kommen auch fast alle Impulse zur Entwicklung des Themas, die operative Ebene hält sich quasi komplett raus. Außerdem ist das Interesse von Fachbereich zu Fachbereich unterschiedlich. Die Logistik ist bereits heute am aktivsten und plant die umfangreichsten Investitionen – allerdings auf tendenziell niedrigem Niveau.

IT-DIRECTOR: Welche Konsequenzen ergeben sich für die Mitarbeiter eines Betriebes, der Industrie-4.0-tauglich gemacht wird?
O. Kelkar:
Mit der vierten industriellen Revolution werden sich die Arbeitsprozesse in den Unternehmen massiv verändern. Durch die umfassende Automatisierung von Arbeitsschritten und von Entscheidungen werden Mitarbeiter künftig kaum noch einfachen Tätigkeiten nachgehen. Dafür werden die kreativen und wertschöpfenden Aufgaben an Bedeutung gewinnen. Gefragt sind also immer mehr hochqualifizierte Mitarbeiter, die hohen Anforderungen entsprechen müssen. Die Mitarbeiter werden aber auch ihrerseits Anforderungen an die Unternehmen stellen – vor allem werden sie auf einer besseren Vereinbarkeit von privatem und beruflichem Leben bestehen. Gesellschaftlich stellt sich damit die Frage, was mit denjenigen geschieht, die hier zurückbleiben. In den zurückliegenden industriellen Revolutionen brauchte eine gesellschaftsadäquate Kompensation teils sehr lange. Auf die lange Bank schieben sollten Wirtschaft und Politik das Thema nicht.

IT-DIRECTOR: An welchen Stellen im Betrieb, in dem die Maschinen plötzlich automatisch miteinander kommunizieren, werden überhaupt noch Mitarbeiter gebraucht? Wo sind sie regelrecht überflüssig? Können Sie konkrete Beispiele skizzieren?
O. Kelkar:
Alle Aufgaben, die unmittelbar mit der Produktion zu tun haben, werden früher oder später nahezu komplett von Maschinen übernommen werden. In der Automobilindustrie haben wir das schon beim Karosseriebau erlebt. Ähnlich ist es bei der Logistik – zumal, wenn man die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen berücksichtigt. In diesen Bereichen werden die Menschen als kreative Gestalter sowie als Kontrollinstanz agieren, um bei Bedarf intervenieren zu können. Die kreativen Arbeiten werden auf lange Sicht beim Menschen verbleiben: also beispielsweise die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen, die Kommunikation zwischen den Marktteilnehmern oder die Gestaltung attraktiver Geschäftsmodelle. Und schließlich müssen die intelligenten Maschinen natürlich auch von intelligenten Menschen gebaut und in die vernetzte Produktion eingebracht werden.

IT-DIRECTOR: Welche Rolle werden zukünftig Industrie-4.0-Fachkräfte bzw. Spezialisten spielen? Wird das HR-Management bereits auf dem IT-Arbeitsmarkt fündig?
O. Kelkar:
Um es kurz zu sagen, sie werden die zentrale Rolle spielen. Die Entwicklung wird ähnlich wie beim Mechaniker sein, der heute komplett durch den Mechatroniker ersetzt wurde. Zu unterscheiden sind folglich die Spezialisten, die die Industrie-4.0-Infrastruktur entwickeln, aufsetzen und managen, und diejenigen, die im Arbeitsprozess mit der Maschinenwelt interagieren. Menschen, die für den ersten Fall umfassend ausgebildet sind, sind momentan kaum zu finden. Denn sie müssen gleichermaßen über IT-, Ingenieurs- und Managementkenntnisse verfügen – und diese Kombination wird an Hochschulen im Grunde noch nicht gelehrt. Typische Studiengänge wie Wirtschaftsinformatik oder -ingenieurwesen decken bei weitem nicht alles ab. Bei den Anwendern ist es etwas leichter, weil sie ihre vorhandenen Qualifikationen kontinuierlich und auf einen bestimmten Bereich hin ausgerichtet ausbauen können. Unternehmen müssen daher endlich fördern, was schon seit Jahren debattiert wird, aber nur selten Realität ist: das lebenslange Lernen.

IT-DIRECTOR: Wie lassen sich die bisherigen (und insbesondere älteren) Mitarbeiter, die jahrelang nach Schema F gearbeitet haben, an die neuen Techniken heranführen? Welche Herausforderungen müssen sie meistern?
O. Kelkar:
Das Wichtigste bei Industrie 4.0 ist die Offenheit im Kopf. Ohne diese wird es schwierig. Letztlich ist es ähnlich wie beim Einzug des Computers in die Arbeitswelt. Auch hier ist es gelungen, die allermeisten Mitarbeiter mitzunehmen. Analog wird es bei Industrie 4.0 und der Zusammenarbeit Hand-in-Hand mit Robotern werden.

IT-DIRECTOR: Inwieweit ermöglicht die Umrüstung auf Industrie 4.0 vielleicht auch neue Einsatzgebiete für die bisherigen Mitarbeiter?
O. Kelkar:
Industrie 4.0 erfordert wie gesagt Mitarbeiter mit ganz neuen Profilen, die in einem vernetzten Umfeld gestalten und arbeiten. Und das können selbstverständlich auch die bisherigen Mitarbeiter sein – hier spielt das Thema andauernde Qualifikation dann eine entscheidende Rolle.

IT-DIRECTOR: Stichwort „Services“: Inwieweit lassen sich beispielsweise das Monitoring, die Wartung und Reparatur der Industrie-4.0-Maschinen intern als neue Aufgaben regeln?
O. Kelkar:
Die Überwachung und Steuerung von Cyber Physical Systems wird eine wesentliche Service-Aufgabe sein. Diese Dienste werden aber voraussichtlich nur partiell von internen Mitarbeitern übernommen. Ich gehe davon aus, dass ein großer Teil an externen Experten ausgelagert wird, die die Tätigkeiten effektiver und effizienter durchführen können und im Störungsfall mit – auch herstellerspezifischem – Know-how schnell reagieren.

IT-DIRECTOR: Was sind häufige Stolpersteine bei der Mensch-Maschine-Interaktion in Industrie-4.0-Umgebungen?
O. Kelkar:
Dies ist mit Sicherheit die Schnittstelle. Bislang müssen sich die Menschen an die Maschinen anpassen, was sich etwa durch Bezeichnungen wie „Maschinenführer“ manifestiert. Zukünftig werden die intelligenten Maschinen und Roboter sich nach dem Menschen richten und ihn unterstützen. Wesentlich dabei ist eine leicht verständliche, stark menschliche Mensch-Maschine-Schnittstelle, wie wir sie bereits teilweise von modernen Smart Devices gewohnt sind.

IT-DIRECTOR: Wie ist es um die Sicherheit und generellen Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in „smarten Fabriken“ bestellt? Müssen hier neue Regeln aufgestellt werden im Vergleich zu vorher?
O. Kelkar:
Wenn Maschinen und Roboter aus ihren engen Grenzen ausbrechen und mit den Menschen gemeinsam produzieren und transportieren, wird die Sicherheit für die Menschen in den Unternehmen erst einmal steigen. Denn den größten Teil der produzierenden und insbesondere der riskanten Arbeiten übernehmen dann die Roboter. Erkennbar ist der Nutzen bereits seit Jahren z.B. bei Katastropheneinsätzen. Gleichzeitig lässt sich die Fragen stellen, ob beispielsweise von sich selbststeuernden Drohnen neue Gefahren ausgehen könnten. Aus meiner Sicht ist diese Gefahr sehr gering, da die Sensorik eine sehr genaue Analyse des Umfeldes ermöglicht. Bleibt die Gefahr, dass die Technologie ausfällt, fehlerhaft ist oder gar manipuliert wird. Dieses Risiko kann bereits mit heute existierenden Technologien auf ein Minimum reduziert werden. Zu regeln wird auf jeden Fall sein, wer die Verantwortung trägt, wenn es doch einmal zu einem Unfall kommt. Angesichts der länder- und kontinenteübergreifenden Interaktion verschiedener Partner – Hersteller, Betreiber, Servicedienstleister und Nutzer – ist die Lage noch sehr unentschieden.

IT-DIRECTOR: Wie kann man Mitarbeitern schlussendlich die letzte Skepsis – vielleicht auch Angst – vor automatisierten Maschinen bzw. Robotern nehmen?
O. Kelkar:
Wie bei jedem Veränderungsprozess im Unternehmen müssen die Mitarbeiter frühzeitig eingebunden werden. Aktuell überwiegen die Vorbehalte deutlich. Das bedeutet, die Mitarbeiter aktiv in den Veränderungsprozess einzubinden und deren Bedenken und Wünsche ernsthaft aufzugreifen. Das Management sollte die gesammelten Einschätzungen berücksichtigen, wenn es darum geht, eine Strategie zu entwerfen. Transparenz und Klarheit sind wie in der Vergangenheit der Schlüssel, die Menschen und Mitarbeiter mitzunehmen. Risiken müssen angesprochen und eingeschätzt werden, denn letztlich zählt das Nutzen-Risiko-Verhältnis. So lassen wir uns beispielsweise im Krankenhaus behandeln, wenngleich wir um die Risiken der dort vorhandenen resistenten Erreger wissen.

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