Provider in der Pflicht

Optimierung des Breitbandnetzes

Im Interview betont Sebastian von Bomhard, Vorstand der Spacenet AG, dass ein verantwortungsbewusster Provider geradezu die Pflicht hat, das Breitbandnetz zu optimieren. So lange er dabei keine wettbewerbsverzerrenden Absichten verfolge, sei alles in Ordnung.

Sebastian von Bomhard, Spacenet

„Gefährlich für die Nutzer wird es erst, wenn sich ein Anbieter wieder zum Monopolisten aufschwingt“, warnt Sebastian von Bomhard, Vorstand der Spacenet AG.

IT-DIRECTOR: Herr von Bomhard, im Oktober 2015 hat das EU-Parlament nach längeren Verhandlungen das so genannte „EU-Telekom-Paket“ verabschiedet. Die Gemüter sind gespalten. Wer sind Ihrer Ansicht nach die Gewinner, wer die Verlierer des Beschlusses?
S. v. Bomhard:
In Bezug auf Mobilfunkgebühren sind die Verbraucher Gewinner des Beschlusses, da ab dem 30. April 2016 die Obergrenzen für Roaming-Gebühren deutlich sinken werden. Auch „Zero Rating“, also das Herausnehmen gewisser Dienste wie z.B. Musik-Streaming aus dem berechneten Datenvolumen, kann für Benutzer vorteilhaft sein, solange verhindert werden kann, dass sich einzelne Anbieter bei Zero-Rate-Angeboten Exklusivität sichern. Dies könnte über kurz oder lang dazu führen, dass man als Nutzer abwägen müsste, welches Musikangebot mit welchem Kommunikationspaket den eigenen Bedürfnissen am ehesten entspräche – und das ist dann sicher nicht mehr im Sinne der Verbraucher.

IT-DIRECTOR: Was bedeutet der Beschluss konkret für die „Netzneutralität“ in Deutschland? Inwieweit ist die Privilegierung von Daten im Internet mit der Netzneutralität vereinbar? Für wie wahrscheinlich halten Sie ein „Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür“?
S. v. Bomhard:
Zunächst bleibt festzuhalten, dass es sich beim Begriff der Netzneutralität um einen oftmals missverstandenen Mythos handelt. Die gängige Definition von Netzneutralität lautet „Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet, unabhängig von Sender und Empfänger, dem Inhalt der Pakete und der Paketanwendung“. Das hört sich sozusagen nach Chancengleichheit im Netz an, was natürlich grundsätzlich gut ist. In der Praxis werden Daten jedoch in den seltensten Fällen im Internet gleich behandelt. Gelangt ein verantwortungsbewusster Internetprovider etwa zur Erkenntnis, dass sich gerade ein Angriff auf einen seiner Kunden vollzieht, so sperrt er umgehend manuell oder automatisch die Senderadresse, wenn dies irgendwie möglich ist. Er verhält sich somit sicherlich nicht im klassischen Sinne neutral. Wenn das „EU-Telekom-Paket“ nun vorsieht, dass Provider zu einem gewissen Grad auch weiterhin den Datenverkehr regeln dürfen, dann widerspricht dies noch nicht zwangsläufig dem Grundgedanken eines offenen Internets für alle. Ein verantwortungsbewusster Provider hat geradezu die Pflicht, das Netz zu optimieren. So lange er dabei keine wettbewerbsverzerrenden Absichten verfolgt, ist alles in Ordnung.

IT-DIRECTOR: Für wie wahrscheinlich halten Sie ein „Zwei-Klassen-Netz durch die Hintertür“?
S. v. Bomhard:
Frei nach Loriot: Da gefällt mir ja schon die Frage nicht. „Klassen“ suggeriert unfaire Ungleichbehandlung, „Hintertür“ die Unterwanderung eines in sich gerechten Systems. Nun ist es aber so, dass es schon immer schnelle Breitbandanbindungen gab und billige, langsamere Leitungen, mit teilweise erheblichen Preisunterschieden, ohne gleich den Klassenkampf zu bemühen. Gefährlich für die Nutzer wird es erst, wenn sich ein Anbieter wieder zum Monopolisten aufschwingt und mit Marktmacht den Wettbewerb so verzerrt, dass die Nutzer den möglichen Benachteiligungen nicht mehr ausweichen können. Für Mobilfunk gilt, wie generell im ganzen Internet: Regelungen sind gefährlich, da sich genau da die Lücken auftun, wo die Regulierung gehofft hatte, besonders gute Regeln gefunden zu haben. Meine Empfehlung: Kostenneutralen Datenaustausch diskriminierungsfrei zwischen Providern verpflichtend vorschreiben, um den Rest dem freien Markt zu überlassen, ist für Steuerzahler, Verbraucher und die meisten Anbieter das Beste.

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