Digitale Transformation in deutschen Unternehmen

Ordentlich Schub für die Digitalisierung

Wie weit ist die digitale Transformation innerhalb ­deutscher Unternehmen fortgeschritten? Mehrere Studien bescheinigen unterschiedliche Digitalisierungsgrade.

Das Vorantreiben von Digitalprojekten soll auf höchster hierarchischer Ebene liegen.

Das Vorantreiben von Digitalprojekten soll auf höchster hierarchischer Ebene liegen.

Dass die Digitalisierung auch in den kommenden zwölf Monaten für viele Verantwortliche ganz weit oben auf der Agenda steht, geht aus einer Umfrage des Software-Herstellers Remira unter Führungskräften deutscher Unternehmen hervor. Dabei beurteilt die Mehrheit der Befragten (52 Prozent) den Digitalisierungsgrad im eigenen Betrieb insgesamt als durchschnittlich. Desweiteren würden mehr als zwei Drittel planen, in den nächsten Monaten weiter in Digitalprojekte zu investieren.

Eine positive Entwicklung, die eine Studie der Quadriga Hochschule Berlin in Kooperation mit dem Beratungshaus TMG Consultants zu unterstreichen scheint. Demnach hat sich hinsichtlich des Digitalisierungs­grads im Vergleich zum Vorjahr einiges verbessert: Waren die Bemühungen 2017 hinsichtlich einer klaren Digitalagenda noch recht unkoordiniert, so lässt sich 2018 eine deutliche Fokussierung und Professionalisierung erkennen. Bis 2017 wurden bei den Verantwortlichen lediglich alle Themen mit Bezug zur Digitalisierung einfach „abgeladen“, so die Studie. Demgegenüber seien die Digitalstrategien nun zunehmend aufgesetzt und werden Stück für Stück umgesetzt.

Finanzinstitute haben die Nase vorn


Betrachtet man einzelne Branchen, wird schnell deutlich, dass Informations- und Kommunikationstechnologiefirmen, wissensintensive Dienstleister sowie Finanz- und Versicherungsdienstleister innerhalb der deutschen Wirtschaft am stärksten digitalisiert sind. Dies bestätigen die Ergebnisse des im Juni präsentierten „Monitoring-Reports Wirtschaft Digital“. In der Studie untersuchten Kantar TNS und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie den Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft und ihrer Branchen. Hierbei wurde mit dem Wirtschaftsindex „Digital“ in einer Zahl zwischen 0 und 100 gemessen, wie weit die Digitalisierung in deutschen Firmen aktuell fortgeschritten ist und wie sie sich in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird.

Laut Index sind die Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien im Branchenvergleich erwartungsgemäß Vorreiter der Digitalisierung. Sie erreichen 2018 einen Wirtschaftsindex „Digital“ von 74 Punkten und liegen damit 20 Punkte über dem Durchschnitt aller Firmen. Einen deutlichen Digitalisierungsschub können die Finanz- und Versicherungsunternehmen erwarten, die derzeit auf Rang drei des Rankings liegen. Sie rechnen bis 2023 mit einem Plus von acht auf dann 69 Indexpunkte. Damit würde die Finanz- und Versicherungsbranche die wissensintensiven Dienstleister überholen und auf Platz zwei vorrücken. „Die Digitalisierung wird die Finanz- und Versicherungsdienstleister in den nächsten Jahren noch stärker herausfordern“, kommentiert Tobias Weber, Director bei Kantar TNS, die Ergebnisse. „Vor allem die Themen Blockchain und Künstliche Intelligenz werden an Relevanz für die Branche noch deutlich zunehmen“, so Weber weiter.

Desweiteren entspreche der Digitalisierungsgrad des Handels mit 54 Punkten aktuell exakt dem Durchschnitt aller hiesigen Unternehmen. Allerdings gebe sich die Branche zurückhaltend, was weitere Digitalisierungsvorhaben betrifft. Sie erwartet in den nächsten fünf Jahren keine signifikanten Fortschritte, so die Erhebung weiter. Im selben Zeitraum prognostizieren hingegen die Maschinenbauer ein moderates Digitalisierungstempo (plus zwei auf 50 Punkte), womit sie die am stärksten digitalisierte Industriebranche blieben. Im Vergleich dazu hat der Fahrzeugbau mit einem aktuellen Digitalisierungsindex von nur 40 Punkten immer noch deutlichen Nachholbedarf.

Weniger die Branchen als vielmehr einzelne Fachbereiche rückt die eingangs
erwähnte Remira-Studie in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Dabei zeigt der Blick in die Unternehmen, dass der Digitalisierungsgrad der Fachbereiche
Logistik, Beschaffung, Vertrieb und Marketing, Lieferantenanbindung sowie Kundenkommunikation von den Befragten ganz unterschiedlich bewertet wird. Ihren Digitalisierungsgrad in den Bereichen Logistik und Beschaffung beschreiben immerhin 24 bzw. 31 Prozent der Befragten als sehr hoch. Bei der Lieferantenanbindung treffe dies nur auf zehn Prozent zu. Den Digitalisierungsgrad in den Bereichen Vertrieb und Marketing beurteilen sogar nur drei Prozent der Unternehmensvertreter als sehr hoch.

Doch wer wird die Digitalisierung in den Unternehmen vorantreiben? Vor allem dürften dies die sogenannten Chief Digital Officers (CDO) sein, die in immer mehr Firmen auftauchen. Konkrete Zahlen zu ihrer Verbreitung lieferte die erwähnte Studie der Quadriga Hochschule. Demnach gibt es in der DACH-Region mittlerweile 320 CDOs – 2016 waren es erst 120. Weltweit seien über 2.500 CDOs im Einsatz. Zwar hat sich die Position mancherorts etabliert, von einer flächendeckenden Verbreitung kann allerdings noch keine Rede sein, insbesondere wenn man bedenkt, dass es allein hierzulande laut Statista über 3,4 Millionen Unternehmen gibt. Zwar zählen rund 3,1 Millionen davon zu den sehr kleinen Firmen, dennoch gibt es Abertausende von Mittelständlern und Tausende größere Unternehmen, sodass das Potential für die Etablierung der CDO-Position noch sehr groß ist.

Gemäß der Studie müssen Chief Digital Officers liefern und genau aufzeigen, wie sie die Digitale Transformation gestalten und meistern wollen. Fast alle Unternehmen der 370 befragten Führungskräfte besitzen erfreulicherweise eine Digitalstrategie (93 Prozent). Dabei ist die Digitalisierung meist Chef- oder CDO-Sache: Das Vorantreiben von Digitalprojekten liegt bei rund 50 Prozent der Befragten auf höchster hierarchischer Ebene. Bei zwei Dritteln aller Digitalisierungsprojekte sitzt der CDO am Ruder.

Das Ziel: digitale Prozesse


Treiben die Führungsriegen und CDOs die Digitalisierung voran, gestalten sie ihre Zielsetzungen jedoch höchst unterschiedlich. Gemäß der Quadriga-Studie ist das am häufigsten genannte Ziel die Digitalisierung von Prozessen, gefolgt von verbesserten Kundenerlebnissen, Kostenreduktion und Umsatzwachstum.
Ergebnisse, die fast deckungsgleich mit denen des „Monitoring-Reports Wirtschaft Digital“ sind. Demnach bestätigen mehr als zwei Drittel der Betriebe in Deutschland (69 Prozent), dass sich die Kommunika­tion mit Kunden durch den Einsatz digitaler Kanäle verbessert habe. Damit ist in dieser Befragung die Kundenkommunikation der meistgenannte Erfolgsfaktor der Digitalisierung.

Zu den weiteren Zielen zählen aus Sicht der Befragten auch der Aufbau von erfolgsrelevantem Wissen sowie die Verbesserung der Qualität von Produkten oder Angeboten, die jeweils von rund der Hälfte der Firmen als realisierte Digitalisierungserfolge genannt werden. Ob die mit hehren Zielen gespickten Digitalstrategien jedoch wirklich in der Realität ankommen, steht auf einem anderen Blatt. Von daher versucht die Quadriga-Studie, deren Umsetzung zu messen. Dazu herangezogen werden Key Performance Indicators (KPI) bzw. Leistungskennzahlen. Denn laut Umfrage ist die Erhebung und Nachverfolgung von KPIs erfolgsrelevant: Wer keine KPIs misst, hat tendenziell weniger Budgets, weniger Mitarbeiter und schneidet in der digitalen Gesamtperformance auch schlechter ab.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dass Digitalisierungsstrategien an der einen oder anderen Stelle ins Stocken geraten, kann an verschiedenen Umständen liegen. So ermittelte der Monitoring-Report, dass mangelnde Breitbandversorgung von Unternehmen fast schon traditionell am häufigsten als Digitalisierungshemmnis genannt wird (43 Prozent). Fast ebenso viele schreckt der Zeitaufwand (40 Prozent). 36 Prozent der Befragten nennen das fehlende Wissen ihrer Mitarbeiter als Hemmnis und 30 Prozent konstatieren einen Mangel an IT-Fachkräften.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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